Dossier Tihange

Tihange-GAU: Ein Masterplan für jede Schule?

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
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Was passiert, wenn es zu einem GAU im belgischen Atomkraftwerk Tihange kommen sollte? Eine Elterninitiative aus Würselen sucht Antworten. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Würselen. Eines Abends steht die zwölfjährige Tochter von Hans-Dieter Gehlen weinend vor ihm. Sie hat Angst. Gerade hat das Mädchen sich den Fernsehbeitrag „Tihange – wann knallt‘s?“ des Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogehswar angesehen. Was, wenn es knallt?, fragt sich das Mädchen.

Der umstrittene belgische Atommeiler Tihange 2 liegt Luftlinie nur 60 Kilometer von Aachen entfernt. Es gibt erhebliche Sicherheitsbedenken, weil sich in dem Reaktordruckbehälter des Meilers Tausende Haarrisse befinden. das führt seit Jahren zu Protesten und Sorgen in der Region.

Was aber, wenn der GAU passiert, wenn die Kinder in der Schule sind? „Ich arbeite in Aachen. Habe ich dann noch Zeit, meine Kinder abzuholen? Werden die in der Schule betreut?“ – all das sind Fragen, die sich Renner stellt. Sie hat deshalb mit Gehlen und Achim Klein von der Stadtschulpflegschaft und Achim Vollpracht vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie eine Informationsveranstaltung für Lehrer und Eltern aller Schulen in Würselen vorbereitet. Nach eigenen Angaben ist es die erste Veranstaltung dieser Art, die an alle Schulen einer Stadt gerichtet ist. Ziel ist es, sich Anfang März auszutauschen, und im Idealfall stünde irgendwann am Ende ein Plan für jede Schule.

Jodtabletten und Klebeband

Auch die Kinder von Gabriele Renner fürchten sich. Sie sind zehn, 13 und 16 Jahre alt. Als die Kinder teilweise kaum noch einschlafen können vor Sorge, ist für Renner klar, dass sich etwas ändern muss. „Ich möchte meinen Kindern zeigen, dass wir Handlungsmöglichkeiten haben“, sagt Renner. Und deshalb hat sie wie andere besorgte Menschen in Aachen und in der Städteregion Vorkehrungen getroffen für den Fall, dass ein atomarer Unfall im nahe gelegenen Akw passiert. Renner hat für ihre Familie Jodtabletten gekauft, die vor Schilddrüsenkrebs schützen sollen, auch Atemschutzmasken, die giftige Partikel abhalten sollen. In der Wohnung hat sie Wasservorräte für mehrere Tage und außerdem Klebeband, um die Fenster abzudichten. „Wir müssen nicht alle sterben“, sagt Renner ihren Kindern. Das habe sie beruhigt.

Tatsächlich gibt es keinen konkreten Plan für die Schulen und Kindergärten in der Region im Falle eines GAU in Tihange. Noch nicht. Die Kommunen arbeiten allerdings gerade daran. Zurzeit greift der allgemeine Notfallplan, erklärt der zuständige Beigeordnete der Stadt Achen, Markus Kremer. Denn auch jetzt müssten Schulen agieren, wenn es beispielsweise in der Schule brennt. Im Falle eines GAU könne man viel ruhiger agieren. Im Normalfall blieben mehrere Stunden Zeit, bis eine atomare Wolke in unserer Region ankäme, erklärt Kremer. Kinder könnten dann problemlos noch nach Hause kommen. Nur über das „Wie“ müsse eben noch geredet werden.

Oberstufenschüler können alleine gehen, aber was passiert mit Kindern, die eigentlich von den Eltern abgeholt werden? Wie stellt man sicher, dass ausreichend Busse für Kinder bereitstehen, die anders nicht nach Hause kommen? Das wären Fragen, die zurzeit noch nicht geklärt seien, so Kremer. Das müsse an den Schulen geklärt werden. Eine Verteilung der Jodtabletten sei in der Schule nicht vorgesehen. Das Land habe signalisiert, dass es die Lehrer nicht zu einer Verteilung anweisen wolle. Eine ausführliche Broschüre für den atomaren Notfall erscheint im März. Geplant ist außerdem die Anschaffung von 38.000 Atemschutzmasken für Kinder.

„Wir wollen die Masken für die Grundschule selbst anschaffen, weil uns das zu lange dauert“, sagt Gehlen. Das habe man in der Schulkonferenz überlegt. Die Initiatoren aus Würselen hoffen, dass sich nach der Veranstaltung an allen Schulen Arbeitskreise bilden. Zu einer Veranstaltung an einem anderen Gymnasium waren jedoch nur wenige Eltern erschienen. „Ich glaube, dass viele Eltern das Thema von sich weisen – aus Hilflosigkeit“, sagt Renner. Viele wollten nicht einmal, dass ihre Kinder etwas über die Atommeiler erfahren, und auch nicht über die Informationsveranstaltung. Gehlen kann das nicht verstehen. Denn: „Alles ist doch besser, als keinen Plan zu haben.“

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