Dossier Tihange

„Tour Becquerel“: Rund 3500 Radfahrer protestieren

Von: Katharina Redanz
Letzte Aktualisierung:
14539047.jpg
Ein beeindruckendes Zeichen: Rund 3500 Menschen nahmen am Sonntag an der „Tour Becquerel“ und der Abschlusskundgebung auf dem Markt teil. Foto: Andreas Steindl
14540079.jpg
Eine Demo als Familienausflug: Wie Sven Brieger und Mareike Overs mit Emilian und Juna nahmen viele Eltern mit ihren Kindern an der „Tour Becquerel“ teil. Foto: Andreas Steindl
14539146.jpg
Als die rund 3500 Radfahrer auf dem Weg zum Markt gemeinsam noch eine Runde über den Grabenring drehten, brach dort zeitweise der Verkehr zusammen. Nach Auskunft der Polizei kam es dabei allerdings zu keinerlei kritischen Situationen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. An diesem Sonntag führten alle Wege nach Aachen. Altstadtflohmarkt, Pulse of Europe und überraschenderweise trockenes Wetter lockten Jung und Alt in die proppenvolle Innenstadt. Vor allem aber waren es Radfahrer mit schwarz-gelb dekorierten Rädern, die aus allen Himmelsrichtungen anrollten.

Von Baesweiler, Vaals, Herzogenrath, Eupen und der Eifel aus machten sich im Rahmen der „Tour Becquerel“ insgesamt rund 3500 Radfahrer mit einer klaren Botschaft auf den Weg in Richtung Markt: Tihange abschalten. Unter schrillen Klingelkonzerten und „Abschalten“-Sprechchören fuhren die Pedaltreter die unterschiedlichen Strecken und eine gemeinsame Runde um den gesamten Grabenring, was naturgemäß teilweise den Verkehr völlig zum Erliegen brachte. Kritische Situationen habe es aber nirgends gegeben, teilte die Polizei am Abend auf Anfrage mit: „Alles hat gut funktioniert, das war auch aus unserer Sicht eine gute Veranstaltung“, hieß es seitens der Leitstelle.

Minister auf dem Markt

Kurz vor 15 Uhr erreichte das Feld den Markt, wo die Abschlusskundgebung unter anderem mit NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) stattfand. Die Grünen hatten zu der Sternfahrt aufgerufen, um gemeinsam für die Abschaltung der maroden Reaktoren in Belgien zu kämpfen und ein Zeichen zu setzen. Dieses fiel weitaus deutlicher aus als geplant: „Unsere Erwartungen wurden mehr als übertroffen“, sagte Susanne Küthe, Parteigeschäftsführerin der Aachener Grünen; mit 500 bis 1000 radelnden Mitstreitern hatte sie gerechnet. „Wir alle sind völlig überwältigt.“

Sie selbst sei ab Laurensberg mit der Herzogenrath-Truppe in Richtung Markt gefahren. Ebenso Mareike Overs und Sven Brieger mit ihren Kindern: „Für uns war klar, dass wir mitfahren, wir engagieren uns seit Jahren gegen Atomkraft“, sagte Overs. „Das Kraftwerk in Tihange und auch das in Doel müssen einfach abgeschaltet werden“, fügte Brieger hinzu. „Wenn man sich mal überlegt, die Technik ist sehr alt, niemand würde sich ein Handy mit so alter Technik kaufen, dabei ist die Technik noch aus der Zeit, als es noch gar keine Handys gab!“ Dennoch würden die Kraftwerke immer noch laufen – unverständlich für ihn.

Einen etwas weiteren Weg nahmen Dina Graetz und Vincent Schepers auf sich. Sie setzten sich in Stolberg auf den Sattel: „Wir demonstrieren gegen Atomkraft und gleichzeitig für erneuerbare Energien“, sagte Schepers, dafür würde er jeden noch so weiten Weg auf sich nehmen. Vor allem aber fordern die beiden ein Abschalten der maroden Meiler und hoffen, dass sich durch Aktionen wie diese etwas ändert.

Gleiches erhoffen sich auch Christiane und Noah Schwarz sowie Bernd Weiss aus dem Frankenberger Viertel. „Es ist eine rundum tolle Veranstaltung“, sagte Christiane Schwarz, gerade dieser Protest in Form einer Fahrradtour gefalle ihr. „Es ist toll, dass so viele Leute hier sind“, sagte Schwarz, die es sich sogar an ihrem Geburtstag nicht nehmen ließ, sich für ein Abschalten von Tihange einzusetzen. „Allerdings finde ich, dass eigentlich die ganze Stadt und die gesamte Region hier mitfahren müssten“, so die Aachenerin, „es betrifft alle, und die Lage ist wirklich ernst“.

Europaweiter Atomausstieg

An letzterem hat auch Umweltminister Remmel keinen Zweifel, der in seiner Rede auf dem Markt frei nach Heinrich Heine sagte: „Denk ich an Tihange in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Auch er sei überbewältigt von der Teilnahme der Aachener. „Von Aachen aus geht heute ein ganz klarer Ruf nach Berlin und nach Belgien“, sagte der Umweltminister, der unter anderem auch für eine Abschaltung der Atommeiler in NRW plädierte sowie einen gesamt-europäischen Atomausstieg forderte. Mit lautem Applaus und immer wieder „Abschalten“-Sprechchören pflichtete die Menge ihm bei.

Mit selbstgemalten Schildern waren auch die sechsjährige Luisa und ihre Schwester Helena, acht Jahre alt, aus Würselen ganz aktiv dabei. „Wir waren schon bei der Anti-Tihange-Aktion am Europaplatz im letzten Jahr“, sagte Vater Oliver Hintz, seitdem seien die beiden Feuer und Flamme für dieses Thema. Das schlechteste sei das sicher nicht, meint er: „Wir alle wollen eine sichere Zukunft und vor allem langfristig in der Städteregion leben können“, sagte der Würselener, „daher wäre es ganz gut, jetzt mal das Ding in Tihange abzuschalten“. Und er sagte dies durchaus mit einem gewissem Sarkasmus – genau wie alle anderen Demonstrierenden auf dem Aachener Markt sei er sich der großen Dringlichkeit der Sache bewusst, betonte Hintz.

„Keine Wahlkampfaktion“

Das seien sich die Aachener Grünen auch, bestätigte Geschäftsführerin Küthe und versicherte dabei, dass die „Tour Becquerel“ keine Wahlkampfaktion gewesen sei: „Wir machen solche Aktionen so lange, bis Tihange endlich abgeschaltet ist, egal ob gerade Wahlen bevorstehen oder nicht.“

Genau darauf nicht mehr lange warten zu müssen, darauf hoffen all die engagierten Atomkraftgegner, die an diesem Sonntag aus der ganzen Region auf den Markt geradelt waren. Bis zum Schluss war der Markt gut gefüllt, nur die schrillen Klingeln wurden irgendwann leiser und zum Ausklang der Veranstaltung durch die Musik verschiedener Bands ersetzt.

Leserkommentare

Leserkommentare (5)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert