Alptraum oder Team-Event?

Von: Naima Wolfsperger
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Die virtuelle Realität kann man inzwischen auch in Aachen betreten – mit seinen Freunden. Foto: Naima Wolfsperger l

Aachen. Mit der Technik der virtuellen Realität (VR) geht mindestens ein sozialer Alptraum einher: Der einer vereinsamenden, leidenden Gesellschaft, die nur noch in der künstlichen Welt lebt, während die realen Körper langsam verkümmern. Hat diese düstere Zukunft in Aachen bereits begonnen?

„Die Aliens freilassen!“ – „Arme hoch, erst die Arme hoch!“ Während vier Menschen in einem futuristisch anmutenden Raum mit weißen Klötzen und blauem Licht stehen, klobige Brillen tragen und nicht nur wild mit den Armen fuchteln sondern sich auch noch unentwegt anbrüllen, steht in einer Zimmerecke ein Fernseher. Das Fernsehbild erklärt, warum sich die Menschen mit den dicken Brillen so seltsam verhalten. Es zeigt das, was sie sehen: eine Welt, die es nicht gibt. Die Brillen ermöglichen den Spielern den Blick in das Spiel „Chaos Commando“. Gemeinsam müssen sie versuchen, ein Raumschiff vor dem Absturz zu bewahren.

Seit einigen Monaten gibt es zwei Geschäfte in Aachen, in denen man in virtuelle Realitäten eintauchen kann, die Virtual Area und das Holo-Café. Letzteres ermöglicht auch Gruppenspiele: „Wir haben selbst viele Brillen und Programme ausprobiert, bevor wir uns für die Zusammenarbeit mit Programmierern entschieden haben, die bisher die einzigen zu sein scheinen, die Multiplayer-Software anbieten“, sagt Jutta Koppenhöfer vom Holo-Café. Das Café ist schlicht eingerichtet, die Theke ist weiß und hat eine hügelige Oberfläche. Mit dem blauen Licht wirkt der Laden nerdig. Zumindest für den Ich-probiere-es-jetzt-mal-aus-Besucher.

Von außen sieht es lächerlich aus

Die Grafik der Einzelspielmöglichkeiten sei zwar viel ausgereifter, als die Software der Gruppenspieler, sagt Koppenhöfer. „Aber Multiplayer-Spiele sind die Zukunft. Und das Spielen mit Freunden und Familie bietet ein Erlebnis, das der Einzelspieler wiederum nicht hat.“ Für die Spiele von zwei bis vier Personen setzt man zwar eine Brille auf, nicht aber die zugehörigen Kopfhörer – man muss sich unterhalten können. In der virtuellen Welt ist das Gegenüber als ein recht rudimentärer und freischwebender Roboterkörper zu sehen. Brustkorb, K0pf und zwei Stumpen, die den Kontrollern entsprechen, die die Spieler in der Hand halten. Die Bedienung ist intuitiv – und Spiele wie „Chaos Commando“ haben auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit mit sogenannten „Escape Rooms“ – man verabredet sich, um gemeinsam ein Problem zu lösen.

Auch wenn nur noch die künstliche Welt zu sehen ist, so ist man sich dennoch irgendwie bewusst, dass man noch einen Körper hat, der in der Welt zum Anfassen existiert. Und, dass es von außen wenigstens komisch, wenn nicht sogar total lächerlich aussehen muss, wenn vier Menschen sich ständig sinnfreie Worte entgegenbrüllen und mit den Armen scheinbar sinnfrei in der Luft fuchteln. Vielleicht brechen sie deshalb immer wieder in unkontrolliertes Kichern aus.

VR wird mit der Mehrfachspieler-Funktion ein Gemeinschaftserlebnis. Und so lange der Kostenfaktor das Equipment daran hindert, in normale Haushalte einzuziehen, auch ein Besonderes. Seit Jahrzehnten werden aber in Filmen wie beispielsweise Matrix, Horrorszenarien über die Zukunft der künstlichen Lebenswelt gesponnen. Der menschliche Körper dient im Film nur der reinen Lebenserhaltung. Der Geist hingegen ist in einer virtuellen Welt unterwegs, die aber das wahre Leben, die reale Erfahrung nicht vollständig ersetzen kann. Der Kern dieser Vorstellungen erlaubt einen Alptraum: eine graue Welt, in der die Menschen in verkümmerten Körpern, blass, mager und verbraucht in ihren verdreckten Wohnungen auf der Couch sitzen – mit einer VR-Brille auf der Nase.

VR für alle Altersklassen

„Ich glaube Spiele sind immer gut“, sagt Philipp Brauner. Er arbeitet an der RWTH Aachen im Human-Computer-Interaction-Center (HCIC), also im Zentrum für Mensch-Computer-Interaktion. Und die VR ist für ihn dabei einfach nur eine andere Plattform, als die des Brettspiels. „Ich bin auch davon überzeugt, dass wir nicht in der virtuellen Welt versauern. Wir werden immer wieder die Brille ablegen und unsere Freunde in der realen Welt treffen.“ Bei diesem Ansatz macht er nicht mal eine Unterscheidung zwischen jung und alt. Wie diese Spiele sogar für ältere Menschen von Interesse sein können, hat er in seiner Doktorarbeit erforscht. Seine Arbeit hat ergeben, dass VR auch Senioren Spaß machen kann. „Voraussetzung ist allerdings, dass man sie anhand ihrer Interessen entwickelt.“ Und auch gesundheitlich könnte die VR dann spielerisch helfen, „denn für die Interaktion in der virtuellen Welt müssen sich die Spieler ja wirklich bewegen“, sagt Brauner.

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