Thaibox-Weltmeister Frederic Fraikin: Der Kampf ist das Ziel

Thaibox-Weltmeister Frederic Fraikin: Der Kampf ist das Ziel

Von: Bernd Schneiders
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Hochdekoriert aber immer noch der nette Junge von nebenan: Frederic Fraikin ist Thaibox-Weltmeister und Sportler des Jahres. Foto: Fraikin

Nein, Vizekusen wollte er nicht bleiben. Wie Bayer Leverkusen immer nur bestenfalls Zweiter. Darum „haute“ er im Jahr 2017 besonders rein – und wurde belohnt: „Ich habe mich mega gefreut: erst Weltmeister, das war der Hammer, und dann als Krönung noch Sportler des Jahres“, ordnet Frederic Fraikin die bisher erfolgreichsten zwölf Monate seiner Kampfsportlaufbahn ein.

Im Jahr zuvor hatte er sich mit der Silbermedaille bei den Europameisterschaften im Muay Thai (Thaiboxen) begnügen müssen. Und auch bei der Sportlerwahl 2016 wurde er auf der Zielgeraden noch von Distanzläufer André Collet überholt. „Deshalb habe ich dieses Mal auch kaum damit gerechnet, zumal ich weiß, dass es der Kampfsport häufig noch recht schwer hat, die Aufmerksamkeit und den Respekt zu erhalten, den er verdient.“

Sein aktueller Sieg ist für den Sportstudenten eben auch aus diesem Grund ein ganz großer. Der 24-Jährige stellt passenderweise den Gegenentwurf zu dem Prototypen eines Faust-, Fuß- und Ellbogenkämpfers dar. „Er ist ein Typ, über den jede Schwiegermutter glücklich wäre“, schmunzelt Trainer Frederick Jungheim. Für den Chefcoach und Vorsitzenden des Tai-Kien Aachen war gerade dieser Gegensatz reizvoll, auch um allen Skeptikern zu zeigen, dass ein guter Kampfsportler nicht immer „wie eine Bulldogge“ daherkommen muss. „Er ist extrem höflich, absolut verlässlich und diszipliniert, mutig und will sich immer verbessern.“

Und da sein „größtes Talent“ (Jungheim) auch stets mit einem Lächeln unterwegs ist, stößt der überzeugte Aachener, der an der Sporthochschule in Köln studiert, aber jeden Tag wieder in seine geliebte Heimatstadt zurückfährt, immer wieder auf große Verblüffung. „Was, du bist ein Kampfsportler?“, ist die übliche Reaktion – selbst an der SpoHo.

Auch dort ist er großen Herausforderungen ausgesetzt. Der eingeschworene Alemannia- Fan ist von Natur aus in den Ballsportarten zu Hause, muss aber an der Sporthochschule sein Repertoire kräftig erweitern – bis hin zum Tanzen. „Das war das Schlimmste überhaupt: Im Kurs nur fünf Männer, und dann mussten wir eine zweiminütige Kür entwickeln und präsentieren. Da kämpfe ich lieber fünf Stunden gegen Schamil Magomedov.“

Gegen den Dürener hat er vor vier Wochen in Vaals gewonnen. Auch die Erkenntnis: als Schwiegermutterliebling durchs Fegefeuer gehen zu können. Er wusste, er würde mächtig einstecken, er steckte mächtig ein und ging dennoch nach vorn. „Das ist eine ganz große Qualität von Frederic“, erklärt sein Trainer. „Er lässt sich auf Dinge ein, die er noch nicht kennt. Wie etwa gegen einen stärkeren Gegner anzutreten. Und eventuell zu verlieren, aber eben Paroli zu bieten. Das kennzeichnet unsere Beziehung. Wir sind sehr unterschiedlich, aber er vertraut mir komplett. Und das ist wichtig für einen Trainer. Er muss mich nicht mögen oder lieben.“

Gewinnen oder verlieren spielt in der Philosophie der beiden keine große Rolle. Es geht ums Kämpfen. „Und das kann Frederic im Ring und auch im Leben. Darauf kommt es an“, sagt Frederick Jungheim. Und so sind auch in den Augen seines Schülers nicht ein Kampf, ein Titel oder ein Rekord wichtig. „Wichtig sind die vergangenen Jahre, wie ich an mir gearbeitet und mich entwickelt habe.“ Und der Prozess geht weiter. Im kommenden Jahr startet der 24-Jährige nur noch bei den Profis, in Mexiko stehen im Frühjahr die Weltmeisterschaften an, und Ende des Jahres schreibt er seine Bachelorarbeit. Anschließend will er eine Ausbildung als Erlebnispädagoge starten.

Da wird einer den Kindern viel zu erzählen haben. Aus der Erlebniswelt eines Kämpfers, in der nicht nur heroische Gefühle herrschen. Für Frederic Fraikin aber der Grund, nicht Fußball zu spielen, sondern Kampfsport zu betreiben. „Die Stunden und die Tage vor dem Kampf: Da ist man so aufgeregt, man fühlt sich richtig scheiße. Pure Angst. Und die Frage: Warum tue ich mir das an? Im Ring aber vergisst man alles. Stattdessen ist man vollkommen fokussiert auf den Gegner. Nach und nach löst sich die Angst. Das ist ein unglaubliches Gefühl! Man spürt keine Schmerzen. Adrenalin pur, selbst noch nach dem Schlussgong. Fantastisch!“

Der Kampf ist das Ziel für Frederic Fraikin – und der Sieg über sich selbst.

Frederic Fraikin wird im Rahmen unserer Gala „Menschen 2017“ am 10. Januar in Aachen geehrt.

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