Gregor Gysi wird neuer AKV-Ordensritter

Von: Robert Esser
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Gregor Gysi
Gregor Gysi wird mit dem AKV-Orden „Wider den tierischen Ernst“ ausgezeichnet. Foto: Michael Jaspers

Dortmund/Aachen. Er linkt gern Leute, der Gysi. Darum nennt er diesen Orden „die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland“. Wer erst Rinderzüchter (1966), dann Rechtsanwalt (1971), Mitglied der SED-Nachfolgepartei PDS (1989), dann Bundestagsabgeordneter wird und als Linker zu den beliebtesten deutschen Politikern zählt, kriegt wohl jede Kurve.

Auch die zum AKV-Ordensritter wider den tierischen Ernst. Als der Präsident des Aachener Karnevalsvereins, Werner Pfeil, am Dienstagnachmittag im fürstlichen Steigenberger Hotel in Dortmund (der Umweg nach Aachen passte dem designierten Ritter nicht in der Terminplan) verkündet, dass Gregor Gysi 2017 in den Narrenkäfig auf der Aachener Eurogressbühne und vor Millionen Fernsehzuschauer tritt, hielt sich die Überraschung in Grenzen. Vor zehn Jahren hätte diese Personalie im eher konservativen karnevalistischen Lager Entsetzen und Panik ausgelöst. Der erste linke Ordensritter – heute geht das.

„Ich freue mich sehr über diesen Orden“, strahlt Gysi schelmisch. Flankiert von Pfeil, dessen Vereinsvize Roger Lothmann und zwei bewaffneten Personenschützern des Bundeskriminalamts. So viel Sicherheit braucht nicht jeder, der gerade aus dem Amt geschieden ist – für eine AKV-Pressekonferenz ist das sowieso eher untypisch. Sei‘s drum. Gysi erklärt, dass er mit witzigen Bemerkungen auch als ehemaliger Linken-Chef niemals die Politik lächerlich machen wolle. „Das funktioniert nicht“, sagt er. „Was wohl funktioniert, ist, mit Mitteln der Unterhaltung und einfachen Beispielen abgehobene politische Debatten verständlich zu übersetzen“, erläutert er.

AKV-Präsident Pfeil lobt den 1,63 Meter großen Gysi über den Klee: Er sei ein humorvoller Kämpfer für Gerechtigkeit, der verbal mit scharfer Klinge ficht, ohne dabei die Grenze zur Bösartigkeit zu überschreiten. „Ein Preuße mit rheinischen Tugenden und klaren Worten, die anprangern, ohne verletzend zu sein“, betont Pfeil. „So hat es der kleine Mann aus Köpenick geschafft, als bekennender Linker Fans bis tief ins bürgerliche Lager hinein zu gewinnen.“ Die Aufmerksamkeit des AKV habe Gysi geweckt durch seine „enorme Eloquenz, seine Fähigkeit zur Selbstironie und seinen messerscharfen Witz, mit dem er reichlich Pep in öde Bundestagsdebatten bringt“.

Die Laudatio hält am 11. Februar 2017 sein Vorgänger, der bayrische Finanzminister und Ordensritter 2016, Markus Söder (CSU). Söder war zuvor scharf angegriffen worden, nachdem er im Zusammenhang mit den Terroranschlägen von Paris die deutsche Flüchtlingspolitik kritisiert hatte. Viele Prominente und Politiker blieben daraufhin der Ordensverleihung in Aachen fern. Die ARD zeigt eine Aufzeichnung der nächsten Festsitzung am 13.Februar 2017.

Gysi ist in Aachen natürlich kein Unbekannter. Und für Gysi ist Aachen (fast) schon ein Heimspiel. Zuletzt lockte er als Redner im Rahmenprogramm der Karlspreisverleihung an Papst Franziskus Hunderte Zuhörer ins Ludwig Forum zu einer Diskussionsveranstaltung, die unsere Zeitung mit dem Karlspreisdirektorium organisiert hatte. Schon vor zehn Jahren stand er bei der AKV-Ordensverleihung als Programmpunkt im Aachener Euro-gress auf der Bühne. Da ging der Orden an CDU-Politiker Friedrich Merz. Im Vorfeld der Fernsehsitzung galt Gysis Auftritt damals im karnevalistischen Umfeld als Sensation. Doch sein Auftritt blieb blass.

Pfeil bemerkt deshalb zu Recht: „Eines hat sich seit 2006 längst geändert. Die Zahl derer, die ihn nicht mögen, ist rapide gesunken.“ Was sicher an Gysis flotter Berliner Schnauze liegt. Nicht nur Söder darf da gespannt sein. „Ich verstehe die Bayern nicht: Seit 50 Jahren immer die gleiche Regierung. In der DDR war das auch so, aber da gab‘s keine andere Möglichkeit“, sagt der Linke zum Beispiel. Karnevalistische Erfahrung sammelte Gysi übrigens im Jahr 2012 auch als Laudator für Sternekoch Alfons Schuhbeck, der von der Kitzinger Karnevalsgesellschaft mit dem Schlappmaulorden dekoriert wurde.

Ebenfalls an die süddeutsche Adresse, als er 2015 beim Starkbierfest auf dem Nockherberg eingeladen war, ging folgender Satz: „Mir ist schon schlecht, aber ich fahre trotzdem hin.“ Damals habe er festgestellt, dass Profis wie Söder nur so tun, als ob sie Alkohol trinken. „Ich war nach zwei Maß Starkbier total voll, und die waren alle nüchtern. Die haben geschummelt“, regt sich Gysi herrlich künstlich auf. Seine Erinnerung an die Ordensverleihung in Aachen? „Die CDU wurde bejubelt, sogar Ulla Schmidt ausgepfiffen, kein leichtes Pflaster für einen Linken“, bekennt er. „Mir war grottenschlecht vor Lampenfieber.“ Der AKV ist überzeugt, dass er 2017 die rechten Worte findet, der Gysi.

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