Der heimliche Star sitzt hinten

Von: Robert Esser und Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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So muss eine richtige Ritterrede verfasst sein: Autor Thomas Brückner erklärt, wie er für Jürgen Rüttgers die passenden Worte gefunden hat.

Aachen. Manche Lippenbekenntnisse machen tierisch Spaß: „Wir sind gespannt auf ihre Ritterrede”, sagt Moderator Horst Wollgarten. „Ich auch”, sagt Jürgen Rüttgers auf der Bühne. Und lächelt in die Fernsehkameras. Ganz hinten im Publikum der Ordensverleihung wider den tierischen Ernst lacht Thomas Brückner. Der ist zwar auch gespannt, wie Rüttgers sich anstellt, lässt sich aber nicht überraschen.

Weil er die Ritterrede geschrieben hat. Brückner sitzt ganz bescheiden zwischen den 1400 Gästen im Eurogress und spricht leise ganze Passagen lippensynchron mit. Rüttgers ist der gefeierte Star des Abends, Brückner ist freier Drehbuchautor. Seit 1995 schreibt er fürs Fernsehen. Zuvor war er 21 Jahre Hörfunkautor.

Er hat Sitcoms für ZDF, ARD und RTL verfasst, Kinderfernsehen gestaltet und Spielfilmstorys geschrieben. Für „Küss mich Frosch” (2000, ZDF) wurde er 2001 sogar für den Emmy nominiert. Der wird in New York verliehen und gilt als renommierter Ritterschlag für jeden Drehbuchautor. Und nun hat Brückner also für einen richtigen Ritter bewährtes Material aufgearbeitet. Und wie! Rüttgers reißt mit Brückners Worten, die teils schon vor geraumer Zeit für andere Gelegenheiten geschrieben wurden, die Menschen in Aachen von den Sitzen. Der Ministerpräsident erzählt vom ganz normalen Wahnsinn eines rheinländischen Politikers im Karnevalstrubel - und bietet herrlich selbstironische Wortakrobatik. Es geht um Vereine, um sehr viel Bier und noch mehr Frikadellen. Die gibt es übrigens auch im Eurogress. 1,70 Euro das Stück. Brückners Dienste werden den Ministerpräsidenten ein paar Euro mehr gekostet haben.

Aber das war er wert. Findet auch Boris Berger. Der Wahlkampfmanager aus Rüttgers´ Staatskanzlei schaut während Rüttgers´ Auftritt am Brückner-Tisch vorbei, umarmt und drückt den Autor, während sein Chef vorne im Rampenlicht Ovationen erntet. Dabei waren im Vorfeld zehn Versionen der Rede im Umlauf, bis sich Redner und Autor auf den finalen Schliff einigen konnten. „Man musste ihn überzeugen, dass er sich selbst konsequent auf die Schippe nimmt”, sagt Brückner. „Wichtig ist, dass er nicht vom Manuskript abweicht.” Den Landesvater hatte er schon früher beraten. Aber da ging es nie darum, gemäß AKV-Tradition in einem Vogelkäfig zu stehen und Menschen zum Lachen zu bringen.

Sogar die Fernsehprofis lächeln nach der dreieinhalbstündigen Show. Nur 105 von über 200 Minuten, die von dem 100-köpfigen Team um die neue Produktionsfirma Kimmig aufgezeichnet wurden, flimmern am Montag über die Mattscheiben. Kurz vor Mitternacht strahlen hinter dem Eurogress die verantwortliche WDR-Redakteurin Katja Krüger und WDR-Unterhaltungschef Professor Axel Beyer im Ü-Wagen. „Alles wunderbar gelaufen. Es gab keinerlei technische Pannen”, sagt Krüger. Dann schickt sie einen Fahrer mit dem „EVS-System” durch die verschneite Nacht nach Köln. In dem digitalen Kästchen, halb so groß wie ein Schuhkarton, sind alle Aufnahmen der neun Saalkameras und sämtliche Tonspuren gespeichert. Ab Sonntagmorgen, 10 Uhr, wird nachbearbeitet. Bis zum Montag, 14 Uhr, muss der endgültige Zusammenschnitt für die WDR-Sendeleitung auf ein „IMX-Band” gespielt werden. Das wird dann am heutigen Abend in der Kölner Sendeleitung eingelegt und um exakt 20.15 Uhr - quasi wie bei einem fernbedienbaren Videorekorder - per Mausklick von den Computern der ARD-Zentrale in Frankfurt abgerufen. Eine 30 Minuten längere Fassung sendet der WDR im dritten Programm am Karnevalsdienstag unter dem Titel „Alles unter einer Kappe”. In der dürften dann auch - im Unterschied zur Version fürs „Erste” - Prinz Dirk IV., die Prinzengarde und alle Nummern des Deutschen Fernsehballetts zu sehen sein.

Ganz abgesehen davon, was im Quotenkampf der Fernsehgewaltigen für sendetauglich gehalten wird: Vermissen wird man in jedem Fall die fantastische „Paul Pooetz”-Nummer der 4 Amigos, die im Saal frenetisch bejubelt wurden, aber auf Druck der Regie nur Mundart-Stimmungslieder und keine Öcher Arie singen durften. Dafür wird mehr geschunkelt.

Auch vor dem großen Saal und im VIP-Bereich - wo Ralf Möller, Guido Westerwelle & Co. dinieren - fruchtet die Feierlaune: 250 Flaschen Champagner, 1200 Liter Bier und 2000 Flaschen Selters gehen bis zum Morgen über die Theken. Dazu zaubert das Team der Spielbankgastronomie herrliche Gaumenfreuden: 500 Austern und zig Kilogramm vom edlen Wagye-Rind werden verspeist. Brückner sitzt ebenfalls in der VIP-Loge. Seine Frau klopft ihm auf die Schulter, schaut in die Runde. „Ich bin soooo stolz”, sagt sie. Und das klingt nicht nach Lippenbekenntnis. Ihr Lob für den heimlichen Star des Abends meint sie tierisch ernst. Mit Recht!
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