Ein linker Ordensritter? „Ausdruck einer beachtlichen Veränderung.“

Von: ac
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Probleme mit der Passform? Gregor Gysi zupft an der Narrenkappe, die er gerade vom AKV-Vorstand aufgesetzt bekommen hat. Foto: Steindl

Aachen. Er ist ein Ordensritter, der problemlos in den Narrenkäfig passt. Einer, der aber die Größe besitzt, über sich selbst zu lachen. Bescheiden steht Gregor Gysi da, im schwarzen Anzug und Krawatte, ganz anders als sein Amtsvorgänger, der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU), der weiland in pompöser Gewandung als Ludwig II. den großen Auftritt suchte.

Der überbringt seine Laudatio lieber gleich per Videobotschaft. Ob es daran liegt, dass ihm nichts Nettes über seinen Nachfolger einfällt? Der CSU-Ball in Nürnberg und die Ordensverleihung seien nicht miteinander vereinbar, begründet er sein Fernbleiben. Aber er gibt auch zu: Zwischen Bayern und Berlin lägen Galaxien.

Gysi wirkt alles andere als traurig, dass Söder nicht in Aachen dabei ist. „Ich habe Söders Laudatio gerne zugehört“, beginnt er seine Rede. Tatsächlich sei er 30 Zentimeter kürzer, nimmt er die Anmerkung Söders auf das unterschiedliche Körpermaß zwischen beiden auf, „aber leider hat er vergessen, über die Größe zu sprechen“. Nur Augenblicke benötigt der einstige Dissidentenanwalt, bis ihm die Sympathien im Saal zufliegen.

Warum gerade Gysi? Weil er es wie kaum ein anderer Politiker in Deutschland schaffe, die Menschen für politische Debatten zu faszinieren, sagt der AKV-Präsident Werner Pfeil. Gysi glänze mit politischem Witz und Ironie. „Links zu sein und beliebt bei Konservativen, diese Quadratur des Kreises schafft nur der Ordensritter“, sagt Pfeil. Dass der AKV mit dieser Entscheidung goldrichtig liegt, bezweifelt niemand.

Es sei die „wichtigste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland“, meint der 69-jährige Berliner dann auch stolz. Das ist es, was die Aachener hören wollen. Genauso wie die angebliche Anekdote, dass es seit Jahren einen Vertrag zwischen dem AKV und ihm gebe. „Du kriegst den Orden erst, wenn du aufhörst, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag zu sein“, soll Pfeil einst gesagt haben. „Weil ich so scharf auf den Orden bin, habe ich natürlich aufgehört“, erklärt Gysi mit einem Gesichtsausdruck, als könne ihn kein Wässerchen trüben.

Narretei im Käfig, nur um dann ernst festzustellen: „1990 hätte man mich für verrückt erklärt, wenn ich jemandem gesagt hätte, dass ich den Orden einmal bekomme. Dass ich ihn jetzt erhalte, ist Ausdruck einer beachtlichen Veränderung.“ Es habe ihn lange und harte Arbeit gekostet. „Wir alle haben uns verändert und ein bisschen zueinander gefunden.“ Worte, die nachhallen und nachdenklich stimmen.

Und Gysi wäre nicht Gysi, würde er den Käfigaufenthalt nicht dazu nutzen, ein ernstes Anliegen humorvoll, spritzig und mit einer gehörigen Portion Selbstironie unters Aachener Narrenvolk zu bringen: ein eindringliches Bekenntnis zu Europa, eine klare Absage an die Rechtspopulisten und einen deutschen Sonderweg.

Die Jugend wachse heute selbstverständlich ohne Grenzen auf. Sie könne es sich nicht vorstellen, zu altem Nationalstaatsdenken zurückzukehren. „Für uns Alte wären neue Grenzen schlimm, für die Jugend wären sie eine Katastrophe“, mahnt der Vorsitzende der europäischen Linken. Unter dem großen Beifall der Gäste ruft er: „Es gab noch nie einen Krieg zwischen zwei Staaten der EU.

Ich möchte nicht, dass unsere Kinder und Enkel das je erleben.“ Deshalb gelte es, die EU zu retten, nur als geeintes Europa seien wir weltpolitisch ein Faktor. Spricht da tatsächlich ein Linker?, mag sich so mancher in diesem Augenblick fragen. „Die EU muss sich deutlich verändern. Das ist aber was anderes, als sie kaputt zu machen.“ Aha, da blitzt er kurz auf, der Politiker.

Gysi, der mit dem Publikum spielt. An den CDU-Oberbürgermeister Marcel Philipp gewandt meint der Linken-Politiker mit Blick auf SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz: „Da niemand weiß, wie die Wahl 2017 ausgeht, empfehle ich Ihnen dringend, sich jetzt so intensiv wie möglich um Würselen zu kümmern.“

Den deutschen Politikern gibt er den Rat, nicht vor US-Präsident Donald Trump „zu buckeln wie die Katze. Seid rotzfrech, das ist das einzige, was ihm imponiert“.

Schon jetzt freut sich Gregor Gysi übrigens darauf, im kommenden Jahr die Laudatio auf den nächsten Preisträger halten zu dürfen. „Aber es ist mir schleierhaft, wie Sie einen Politiker mit Humor finden wollen.“ Stimmt. Der AKV hat sich die Messlatte sehr hoch gelegt.

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