Aachen - Ist Tihange sicher? Atomexperte Dieter Majer bewertet Gutachten

Dossier Tihange

Ist Tihange sicher? Atomexperte Dieter Majer bewertet Gutachten

Von: Madeleine Gullert
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Atomkraftwerk Tihange Symbol Oliver Berg dpa
Ist Tihange sicher? Für unsere Zeitung hat der Atomexperte Dieter Majer eine vorläufige Bewertung des Gutachtens vorgenommen. Foto: Oliver Berg/dpa

Aachen. Die Reaktorsicherheitskommission bewertet die Risse in Tihange 2 und Doel 3 als unbedenklich. Das hat eine Stellungnahme ergeben. Für unsere Zeitung hat Dieter Majer eine vorläufige Bewertung des Gutachtens vorgenommen.

Der Ingenieur war der ranghöchste Technikexperte der Atomaufsicht. Von 1982 an arbeitete er im hessischen Umweltministerium, später dann im Bundesumweltministerium. Dort wurde er Chef der Abteilung „Sicherheit kerntechnische Einrichtungen“. Sein Urteil steht fest: „Zusammenfassend ist zu sagen, dass diese RSK Stellungnahme nicht geeignet ist, nachzuweisen, dass die Anlagen Doel3/Tihange 2 insgesamt die erforderliche Sicherheit für einen Weiterbetrieb erfüllen.“ Majer steht dem betreib der beiden umstrittenen Meiler generell kritisch gegenüber.

Eine Übersicht:

RSK: Es ist nachvollziehbar und plausibel, dass es sich bei den Befunden um herstellungsbedingte Flockenrisse handelt. Diese Hypothese steht im Einklang mit den Ergebnissen der zerstörungsfreien Untersuchungen, der Bewertung des Herstellungsprozesses (die Entstehung von Flockenrissen durch im Stahl gelösten Wasserstoff ist ein bekanntes Phänomen) und der Befundsituation an anderen Schmiedestücken, die bei der Herstellung aufgrund von festgestellten Ungänzen verworfen wurden. Diese Schmiedestücke wurden sowohl zerstörungsfrei als auch zerstörend untersucht.

Bewertung Dieter Majer: Die Formulierung der RSK läst offen, ob es nachgewiesen ist, dass die Befunde herstellungsbedingt sind.Die Formulierung „nachvollziehbar und plausibel“ besagt, dass die RSK nicht von einem naturwissenschaftlich-technischen Nachweis ausgeht. Insofern bleibt auch nach RSK offen, ob die Befunde wirklich herstellungsbedingt sind. Diese Frage ist mit von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit des Reaktordruckbehälters. Handelt es sich nämlich nicht ausschließlich um herstellungsbedingte Befunde, besteht die Gefahr eines Risswachstums während des Betriebes.

Für ein Risswachstum sprechen die wiederholt durchgeführten Ultraschallprüfungen, bei denen in nachfolgenden Prüfungen sowohl mehr Risse als auch größere Risse im Vergleich zu vorhergehenden Prüfungen festgestellt wurden. Außerdem zeigt eine Studie eines belgischen Professors, vorgetragen bei der INRAG Tagung in Aachen, dass die bei der Herstellung entstehende Wasserstoffmenge nicht ausreicht, um die hohe Anzahl der Wasserstoffeinschlüsse zu erklären.

RSK: Mit den durchgeführten zerstörungsfreien Prüfungen und ergänzenden Analysen konnte kein betriebsbedingtes Risswachstum erkannt werden. Dieses Ergebnis sollte durch die weiteren wiederkehrenden Prüfungen in den nächsten Jahren bestätigt werden.

Bewertung Dieter Majer: Auch diese Formulierung zeigt, dass die RSK betriebsbedingtes Wachstum nicht ausschließen kann. Man ist sich so unsicher, dass man weitere wiederkehrende Prüfungen fordert.

RSK: Die zerstörungsfreien Prüfungen zur Erfassung des Fehlerzustandes wurden qualifiziert. Durch Einstrahlung mit unterschiedlichen Winkeln und Fokussierungstiefen konnte der Fehlerzustand zuverlässig erfasst werden. In keinem Fall sind radiale Verbindungen zwischen Flockenrissen identifiziert worden. Der Einfluss eventueller verdeckter Risse wurde analytisch untersucht und damit gezeigt, dass solche postulierten verdeckten Risse nur einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Beanspruchungen hätten. Die zerstörungsfreien Prüfungen sind damit geeignet, die Basis für die Sicherheitsanalysen zu liefern.

Bewertung Dieter Majer: Die Aussage, dass keine radialen Verbindungen zwischen Flockenrissen identifiziert worden sind, bedeuten nicht, dass es die nicht gibt. Die benutzten zerstörungsfreien Prüfungen sind nicht in der Lage, mit Sicherheit solche radialen Verbindungen auszuschließen. Auch die RSK hält sich mit ihrer diesbezüglichen Formulierung bedeckt. Man formuliert seitens RSK nicht, dass radiale Verbindungen ausgeschlossen werden können, sondern dass solche nicht identifiziert wurden. Vor dem Hintergrund, dass die verwendeten zerstörungsfreien Prüfungen solche radialen Verbindungen nicht zweifelsfrei erkennen können, ist die RSK Aussagen ohne Wert.

