Staukarte

Markus Söder: Schwerer Stand im Aachener Narrenkäfig

Von: Anja Clemens-Smicek
Letzte Aktualisierung:
000005085249baa7_ANS-akv-owdte-2016-0166.jpg
Bayerns Finanzminister Markus Söder am Samstagabend im AKV-Narrenkäfig. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Karneval ist manchmal eine ernste, bisweilen höchst politische Angelegenheit. Das gilt besonders für den Oecher Karneval. Und erst recht, wenn der Orden wider den tierischen Ernst des Aachener Karnevalvereins (AKV) an einen Mann wie Markus Söder verliehen wird.

Jenen bayerischen CSU-Finanzminister, der noch in der Nacht der Anschläge von Paris in einem Twitter-Eintrag Parallelen zwischen den Attacken und der Flüchtlingskrise zog und damit landauf, landab für einen Sturm der Entrüstung sorgte. So sah sich AKV-Vorsitzender Werner Pfeil sogar genötigt, bereits im Vorfeld der Verleihung so manche Woge zu glätten.

Söder begab sich also in die Höhle des Löwen, wohl wissend, das dies kein leichter Abend werden und so manche kritische Bemerkung fallen würde.

Die vielen Spitzen trug der Ordensträger im ausverkauften Aachener Eurogress ritterlich, gar mit königlicher Würde. So hatte sich Söder, dessen ausgefallene Kostümierungen im Fasching legendär sind, als Ludwig II. gewandet. Eine gewagte Wahl, galt der wohl berühmteste bayerische König doch als labil und verschwendungssüchtig – ein Attribut, mit dem man als Finanzminister eigentlich nicht belegt werden möchte. Aber auch Söder wurde nach eigenem Bekunden vorgeworfen, er sei „ein Verschwender und würde zu lange und zu teuer bauen“. Doch der frisch gebackene Ritter reichte diesen Stab gleich nach Berlin weiter, schließlich „brauchen die für den Bau ihres Flughafens sogar noch länger als die alten Ägypter für den Bau der Cheops-Pyramide“.

Söders Vorredner ließen sich – wie erwartet – die Steilvorlage nicht entgehen, die der CSU-Mann ihnen mit seiner Flüchtlingspolemik gegeben hatte.

Cemile Giousouf, erste muslimische Bundestagsabgeordnete der CDU, philosophierte darüber, wen Deutschland schon so alles integriert habe – nicht ohne Söders besondere Schutzbedürftigkeit zu erwähnen, sei dieser doch Franke und Protestant zugleich im erzkatholischen Bayern. Dennoch müsse für den CSU-Politiker künftig eine „Obergrenze für seine selbstbeweihräuchernden Beiträge“ gelten.

Scharfzüngig, aber mit dem im Karneval nötigen Humor hielt der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, dem Ordensritter eine Strafpredigt. Er, der „echte Oecher Jung und guter Moslem“, erklärte Söder den Begriff deutsche Leitkultur und dass damit etwa nicht die Schweinshaxe als Pflichtprogramm in deutschen Schulkantinen zu verstehen sei. Söder attestierte er, mit seinen dunklen Haaren und Augen durchaus als Flüchtling durchzugehen. „Wenn sich Herr Söder drei Tage nicht rasiert, er müsste an bestimmten Bahnhöfen vor der selbst ernannten Bürgerwehr fliehen – ins nahe gelegene Flüchtlingsheim.“

Ausgestanden war es für Söder damit noch lange nicht. Ein Redner nach dem anderen zog ihn durch den Kakao, oder – wie der gemeine Bayer zu sagen pflegt – derbleckte ihn. Eine Übung, die dem Franken vom Starkbieranstich am Nockherberg allzu vertraut ist.

Während der Kölner Guido Cantz aber das Flüchtlingsthema außen vor ließ und lieber Parallelen zwischen Söder und dem designierten Karlspreisträger Papst Franziskus zog („Der Eine spricht fließend Latein, der Andere ist mit seinem Latein oft am Ende“), warnte der deutsch-marokkanische Komiker Abdelkarim vor der „Bajuwarisierung des Rheinlandes“. Ingo Appelt meinte, mit Flüchtlingswitzen für Stimmung sorgen zu können. „Söder, bevor ihr die Grenze dicht macht, stellt Plakate auf“, rief er: „Sie wollen nach Deutschland? Wir sind umgezogen. Bitte besuchen Sie uns in unserer Filiale am Bosporus.“

AKV-Ehrenpräsident Dirk von Pezold schien sich im Anschluss unter großem Beifall genötigt zu sehen, die „3000, 4000 Flüchtlinge zu grüßen, die in Aachen Schutz und Unterkunft gefunden haben“.

Und wie schlug sich Markus Söder? Die Latte hing hoch, sehr hoch sogar, nachdem die Vorjahres-Ordensträgerin und saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer 2015 eine grandiose, kabarettreife Ritterrede hingelegt hatte. In der Tat, auch an diesem Abend zeigte sich die CDU-Politikerin schlagfertig. Der Saal kam richtig in Stimmung, als sie den Mythos „Merkelscher Alleinschuld“ an den gestiegenen Flüchtlingszahlen zerstörte. Vielmehr sei dies doch auf Söders Faschingsauftritt 2015 als Mahatma Gandhi zurückzuführen: Fotos, so Kramp-Karrenbauer, die wohl um die Welt gegangen seien.

„Da haben sich die Flüchtlinge gesagt: Wenn selbst Söder friedfertig wird, können wir nach Bayern einreisen.“ So mancher im Saal munkelte da etwas hämisch, Söder werde die von der Saarländerin aufgelegte Latte wohl aufrechten Ganges unterschreiten können.

Tatsächlich hatte der CSU-Mann im Aachener Narrenkäfig einen schweren Stand. Seine Wahl, als Ludwig II. den Preisträger in dritter Person zu beschreiben, erschien bisweilen unglücklich und im Vortrag ein wenig uninspiriert. Ob ihm wohl die vielen Attacken auf die Stimmung geschlagen waren? Dabei beeilte Ludwig II. sich gleich zu Beginn zuzugeben, Söder „soll irgendeine Flegelei begangen haben. Trotzdem wollen sie ihn auszeichnen? Na ja, selber Schuld.“ Das wars dann mit der Selbstkritik. Vielmehr konnte sein Auftritt eher als Bewerbungsrede für den Posten des bayerischen Ministerpräsidenten verstanden werden. Amtsinhaber Horst Seehofer kann sich schon einmal warm anziehen.

Ohne die musikalischen Darbietungen von Vicky Leandros, den Räubern oder auch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis (als Abba-Queen außer Rand und Band), hätte man sich dennoch fast auf einem fast vierstündigen Migrationsgipfel wähnen können. Unterm Strich hätte der Abend ein wenig mehr Leichtigkeit gebraucht. Aber der Oecher Karneval ist eine ernste Sache, tierisch ernst.

Leserkommentare

Leserkommentare (12)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.