Aachen - Eine Ode an die Steckdose

Eine Ode an die Steckdose

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
Steckdose
Wenn der Akku des Mobiltelefons schwach ist, beginnt die verzweifelte Suche nach der Steckdose. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Aachen. Das kleine Akkusymbol auf dem Smartphone blinkt rot. Oh, nein! Kalter Angstschweiß bricht aus. Der Puls fängt an zu rasen. Es bleiben nur wenige Minuten. Die Augen suchen hektisch nach einer Steckdose. Das darf nicht wahr sein: Weit und breit ist keine zu sehen. Was nun?

Unsere Gesellschaft ist abhängig – steckdosenabhängig, wie es die Zeitschrift „Neon“ unlängst bezeichnete. Ulkig sieht es aus, dieses kleine weiße Kästchen mit den beiden runden Löchern in der Mitte. Ein bisschen so, als säße ein Schwein in der Wand, von dem nur der Rüssel noch herausschaut. Doch die Steckdose ist die Quelle des Elixiers, das unser Smartphone, das Tablet, den Laptop am Leben hält: Strom.

Wenn der Akkubalken immer schmaler wird und die Warnung „Nur noch 15 Prozent“ auf dem Display erscheint, wird so mancher ruhige Zeitgenosse plötzlich panisch. Das eingangs beschriebene Horrorszenario mag vielen überzeichnet vorkommen, doch solche Reaktionen gibt es tatsächlich. Die Angst davor, dass das Smartphone ausgeht, hat neuerdings sogar einen Namen: Nomophobie, kurz für „No-Mobile-Phone-Phobia“. Die Symptome sind Nervosität, Beklemmung, Herzrasen und die Gier danach, das Smartphone sofort zu benutzen.
Früher, als Handys noch reine Kommunikationsinstrumente waren, hielten ihre Akkus locker drei bis vier Tage durch. Sie hatten ein kleines Display und ein schlichtes Tastenfeld. Sie konnten im Vergleich zu heute praktisch nichts und waren damit auch zu kaum etwas zu gebrauchen. Heute sind Mobiltelefone gleichzeitig Fotoapparat, Taschenlampe, Zeitung, Fahrplan, Reiseführer, Navigationsgerät, Taschenrechner und vieles andere mehr. Und obwohl die eingebauten Akkus immer leistungsfähiger werden, schaffen sie bei einem solchen Arbeitspensum oft nicht mehr als acht Stunden am Stück.

Doch die Angst vor dem leeren Akku beschränkt sich nicht nur auf das Smartphone. Wer gerade auf dem E-Book-Reader mitten in einem spannenden Kriminalroman steckt, wird sich ebenso wenig über das blinkende Akkusymbol freuen, wie der E-Autofahrer, dem der Saft ausgeht, kurz bevor er seine Garage erreicht. Die gute, alte Steckdose bekommt so eine ganz neue Bedeutung. Bevor es Laptops, Smartphones und E-Book-Reader gab, führte sie ein Schattendasein, wurde schlichtweg übersehen. In älteren Gebäuden wird das sofort deutlich – dort sind Steckdosen noch immer rar. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sie nur ab und an mal das Kabel eines Staubsaugers zu sehen bekamen, die Buchsen in öffentlichen Waschräumen vielleicht mal einen Rasierapparat oder einen Fön. Mittlerweile wundert sich kaum mehr jemand über den Anblick von Menschen, die im Schneidersitz auf Bibliotheks-, Universitäts- oder Bürofluren sitzen – Steckdosen sind ja meist nur knapp über dem Boden angebracht – und mit dem Ladekabel gierig das Stromnetz anzapfen. Während der Akku noch lädt, wird sofort wieder auf dem Smartphone herumgetippt. Alleine lassen möchte das wertvolle Gerät schließlich keiner. In modernen Zügen sind die Plätze in der Nähe von Steckdosen heiß begehrt und an Flughafen findet man die meisten Menschen – richtig – in der Nähe der Ladesäulen.

Die Königin der Steckdosen ist natürlich die Mehrfachsteckdose. Auf Klassenfahrten und Gruppenreisen bringen besonders gewiefte Reisende aus Angst vor zu wenig Buchsen einfach eine Steckdosenleiste mit – und das Problem ist gelöst. Es gibt Adapter für den Zigarettenanzünder im Auto, um unterwegs akkubetriebene Geräte aufzuladen, und natürlich die Powerbank, das wichtigste Accessoire des Konzert- und Festivalbesuchers. Doch auch die ist irgendwann leer. Und die Suche nach einer Steckdose geht von vorne los.

So gilt der suchende Blick eines Cafébesuchers selten einem vergessenen Schirm oder einer liegen gebliebenen Handtasche. Nein, wer in gebeugter Haltung unter jeden Tisch und in jede Ecke lugt, guckt meist nach einer Stromquelle. Doch er sollte vor Benutzung besser fragen. Denn die unerlaubte „Entziehung elektrischer Energie“ ist ein Straftatbestand laut Paragraph 248c des Strafgesetzbuchs. Wer nicht fragt, kann „mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“ werden. Und das, obwohl das tägliche Laden eines Smartphones aufs ganze Jahr gesehen gerade mal mit ein bis zwei Euro zu Buche schlägt.

Dort, wo Strom allerdings nur schwerlich hinkommt oder schon die Installation mit hohen Kosten verbunden ist – abgelegene Wanderhütten zum Beispiel – sind die Steckdosen deshalb manchmal abgeklebt oder ausdrücklich nur gegen Gebühr zu benutzen. Gut, der echte Wanderer sucht die Ruhe und wird vielleicht sogar freiwillig auf sein Smartphone verzichten, aber dabei hat er es wahrscheinlich trotzdem, und sei es nur als Kamera.
Stromlosigkeit oder die Angst davor können sogar ungeahnte Kräfte freisetzen.

So endete der Streit um die Benutzung einer Steckdose in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft im März 2016 laut zahlreicher Medienberichte in einer Massenschlägerei mit Verletzten. In Hamburg kam es bereits im Oktober 2015 zu einer handfesten Auseinandersetzung um den letzten Platz in einer Steckdosenleiste. Während Stromausfälle früher zu einem statistisch messbaren Anstieg der Geburtenrate führten, geraten heute viele Menschen allein bei dem Gedanken daran in Panik – zu viel hängt in unserer Gesellschaft von einer funktionierenden Energieversorgung ab. Dabei könnte ein rot blinkendes Akkusymbol auch einfach Vorfreude auslösen: auf einen ruhigen Abend, ungestörte Zeit mit Freunden oder die Chance, in einer fremden Stadt mal wieder nach dem Weg fragen zu müssen.
     

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