Aachen - Digitales Aachen: Abendschule für „Upcycler“

Digitales Aachen: Abendschule für „Upcycler“

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
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Es klappt! Andreas Groß (l.) hat aus Schrott und gebrauchtem Material ein wärmebetriebenes Handyladegerät gebraut. Darüber staunt auch Fabian Distelkamp, der die Tüftelei beim Verein Digitales Aachen gewöhnt ist. Foto: Carsten Rose
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Zocken gehört dazu: Lan-Parties und Konsolenduelle bei DigitAc. Foto: Carsten Rose

Aachen. Das, was Andreas Groß, 25, da in der engen Hobby-Werkstatt bastelt, erkennt man erst, als er ein Handy daran anschließt: Es ist ein Handyladegerät. Aus Schrott, wie er selbst sagt. „Das sind zwei Peltier-Elemente, zwei alte Prozessorkühler, ein Spannungsregler und Blech“, sagt er.

Peltier-Elemente sind elektrothermische Wandler, die den sogenannten Peltier-Effekt erzeugen. Der entsteht bei seinem Werk so: In das Blechgehäuse, auf das die Kühler geschraubt sind, kommt eine Wärmequelle. Ein Teelicht oder brennendes Papier. Der Prozessorkühler führt kalte Luft hinzu. Kurz erklärt vom Experten: „Wenn von einer Seite heiße Luft kommt, also von unten, und von der anderen Seite kühle Luft, also durch die Prozessorkühler, kommt am Ende Strom raus.“ Fünf Volt erzeugt das Gerät, und der angeschlossene Akku lädt genauso schnell wie mit dem handelsüblichen Kabel. Kostenpunkt: keine fünf Euro. Groß hat das zugegebenermaßen unhandliche Gerät binnen zweieinhalb Stunden zusammengebaut. „Aber das zweite baue ich in 30 Minuten“, sagt er, „und ich überlege, einen Workshop dazu anzubieten.“

„Upcyclen“, also aufwerten, nennt sich das, was Andreas Groß in kleinem Stil betreibt. Der fertigstudierte Konstrukteur baut, wie es in der Tüftlersprache heißt, aus minderwertigem Schrott wieder etwas Nützliches. Den nötigen Platz, das Werkzeug und etliche Gleichgesinnte findet Groß dafür beim Verein Digitales Aachen, kurz DigitAc, in der Martinstraße.

In dem Verein treffen sich die Nerds der Umgebung, die IT-Spezialisten, die Tüftler, die, die mit der modernen Digitalität aufgewachsen sind. „Wir wollen die Digitalkultur in die Aachener Lebenswirklichkeit bringen“, sagt Jan Morten Simons, 35, der Vorsitzende des Vereins. Er ist beruflich freier Linux- und IT-Berater. „Es ist bei uns so wie in einer Abendschule in sehr lockerem Rahmen. Wir lernen hier alle voneinander.“

Bei den offenen Treffs, die dienstags ab 20 Uhr stattfinden, wird das deutlich, erklärt Fabian Distelkamp. Der 33-Jährige studiert Soziale Arbeit und ist Vorstand für Logistik. Das heißt: Er vernetzt kreative Köpfe und Bereiche und organisiert Events, über deren Erlöse sich der Verein neben Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. „Zu uns kommt echt jeder. Es ist weder alters- noch spartenbeschränkt“, sagt er. „Es kommt der Doktor, es kommt aber auch einer ohne Abschluss. Es ist die Faszination für die Technik, die die Leute zusammenbringt.“ Das jüngste Mitglied sei elf, das älteste über 50. Zu den Events, zu denen auch Lan-Parties („Wir zocken dann auch Super Nintendo“), Cosplay-Treffs und Anime-Manga-Abende gehören, würden mal 80 Leute kommen, bei den wöchentlichen Veranstaltungen könnten es auch mal nur zwei sein.

Werkstatt in alten Toilettenkabinen

Junge Bastler wie Andreas Groß sind beim sogenannten Makertreff (immer donnerstags) am besten aufgehoben. „Da wird alles selbst gebaut, sogar das Inventar in unseren Räumen“, sagt Distelkamp. In viermonatiger Eigenarbeit umgebaut wurde auch die Werkstatt, sie liegt eine Tür neben den neuen Toilettenkabinen – denn sie besteht aus den alten. Jede der fünf ehemaligen Kabinen ist ein eigener Werkbereich. In einer steht ein 3-D-Drucker, mit dem Ersatzteile oder Trophäen für die vereinseigenen Veranstaltungen erstellt werden. „Wir suchen schon eine größere Werkstatt“, sagt Distelkamp. „Wir wollen jeweils eigene Bereiche für Elektronik, Chemie oder den mechanischen Werkstoffbereich haben – das bestimmen alles die Mitglieder.“

Wer viel tüftelt, viel mit dem Computer arbeitet und viel zockt, der soll vorrangig eins beim Verein haben: Spaß. Die Digital-Experten haben aber noch einen anderen Ansatz: Bildung. Dazu gehört unter anderem eine Krypto-Woche. „Da kann man lernen, wie man seine Daten verschlüsselt und schützt, oder auch welche Programme und Messenger man am besten nutzt“, erklärt Jan Morten Simons.

Dieses Angebot ist weit von dem entfernt, was bei so manchem Langzeitprojekt bei DigitAc umgesetzt wird. Und das, was dann gebaut wird, kann mitunter weit vom Vereinsraum entfernt landen – nämlich im Universum. „Bei uns hat mal einer einen zehn mal zehn Zentimeter großen Satelliten gebaut und ins All geschossen. Er hat ihn sogar kurz empfangen, dann war er kaputt.“ Die Liebe der Tüftler zur Technik geht so weit, dass sie eine Rakete chartern. Die startet aber nicht in Aachen, sondern in Kasachstan. „Man findet die Kontakte schnell“, sagt Distelkamp. „Es ist ja alles möglich mit dem Internet.“

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