Nideggen - Ein Tag als Schreinerin: „Holz vergibt Dir nicht“

Ein Tag als Schreinerin: „Holz vergibt Dir nicht“

Von: Kristina Toussaint
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Das wichtigste Werkzeug für Azubi Kevin Brüll: die Säge. Foto: Katrin Fuhrmann
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In der Tischlerei lernt Kristina, wie schwierig es ist, sie zu führen. Foto: Katrin Fuhrmann
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Beim Führen der Säge ist besondere Sorgfalt gefragt. Foto: Katrin Fuhrmann
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Steht jeden Morgen ab 7 Uhr an der Werkbank: Azubi Kevin Brüll. Foto: Joel Stumm

Nideggen. Als ich um 7.30 Uhr bei der Schreinerei Jansen ankomme, liegt noch Nebel über den Hügeln von Nideggen. Ein paar Pferde kauen entspannt Heu. Azubi Kevin Brüll, den ich in der Werkstatt treffe, steht derweil schon seit 7 Uhr an der Werkbank. Sein aktuelles Projekt: Fußleisten abschleifen und lackieren.

Kevin ist 23 und im ersten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Tischler. Für ihn ist es also überhaupt kein Problem, zum Beispiel einen eigenen Schreibtisch zu entwerfen und dann zu bauen. Genau das will ich auch können: Holz aussuchen und dann einfach selber machen! In Kevins Ausbildungsbetrieb muss ich aber schnell feststellen, dass selbst ein gerader Schnitt mit der Säge einiger Übung bedarf.

„Versuch, das Sägeblatt so anzusetzen, dass du den Strich halbierst“, sagt Kevin. Den Strich hat er mit Bleistift angezeichnet, die Handsäge, die ich in der rechten Hand halte, ist einen halben Meter lang. Relativ weich sei das Holz, hatte Kevin gesagt. Als ich versuche, mit einer Hand so viel Druck auf das Sägeblatt auszuüben, dass dieses sich weiter als nur wenige Millimeter bewegt, kommt mir das aber ganz anders vor. Beim Bemühen um den nötigen Kraftaufwand auch noch die schmale Linie in der Mitte zu teilen, erscheint mir unmöglich. Immer weiter driftet mein Schnitt von der Markierung ab.

Kritisch müsse man mit der eigenen Arbeit sein, erklärt der Lehrling mir auf die Frage, was man als Schreiner können muss. „Holz vergibt dir nicht.“ Meinen ungleich geteilten Holzscheit muss ich in dem Fall wohl abschreiben. Ein Winkel, der an den beiden möglichst gleichmäßig ausgesägten Rechtecken zweier Hölzer zusammengefügt werden müsste, kann daraus wohl nicht mehr werden.

„Man muss präzise arbeiten, sehr genau und sorgfältig“, sagt Kevin. „Dafür braucht man ein penibles Auge, um Kratzer und Unebenheiten sofort zu erkennen.“ Und wenn man ungenau gearbeitet hat, muss man streng mit sich selbst sein. Zu perfektionistisch darf man dabei andererseits auch nicht werden: „Als Tischler muss man abwägen können, wann eine Arbeit akkurat genug ist.“ Bei robusten Möbeln für den Außenbereich gelten andere Maßstäbe als bei einer Küche.

Eine handgemachte Ausstattung für meinen neuen Balkon, das wäre für mich als Anfänger also vielleicht genau das richtige. Neben Hammer, Schraubenzieher und Akkuschrauber reicht erst einmal eine normale Handsäge, um meine Hölzer auf Länge zu bringen, meint Kevin. Für feinere Schnitte, um filigrane Teile auszusägen oder um zum Beispiel einen überstehenden Dübel bündig abzutrennen, schwört der Tischler-Lehrling aber auf eine japanische Handsäge. Deren Klinge ist schmal und flexibel, und der Griff minimalistisch.

Kevin darf, seitdem er die entsprechenden Lehrgänge absolviert hat, bereits im ersten Lehrjahr auch die großen Maschinen bedienen. Nach dem Abitur war ihm allerdings noch nicht klar, dass er einmal an der Kreisstichsäge arbeiten würde: Er schrieb sich zunächst für ein Maschinenbaustudium an der FH Aachen ein, wechselte dann zu Informatik. Schnell merkte er jedoch, dass ihm im Studium etwas fehlte.

„Schon als Kind habe ich mit meinem Vater immer wieder irgendetwas gebaut, von einem Gartenhäuschen bis hin zu Skateboard-Rampen.“ Praktika beim Schlosser und Tischler überzeugten ihn dann, sich auf eine handwerkliche Ausbildung zu bewerben. Seit er im August vergangenen Jahres die Lehre in der Tischlerei Jansen begonnen hat, weiß er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat: „Im Studium war ich abends müde vom Herumsitzen. Hier in der Ausbildung habe ich das Gefühl, dass ich genug Energie hätte, auch zehn oder zwölf Stunden am Stück zu arbeiten.“

So lange muss er zwar nie an der Werkbank stehen, weil er aber schon an die Zeit nach der Ausbildung denkt, kellnert er am Wochenende noch nebenberuflich. „Ich will mir irgendwann etwas aufbauen können. Und wenn man etwas erreichen will, muss man auch viel dafür tun.“

Mehr Erfahrung, mehr Abwechslung

Der kleine, von drei Brüdern geführte Familienbetrieb bietet den beiden Auszubildenden, die hier aktuell in der Lehre sind, viele Freiheiten. Wenn Kevin seine Aufgaben erledigt hat, kann er Werkzeug und Material nutzen, um eigene Projekte zu verwirklichen. Ein Nachttisch und Schreibtisch für zu Hause sind so bereits entstanden. „Im Vergleich zu anderen Azubis aus meiner Berufsschulklasse merke ich, wie gut ich es hier habe. Viele machen reine Akkordarbeit – ich kann hier mit wachsender Erfahrung immer mehr unterschiedliche Aufgaben übernehmen.“ Für die Zeit nach der Lehre kann Kevin sich vorstellen, noch einmal dual zu studieren und später möglicherweise als Zimmermann in der Fachwerk-Restauration zu arbeiten.

Bei mir hat es an meinem Schnuppertag nur für das Sägen gereicht. Unzufrieden schaue ich auf den Schnitt, der immer weiter von der angezeichneten Linie abweicht. „Deshalb arbeite ich besonders gern mit Massivholz“, sagt Kevin schmunzelnd. „Da kann man Fehler noch ganz gut ausbessern.“

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