RSK: Die Vorgehensweise bei der Ermittlung von Werkstoffkennwerten konnte weitgehend nachvollzogen werden. Die Übertragungskette für die Festlegung der Sprödbruchübergangstemperatur nach Bestrahlung stellt einen pragmatischen Ansatz dar. Die derzeit bekannten Unsicherheiten bezüglich des Werkstoffzustandes aufgrund des Ausmaßes der Seigerungszonen der beiden RDB werden im Hinblick auf die Sprödbruchübergangstemperatur durch Zuschläge berücksichtigt. Zur Validierung des Berechnungsmodelles wurden von der belgischen Seite unterschiedliche Versuche durchgeführt bzw. veranlasst. Diese Versuche zeigen nach Auffassung der RSK lediglich die Übereinstimmung von Berechnung und Versuch im Rahmen der anzunehmenden Streuung der Materialkennwerte für die beiden hier untersuchten spezifischen Fälle, nicht aber die Konservativität der Methode.

Aus Sicht der RSK deckt die Validierung nicht alle Beanspruchungszustände - insbesondere nicht die zu unterstellenden mehrachsigen Belastungen - und die komplexe Wechselwirkung zwischen benachbarten Rissen in einem Rissfeld ab. Zudem wurde nur eine geringe Zahl von Versuchen zur Validierung des Berechnungsmodells durchgeführt. Die RSK begrüßt vor diesem Hintergrund, dass von belgischer Seite in Zusammenarbeit mit der französischen CEA in Frankreich Versuche unter mehrachsiger Beanspruchung an vergleichbarem, rissbehafteten Material durchgeführt werden. Sie begrüßt auch die Bereitschaft der belgischen Seite, sich in deutsche Forschungsvorhaben einzubringen. Damit kann die Absicherung der Rechenmodelle weiter verbessert werden.

Bewertung Dieter Majer: Es wird von „weitgehender Nachvollziehbarkeit“ und von einem "pragmatischen Ansatz“ seitens RSK gesprochen. Dies deutet darauf hin, dass es für die RSK im Hinblick auf die Notwendigkeit, dass diese Themen nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik zu behandeln sind, Vorbehalte hat. Mit der Formulierung, „Damit kann die Absicherung der Rechenmodelle weiter verbessert werden“ bringt die RSK zum Ausdruck, dass jedenfalls derzeit, die Absicherung der Rechenmodelle nach dem Stand von Wissenschaft und Technik nicht gegeben ist.

RSK: Von der belgischen Seite wurde der Einfluss von möglichen Zugeigenspannungen an der RDBInnenseite untersucht. Für die RSK sind die Ergebnisse nachvollziehbar, die zeigen, dass solche Zugeigenspannungen einen geringen Einfluss auf die Beanspruchungen der Flockenrisse haben.

Bewertung Dieter Majer: Derzeit kein Kommentar RSK: Die Nachweise zum Thermoschock bei einem Kühlmittelverluststörfall basieren auf generischen Analysen für französische und amerikanische Anlagen mit einer rotationssymmetrischen Temperaturverteilung im RDB. Entsprechend den Ergebnissen internationaler Forschungsvorhaben stellt dies für Anlagen mit Westinghouse-Design den abdeckenden Lastfall dar. Bewertung Dieter Majer: Hier hat die RSK vermutlich versäumt zu klären, ob die Nachweise zum Thermoschock auch Reaktordruckbehälter einschließen, die Risse haben, deren Ausmaß wie oben kommentiert, nicht geklärt sind bzw. ob solche Risse beim Nachweis zum Thermoschock unterstellt wurden.

RSK: Die Anforderungen des ASME-Regelwerkes zum Nachweis einer 1,5-fachen Sicherheit bzgl. der plastischen Kollapslast werden nach Auffassung der RSK für die RDB der beiden Anlagen erfüllt. Insgesamt konnten im Austausch mit der belgischen Seite die meisten der offenen Fragen der RSK geklärt werden. Es verbleibt jedoch die Frage bezüglich einer ausreichenden experimentellen Absicherung der Berechnungsmethoden für Rissfelder. Die in Deutschland und Belgien in Zusammenarbeit mit der französischen CEA eingeleiteten Forschungsvorhaben können zu einer weiteren Absicherung der Berechnungsmethoden beitragen.

Bewertung Dieter Majer: Diese Formulierung zeigt, dass wichtige sicherheitstechnische Fragen offen sind. Eine Bewertung im Hinblick auf die Zulässigkeit des Weiterbetriebes der Anlagen hat die RSK nicht getroffen. Dies ist auch nicht Aufgabe der RSK als Beratungsgremium und deshalb nicht zu kritisieren. Entscheidend ist nun die Bewertung der RSK Stellungnahme durch das BMU. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das BMU mit dieser Stellungnahme der RSK grünes Licht für den Weiterbetrieb von Doel3 und Tihange 2 gibt.

 

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