Dossier Tihange

Tihange 2: Woher kommen die Risse?

Von: Madeleine Gullert
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Tihange
Die Kernkraftmeiler sind eben wegen jener Haarrisse in der Kritik und waren zeitweise bereits abgeschaltet. Foto: Oliver Berg/dpa

Aachen/Brüssel. Wissenschaftler der belgischen Universität Löwen haben erhebliche Zweifel an der Sicherheit der umstrittenen Atommeiler Tihange2 und Doel3. Betreiber Engie-Electrabel müsse neue Nachforschungen zur Ursache der Tausenden Haarrisse in den Reaktordruckbehältern anstellen, forderte einer der Autoren der Studie, René Boonen, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Kernkraftmeiler sind wegen eben jener Haarrisse in der Kritik und waren zeitweise bereits abgeschaltet. Engie-Electrabel vertritt die These, dass es sich bei den Rissen um Wasserstoffflocken handelt, die bei der Produktion der Reaktordruckbehälter entstanden seien. Kritiker hingegen glauben, dass die Risse im laufenden Betrieb entstanden sind und somit ein Sicherheitsrisiko darstellen. Letztere These stützen auch die jüngsten Untersuchungen der belgischen Ingenieure Bonnen und Jan Peirs.

„Ich weiß nicht, wie die Flocken entstanden sind, aber Electrabel weiß es auch nicht“, sagt Boonen im Gespräch mit unserer Zeitung. Alles müsse deshalb auf den Prüfstand, der wahre Grund für die Risse gefunden werden. Andernfalls müsse man die Meiler unverzüglich abschalten.

Angaben passen nicht zusammen

Es ist möglich, dass Wasserstoffflocken bei der Produktion des Stahls entstehen, aber nicht in dieser hohen Zahl – so die Theorie von Boonen und Peirs, die beide Ingenieure und unabhängige Wissenschaftler sind. Die Tatsache, dass die Zahl der Haarrisse immer weiter nach oben korrigiert wurden, habe Boonen stutzig gemacht, wie er es sagt.

Wenn sich Wasserstoff im Metal löst, sei das vergleichbar mit dem Vorgang, wenn Zucker in Kaffee gelöst werde, so Boonen. Das deutsche Unternehmen Krupp hatte nach der Herstellung des Stahls für die Reaktordruckbehälter angegeben, wie viel Wasserstoff sich darin befindet. Anhand dieser Angaben könne man ausrechnen, wie viele Wasserstoffflocken erklärbar sind, sagt Boonen. Für ihn und Peirs lassen sich auf diese Weise 1500 Wasserstoffeinschlüsse erklären, aber nicht mehr.

Im Druckbehälter von Tihange 2 befinden sich nach neuesten Erkenntnissen 3149 solcher Einschlüsse, in dem von Doel3 sind es sogar 13047. Für solch eine hohe Anzahl würde man laut Boonen aber viel mehr Wasserstoff im Metall benötigen. Die Erklärung von Engie-Electrabel sei deshalb schlichtweg falsch. Und – das ist Boonen wichtig – er sei kein Gegner von Kernenergie. Im Gegenteil: „Weder fossile Energie noch alternative Energien alleine können den Bedarf abdecken“, sagt er. „Kernenergie muss sicher sein, dann ist sie die einzige Alternative“, sagt Boonen. Er sei aber nicht für den Betrieb eines „Wracks“.

Die 40 Seiten umfassende Studie haben die beiden Ingenieure bereits im Dezember 2016 auch an die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC geschickt. Sie hat entschieden, dass die umstrittenen Meiler ans Netz dürfen und kein Sicherheitsrisiko darstellen – und bleibt auch dabei. Im Januar lud die FANC die Wissenschaftler zum Gespräch ein. Die FANC hält die Annahmen und Berechnungen aber für falsch.

„Sie beruhen auf einer Unkenntnis bezüglich der Entstehung von Wasserstoffflocken“, teilte die FANC mit. Es sei sehr wohl wissenschaftlich erklärbar, dass es Tausende Einschlüsse in den Reaktordruckbehältern gebe – und zwar seit der Herstellung. „Boonen und Peirs tragen zu der Diskussion nichts bei, was nicht schon untersucht und in Betracht gezogen worden ist“, meint die FANC. Die Wasserstoffflocken seien nicht mehr geworden und stellten auch keine Gefahr dar.

Auch Betreiber Engie-Electrabel sieht keine Veranlassung, seine Theorie zu revidieren. Man habe weltweit renommierte Experten zu Rate gezogen, sagte Sprecherin Anne-Sophie Hugé unserer Zeitung. Die Sicherheit der Reaktoren sei auch für den Betreiber oberste Priorität. Diese sei gewährleistet.

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