Ein Tag beim Dachdecker: Gemachte Nägel? Von wegen!

Von: Laura Laermann
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Als Dachdecker geht es hoch hinaus: Laura Laermann hilft Sven Felten abdichten eines Balkons im zweiten Stock. Foto: Katrin Fuhrmann
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Einen Tag lang gibt Sven Felten Volontärin Laura Laermann einen Einblick in den Alltag eines Dachdeckers. Foto: Katrin Fuhrmann
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Bei der Arbeit eines Dachdeckers kann es auch mal dreckig werden. Foto: Katrin Fuhrmann

Aachen. Da stehe ich nun morgens um halb acht inmitten von Männern, die von einer Halle in die andere laufen und ihre Busse mit Werkzeug und Material beladen. Alles muss schnell gehen. Keiner hat Zeit, aber ich hab viele Fragen. Die müssen aber erst mal warten. Denn morgens geht es hektisch zu auf dem Innenhof der Peter Düsseldorf Bedachungen GmbH in Aachen.

Die Dachdecker bereiten sich auf ihre Baustellen vor. Auch Sven Felten, der vor einem Monat seine Ausbildung beendet hat, sucht sich alles zusammen, was er zum Abdichten von Balkonen benötigt. Kurz stellt er sich vor, dann ist er schon wieder weg – die Arbeit ruft. Ich werde ihn heute begleiten und weiß jetzt schon: Es wird nicht leicht.

Mit einem voll beladenen Bus fahre ich mit Sven und seinem Kollegen Marcel zur Baustelle. Gesprächig sind die beiden nicht wirklich, ich frage aber fleißig weiter. Ich finde heraus, dass Sven eigentlich kein Dachdecker werden wollte. Sein Interesse galt zunächst dem Garten- und Landschaftsbau.

Ein Praktikum öffnete ihm aber schnell die Augen: „Drei Wochen lang habe ich nur geschaufelt. Das konnte ich mir nicht für mein ganzes Leben vorstellen.“ Schließlich überzeugte ihn die Vielseitigkeit, als er sich im Dachdeckerbetrieb seines Vaters versuchte. Er entschied sich aber, die Ausbildung in einer größeren Firma zu machen, um noch mehr Bereiche kennenzulernen.

Wie abwechslungsreich sein Beruf ist und dass nicht nur Ziegel auf Dächern platziert werden, zeigt Sven mir heute auf einem von 24 Balkonen, die er in den nächsten Wochen abdichten wird. Während der 20-Jährige wie Tarzan von Balkon zu Balkon klettert, fällt mir schon der erste Schritt auf der Leiter schwer. Ganz schön wackelig.

Wie in Zeitlupe wage ich einen Schritt nach dem anderen. Endlich auf der ersten Etage angekommen, muss ich noch zwei weitere Leitern hinauf. So langsam wird mir klar, dass nicht so sehr die Höhe das Problem ist, sondern vielmehr die unsicheren Freiräume des Gerüsts. Wenn man es darauf anlegt, kann man jederzeit herunterfallen.

Um schließlich auf den Balkon zu gelangen, muss ich vom Gerüst aus einen Meter herunterspringen. Zwischen den beiden Ebenen klafft ein halber Meter bodenloser Raum. Sven reicht mir seine Hand, es kostet mich Überwindung, aber dann nehme ich Schwung. Endlich. Nach einer gefühlt halben Ewigkeit bin ich auf dem Balkon angekommen. Zehn Minuten später ist die erste Pausenzeit, und wir müssen wieder herunter.

Keine Höhenangst, dafür handwerkliches Geschick

So ist das nun mal. Heute werde ich noch einige Male rauf und runter klettern, von Mal zu Mal gelingt es leichter. „Höhenangst kann man in diesem Job nicht gebrauchen“, sagt Sven. Außerdem sollte man auch handwerkliches Geschick für diesen Beruf mitbringen. Besonders für die Arbeiten auf dem Balkon sind nicht nur grobmotorische Fähigkeiten von Vorteil.

Zunächst legen wir auf der rohen Betonplatte eine mit PVC beschichtete Flächenbahn aus Fließ aus. Dazu schneiden wir die Bahn vorher genau nach Maß zu. Danach decken wir die Kanten der Balkonplatte mit Traufen, beschichteten Eisenbleche, ab. Auch hier passen wir die Längen an; mit Schrauben werden sie fest in der Betonplatte montiert.

Nicht ganz ungefährlich ist der nächste Schritt: Um die ausgelegte Bahn mit den Traufen zu verbinden, verwendet Sven säurehaltiges Quellschweißmittel wie eine Art Kleber. Anschließend verschweißt er diese zusätzlich mit einem Heißluftföhn, der bis zu 600 Grad erreichen kann.

Das war längst nicht alles: Wir dämmen die Wände zwischen Wohnung und Balkon, schneiden Folienbleche mit der Zinkschere zu, falzen sie und befestigen sie an Balkon und Hauswand. Den ein oder anderen Spruch vom mittlerweile redseligen Sven nehme ich schmunzelnd hin. „Das hast du wohl noch nicht so oft gemacht.“ – Ach was?, denke ich mir. „Mit deinen gemachten Nägeln ist das schwierig“.

Jetzt schaue ich etwas verwundert auf meine sogar unlackierten Fingernägel. Na gut – ein wenig hatte ich das schon erwartet. Nicht nur weil ich bisher mit Handwerk so gar nichts am Hut hatte, sondern weil es eben auch ein von Männern dominierter Beruf ist. Das hat seine Gründe.

Denn selbstverständlich gibt es auch viele Aufgaben, die nur mit Kraft zu bewältigen sind: Zementsäcke schleppen, Beton herausschlagen und die Arbeit mit dem Presslufthammer bleiben mir heute erspart. Aber es gibt auch Frauen, die sowas nicht abschreckt und die sich an den Beruf des Dachdeckers heranwagen. Dass es für sie nicht immer leicht ist, weiß Sven von einer Dachdeckerin, die er aus der Berufsschule kennt.

Die harte Arbeit fällt aber nicht nur Frauen schwer. Sven erzählt, wie ihn gelegentlich Rückenschmerzen plagen. „Die Jungspunde wollen alles alleine machen“, ruft Kollege Freddy vom Balkon nebenan herüber. Aus langjähriger Erfahrung weiß er: „Es ist besser schwere Gegenstände zu zweit zu tragen.“ Trotz der körperlichen Belastung bleibt die Arbeit als Dachdecker für Sven der Traumberuf. In zwei Jahren möchte er seinen Meisterbrief machen und dann in die Fußstapfen seines Vater treten.

Eine ungewöhnliche Begegnung

Während wir so plaudern, öffnet sich auf einmal ein Fenster hinter uns. Eine Bewohnerin des Hauses hat aufmerksam zugesehen und fragt mich: „Sind Sie Reporterin?“ Die alte Dame erzählt, dass ihr Mann, der plötzlich auch aus dem Fenster guckt, mir einen Stuhl auf den Balkon herausstellen und mir einen Tee bringen möchte. „Dann müssen Sie nicht so viel stehen.“ Ich lehne dankend ab und frage mich gleichzeitig: Sehe ich wirklich so untätig aus? Vielleicht war ich nicht die größte Hilfe für Sven, aber ich habe bei allem mit angepackt.

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