Aachen/Tihange/Brüssel - Auch Belgien protestiert gegen Tihange

Dossier Tihange

Auch Belgien protestiert gegen Tihange

Von: Madeleine Gullert
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Auch viele Belgier fühlen sich nicht mehr wohl und sicher, solange Tihange 2 und Doel 3 am Netz sind. Immer häufiger wird auch jenseits der Grenze protestiert. Die Menschenkette von Tihange über Lüttich und Maastricht nach Aachen im vorigen Jahr hat viele Belgier wachgerüttelt. Foto: imago/Bernd Lauter/CoverSpot

Aachen/Tihange/Brüssel. Léo Tubbax ist seit mehr als 40 Jahren der Kopf der Anti-Atom-Bewegung in Belgien und führt dort die Organisation „Stop Tihange“ an. Unentwegt setzt er sich gegen den Betrieb der umstrittenen Meiler Tihange 2 und Doel 3 ein. Er wohnt in Blegny bei Lüttich, nicht weit vom Kernkraftwerk Tihange entfernt.

Schon vor der Städteregion Aachen klagte Tubbax 2016 gegen die Wiederinbetriebnahme der beiden Pannenmeiler – und scheiterte.

Trotzdem kämpft er weiter und sieht die Entwicklung in Belgien durchaus positiv. Den Menschen in dem Land werde zunehmend bewusst, wie gefährlich die Meiler mit den Tausenden Rissen in den Reaktordruckbehältern seien. Das macht sich auch bemerkbar. Langsam, aber sicher. So schlossen sich in den vergangenen Wochen Städte wie Lüttich, Verviers und Dison der Forderung der Städteregion Aachen an, die Pannenmeiler sofort abzuschalten. In Seraing wird über solch einen Antrag im kommenden Monat abgestimmt. Für Tubbax sind das wichtige Zeichen. „Die Region Aachen und das Rheinland haben kein Monopol mehr auf Anti-Nuklear-Proteste“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Angst steigt

Gründe dafür sind, dass elf Millionen Belgier inzwischen Jodtabletten für den Fall eines GAU erhalten haben, dass sie im Sommer eine beeindruckende Menschenkette mit 50.000 Teilnehmern von Aachen bis Tihange erlebt haben, und dass die Politik kurzzeitig sehr laut darüber nachdachte, die Laufzeiten der Kernkraftwerke eventuell zu verlängern. Dann stellte sich auch noch der über belgische Grenzen hinaus prominente Schauspieler Bouli Lanners an die Spitze der Anti-AKW-Bewegung. All das hat wachgerüttelt, sagte Tubbax. „Die Angst steigt, ohne das deutsche Niveau zu erreichen.“ Tubbax warnt in diesem Zusammenhang vor einer deutschen Dominanz in der Diskussion.

Seitenhieb auf Deutschland

Auch in den belgischen Kommunen kann sich manch ein Lokalpolitiker wie Muriel Bourgignon einen Seitenhieb auf Deutschland nicht verkneifen. Die Bürgermeisterin der Stadt Verviers kritisierte das Nachbarland, das einerseits Tihange 2 gern schnell vom Netz genommen sähe, aber andererseits selbst schmutzige Braunkohle produziert und somit die belgische Luft belaste.

Wenn in Deutschland wie kürzlich bei einer Tagung in Aachen internationale Kernenergieexperten der Organisation Inrag erklären, dass die Ursache der Risse in den Reaktordruckbehältern von Tihange 2 und Doel 3 nicht hinreichend geklärt sei, sorgt das in Deutschland für Aufregung. In Belgien erscheint kaum eine Zeile. Die belgische Atomaufsichtsbehörde erklärt auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Meinung der Inrag-Experten nur eine von vielen sei. „Wir bleiben bei unserer Einschätzung, dass die beiden Meiler sicher sind – und zwar trotz der Mikrorisse“, sagte Erik Hulsbosch, Sprecher der FANC.

Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers Engie-Electrabel, wiederholt seit Jahren Mantraartig die Einschätzung des Unternehmens. „Unsere Reaktoren sind sicher.“ Doch inzwischen nimmt Engie die Sorgen der Menschen ernster. Eine Homepage auf Deutsch – denn der Protest ist nach wie vor besonders ein deutscher – soll für mehr Transparenz sorgen. Mit etlichen Tests habe man nachgewiesen, dass die Meiler sicher sind, deshalb werde man sie auch weiter am Netz halten, so Hugé. Alles andere wäre für ein wirtschaftliches Unternehmen auch irrational, schließlich macht Engie jeden Tag eine Million Euro Gewinn mit den Meilern, heißt es.

