Ultraläufer André Collet: Über die Grenze hinaus

Von: Helga Raue
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Aachen. Letztlich ist alles nur Kopfsache. Der Geist triumphiert über den Körper. „Man muss im Training die Psyche unter Druck setzen, sich selbst sagen, das Training ist ja gar nichts gegen den Wettkampf.“ André Collet setzt sich unter Druck – gewaltig. Bis zur Erschöpfung. „Die muss man dann überwinden. Man muss die richtige Psyche haben, wenn es wehtut.“

100 Kilometer auf eigenen Füßen zu bewältigen, ist eben kein Zuckerschlecken – schon gar nicht in 6:44,53 Stunden. Selbst für Collet ist das eine persönliche Bestzeit, fünf Minuten schneller, als er je zuvor über diese Strecke gelaufen ist. Schneller war in Deutschland über die 100 Kilometer seit 1983 niemand – auch in der Welt ist die Zeit spitze. Der Aachener Ultraläufer holte damit im südspanischen Los Alcázares WM-Gold in der Altersklasse M 45 und lief – gegen die versammelte Elite – auf Platz 13 in der Gesamtwertung.

„Das war ein perfektes Rennen – und das führe ich auch auf mein Alter zurück“, sagt André Collet lachend. 45 Jahre wurde der drahtige Läufer, der national im Trikot der Aachener TG unterwegs ist, im September. In dem Fall ist älter mit weiser gleichzusetzen. „In jüngeren Jahren sind schon mal die Pferde mit mir durchgegangen.“ Vielleicht weniger die Pferde, als sein Ehrgeiz, wodurch die lange Strecke zu schnell angegangen wurde. „Am Anfang muss man sich enorm zurückhalten, damit man nicht zu schnell ist, da hat man einen Tempoüberschuss“, sagt der Ultraläufer. Es ist vor allem eine Frage der Strategie, wie man die Strecke angeht. „Wenn man älter ist, besinnt man sich auf das, was man kann“, sagt Collet, der dem inneren Schweinehund selten eine Chance gibt. „Man muss das jahrelang üben, sich gegen sich selbst durchzusetzen. Ich wollte immer wissen, wann Geist und Körper sagen, ab hier geht nichts mehr, hier ist Schluss.“

Einmal in seiner Karriere erreichte Collet diesen Punkt – und überwand sich selbst. Das war 2013 in Winschoten: „Bei Kilometer 70 hatte ich besagten Punkt erreicht und überschritten. Mein Vater ist ein paar Meter mitgelaufen, und ich habe ihm was vorgeheult. 500 Meter nach unserem Verpflegungsstand bin ich nur noch gegangen, wollte mich geschlagen geben.“ Ein paar Meter weiter stand das österreichische Verpflegungsteam. „Ich wurde angeschrien, angefeuert – und habe begonnen, wieder zu laufen.“ Bis Kilometer 90 schleppte er sich mit einem tschechischen Leidensgenossen über die Strecke. „Dann ging es besser, ich konnte sogar einen Schlussspurt anziehen.“ Collet lächelt breit bei der Erinnerung. 7:05 Stunden brauchte er, „das ist nicht so schlecht. Ich wurde Elfter, war viertbester Europäer“, sagt Collet. „Aber es war das härteste Rennen meiner Karriere.“

Die sollte 2014 beendet sein. Doch bei der WM in Doha lief es für Collet nicht, „und so wollte ich nicht aufhören“. Rückblickend darf bezweifelt werden, dass der Steinmetz bei einem Erfolg aufgehört hätte. Denn auch nach seinem WM-Sieg ist Collet hungrig. „Zwei Jahre, bis zur nächsten WM, möchte ich weitermachen, noch ein bisschen genießen. Ich kann mir vorstellen, dass ich so lange noch im Top-Bereich mithalten kann. Aber ich werde auf meinen Körper hören. Wenn der sagt, es geht nicht mehr, mache ich Schluss.“ Zwei Operationen, 2013 und 2015 an den Fersen, hat Collet hinter sich. Im August bei der DM musste er unter 7:15 Stunden laufen, um sich für die WM zu qualifizieren. Es lief gut: „Nach 60 Kilometern habe ich das Tempo ein wenig herausgenommen.“ 6:55:27 reichten zum Sieg.

Die WM war sein zehnter Ultralauf, seit er 2009 die 100 Kilometer in Angriff genommen hat. „Ein Gesundheitssport ist es nicht“, räumt er lachend ein. „Aber ich bin noch fit und kann von meiner Erfahrung profitieren.“ Wie 2017 sportlich aussieht, ist offen. „Vielleicht die 50-Kilometer-WM in Katar und die EM über 100 Kilometer, bei der ich mich für die WM 2018 qualifizieren könnte. Die wäre dann aber wirklich der Schlusspunkt.“ Sagt er jetzt.

130, 140 Kilometer läuft er in der Woche, in Spitzenzeiten werden es auch 160, 170. „Und jeden Sonntag einen Marathon. Da ich in der Eifel laufe, kommen schnell 600, 700 Höhenmeter hinzu.“ Der erste Gedanke morgens gilt dem Training. „Dann frage ich mich, was abends ansteht“, sagt Collet. Er freut sich, wenn es Mittwoch oder Samstag ist, denn dann ist das Training „regenerativ bzw. leicht“.

Es verwundert ein wenig, dass der Läufer sich selbst als „Lebemann“ bezeichnet. „Nach einem Erfolg gönne ich mir gerne ein Bierchen und eine Zigarre“, sagt er lachend und tätschelt den wirklich sehr kleinen Bauch. Zwei Kilo hat er seit der WM zugenommen, einen Urlaub auf Mallorca genossen. „Doch jetzt jogge ich wieder.“ 30, 40 Kilometer in der Woche, denn beim Sylvesterlauf in Aachen will Collet vorne mit dabei sein.

„Als ich zu Beginn des Jahres entschieden habe weiterzumachen, habe ich zu meiner Frau Beate gesagt, ich möchte noch einmal ,Sportler des Jahres‘ werden“, sagt Collet. Er freut sich über seine Wahl, die dritte nach 2012 und 2013. „Der Gala-Abend ist toll, und die Sportler-Wahl war mit eine Motivation, es im Jahr 2016 noch einmal anzugehen.“

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