Dossier Tihange

Tihange-Widerstand wächst nach aktueller Studie

Von: René Benden
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Problematisches Kernkraftwerk: Rund 60 Kilometer von Aachen entfernt stehen die Meiler von Tihange. Foto: imago/stock & people
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Wahrscheinlichkeit einer Überschreitung des Grenzwertes für radioaktive Strahlung um mindestens das Dreifache. Quelle: Studie des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften (ISR), Wien

Aachen. Der 15. Februar 1995 hätte zum schwärzesten Tag für die gesamte Region werden können. Wäre es in den späten Morgenstunden dieses Februartages zur Explosion des Reaktorbehälters 2 im belgischen Kernkraftwerk Tihange gekommen, wäre die Region Aachen wahrscheinlich noch heute unbewohnbar.

Die Wetterlage an diesem Tag – eine spezielle Südwestströmung – war so ungünstig, dass sich die in Tihange freigesetzte Radioaktivität in extremer Form über der Region abgelagert hätte. Auch Metropolen wie Düsseldorf und Köln wären schwer getroffen worden. So steht es in einer am Donnerstag veröffentlichten neuen Studie. Angefertigt in einem renommierten Fachinstitut der Universität Wien, geschrieben von anerkannten Experten für Reaktorsicherheit.

Doch glücklicherweise ist Tihange 2 an jenem Tag nicht explodiert, und auch die Wetterlage vom 15. Februar 1995 hat sich in dieser Form nicht exakt so noch einmal wiederholt. Womit man beim Dilemma bislang aller Untersuchungen und Studien zu den umstrittenen belgischen Kernkraftwerken gekommen wäre. Denn eine unumstößliche Einschätzung, wie gefährlich die Meiler in Tihange und Doel nun tatsächlich sind, gibt es nicht – auch nicht nach Donnerstag.

Aus Sicht der politischen Vertreter der Städteregion reichte allerdings das, was ihnen am Donnerstag vorgestellt wurde, um sich parteiübergreifend darauf zu einigen, dass man die Bemühungen intensivieren muss, damit vor allem in Tihange die Blöcke abgeschaltet werden. Darüber hinaus müsse die Bevölkerung auf das Schlimmste vorbereitet werden, damit sie sich wirksam schützen könne. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie als politische Vertreter nun häufig darauf angesprochen werden, wie man sich wirksam schützen kann. Darauf müssen Sie vorbereitet sein“, sagte Städteregionsrat Helmut Etschenberg.

Und so geriet die Sitzung des Städteregionstags zeitweise zum Crashkurs: „Wie verhalte ich mich beim Super-GAU richtig?“ Pathologe Alfred Böcking vom Verein „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ empfahl unter anderem flächendeckend Staubschutzmasken zu verteilen, und im Falle der Katastrophe nicht panisch zu fliehen, sondern zu Hause zu bleiben, um sich nicht unnötig der Radioaktivität auszusetzen.

Dennoch rechne er nach einem schweren Unfall in Tihange mit rund 1000 zusätzlichen Krebstoten jährlich. Den Schulen käme ebenfalls eine große Verantwortung zu. Auch dort müssten Jod-Tabletten vorrätig sein, damit sie rechtzeitig an die Schüler verteilt werden könnten. „Sie können doch nicht ihr Kind durch den Fallout laufen lassen und ihm dann erst Jod geben“, appellierte Böcking.

Und während Beamer auf die Leinwände des Sitzungssaales Bilder von schwer missgebildeten Kindern projizierten, wurde dem ein oder anderen Zuhörer klar, dass sich die Städteregion auf einen schmalen Grad zwischen entschlossenem Handeln und Aktionismus begeben hat, auf dem zumindest die Gefahr besteht, unbegründete Panik zu verbreiten.

Einmal mehr wurde aber auch deutlich, dass die diffuse Bedrohungslage durch belgische Kernkraftwerke eine immer breitere Öffentlichkeit umtreibt. Dass Alemannia Aachen das Spiel gegen den 1. FC Köln II am 12. November dem Tihange-Widerstand widmet, indem beide Teams mit dem Schriftzug „Stoppt Tihange“ auflaufen, mag dafür nur ein prominentes Beispiel sein. Diese wachsende Bewegung wertete nicht nur Etschenberg als Auftrag der Öffentlichkeit an die Politik, sich für ein Ende der alten Kernkraftwerke auf belgischem Boden einzusetzen.

Regionale Bemühungen alleine werden nicht zum Erfolg führen. Das wissen auch die Politiker im Städteregionstag. Aus diesem Grund appellierte Etschenberg: „Das ist ein deutsches Problem.“ Selbst Städte wie Hannover und Bremen würden im Falle einer Tihange-Katastrophe betroffen sein. Da könne der Bund nicht länger ruhig zugucken. Die nächsten Wochen werden zeigen, wer sich noch in die Diskussion einschaltet.

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