Engie will die Energiewende mitgestalten

Kein Wunder also, dass der Leiter des AKW Tihange in einem Interview mit unserer Zeitung im vorigen Jahr sagte, er würde auch Tihange 2 am liebsten zehn Jahre länger am Netz halten. Heute betont Engie, dass das Unternehmen auch der größte Produzent erneuerbarer Energien in Belgien ist und die Energiewende mitgestalten will. Panikmache bezüglich Tihange 2 und Doel 3 sei aber Fehl am Platz, sagte Hugé. „Ich möchte daran erinnern, dass wir selbst die Meier gestoppt haben, als wir die Risse entdeckt haben. Aber inzwischen wissen wir, dass sie keine Gefahr darstellen.“

Die Atomaufsicht und die internationalen Experten, die hinzugezogen worden waren, würden aufgrund technischer Analysen zu dieser Erkenntnis gelangen. Direktor Jan Bens, der die FANC noch einige Tage leitet, hatte die Demonstranten immer abgekanzelt und ein wenig von oben herab behandelt. „Ich habe auch Angst vor Schlangen, aber das ist genauso irrational wie die Angst der Aktivisten vor Tihange 2 und Doel 3.“ Das ist Bens’ Lieblingsvergleich.

Immerhin ist man sich inzwischen bewusst, dass die Situation heikel sei, das Thema sensibel. Doch die Rolle der FANC sei begrenzt, sagt Hulsbosch. Man sorge für größtmögliche Sicherheit, indem die Untersuchungen weitergingen, die FANC ihre Aufgabe ernstnehme. Aber: „Die Debatte um den Atomausstieg und das Abschalten der Meiler ist eine politische, da sind wir der falsche Ansprechpartner“, sagte Erik Hulsbosch.

Doch immer wieder müssen die FANC-Experten Fragen beantworten, weil die zuständigen belgischen Minister das Thema gern umgehen. Energieministerin Marie-Christine Marghem verweist üblicherweise darauf, dass sie nicht für die Sicherheit der Meiler zuständig sei, sondern nur für die Energiestruktur Belgiens. Der für die Sicherheit zuständige Innenminister Jan Jambon wiederum verweist auf die FANC-Experten. Tenor der Politik: Die Meiler sind sicher, weil die FANC es sagt. Basta.

Belgien will sich von Deutschland nichts sagen lassen

Vor allem lässt sich die belgische Politik ungern von Deutschland etwas sagen. Es kommt nicht gut an, wenn die ehemalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) oder NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) das Aus der Meiler fordern. Man erzählt sich, dass Energieministerin Marghem bei Andreas Pinkwarts Besuch im Februar einen Stapel von Unterlagen mit Fakten zum deutschen Energiemarkt bereit hielt, um sie dem NRW-Energieminister um die Ohren zu hauen, sollte es zum Streit kommen. Marghem will die Strompreise in Belgien anders als in Deutschland niedrig halten und auch nicht die Netzunsicherheit in Kauf nehmen, die hierzulande besteht. Braunkohlestrom aus Deutschland will sie schon gar nicht.

Belgien muss seine Energiewende allein stemmen. Dafür hat Belgien nun den Energiepakt verabschiedet, der den Atomausstieg 2025 noch einmal manifestiert. Immerhin. Dazu wurde im Herbst 2017 die Bevölkerung befragt. Dass immer mehr Belgier den Atomausstieg wollen, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage des Senders RTBF. Demnach sprechen sich 55 Prozent der Brüsseler, 51 Prozent der Wallonen und 48 Prozent der Flandern dafür aus, dass die beiden Atomkraftwerke in Belgien wie vorgesehen 2015 vom Netz genommen werden.

Bei den Kommunalwahlen im Oktober und bei der Föderalwahl im kommenden Jahr könnte die Energiewende ein entscheidendes Thema werden, glaubt Tubbax. „Die Sozialisten sind gerade dabei, eine Anti-Atom-Partei zu werden, gemeinsam mit den Grünen könnten sie Belgien aus der Atomenergie führen“, sagt er.

Trendwende in Belgien

Auch Jean-Marc Nollet (Ecolo), Fraktionschef der belgischen Grünen, sieht eine Trendwende. Belgien ist nun dabei, seine eigene Tihange-Debatte zu führen. „Der deutsche Protest hat dabei geholfen.“ Außerdem hätten Abschaltungen, Untersuchungen und auch die Gefahr einer terroristischen Bedrohung die Menschen alarmiert. Neun von zehn Parteien seien nun für den Atomausstieg.

Die Mehrheitspartei NVA, der auch Innenminister Jambon angehört, hatte zuletzt als einzige für eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten plädiert, um damit den Forderungen aus der Wirtschaft nachzukommen. Da viele Belgier Angst vor einem Blackout haben, hatte auch das Argument der drohenden Stromknappheit lange gezogen. Anfang April aber stimmte selbst die NVA in Flandern zähneknirschend dem Energiepakt zu.

 

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