Isabell Werth: Jedes Gold hat seine Geschichte

Von: Helga Raue
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Ein Lachen, das ansteckt: Ihre Emotionen nach den Ritten hat Isabell Werth nie versteckt. Foto: imago/Anspach, Simon
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Hochkonzentriert: Mit der Rappstute Weihegold gewann Werth ihre sechste olympische Goldmedaille. Foto: imago/Anspach, Simon

Gold glänzt immer schön. Und als Siegestrophäe ist es auch immer gleich wertvoll. Trotzdem sind die Emotionen, die es auslöst – damals wie heute –, ganz unterschiedlich. Sechs olympische Goldmedaillen hat Isabell Werth zu Hause hängen, vier silberne kommen hinzu.

Von den insgesamt 49 weiteren Medaillen von Welt-, Europa- oder Deutschen Meisterschaften – darunter 31 goldene – ganz zu schweigen. Und doch ist Olympia immer wieder etwas ganz Besonderes, auch für die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt.

Rio waren bereits die fünften Spiele der 47-Jährigen aus dem niederrheinischen Rheinbach. „Gefühlsmäßig waren sie diesmal schon etwas anders als andere Spiele. Zumal vorher alles anders kam als gedacht. 2016 startete ich mit einer emotionalen Schieflage“, blickt Isabell Werth am Ende zufrieden auf ein Jahr zurück, das sportlich nicht gerade verheißungsvoll begonnen hat. Ihre Stute Bella Rose, mit der sie 2014 bei der WM Team-Gold gewonnen hatte, fiel weiter aus. Und Don Johnson, der sie 2013 zum EM-Gold und 2015 in Aachen zu EM-Bronze getragen hatte, musste ebenfalls verletzt passen.

Talent, aber wenig Erfahrung

Mit Weihegold hatte sie noch ein sehr talentiertes, aber unerfahrenes Pferd im Stall. „Von Weihes Qualität und Talent war ich überzeugt, aber dass sie sich so schnell so super entwickelt, hatte ich nicht erwartet“, sagt Werth. Und fügt mit Blick auf die Konkurrenz hinzu: „Es lag kein Druck auf mir, daher konnte ich mich ganz auf mein Pferd und mich konzentrieren.“ Wie Phönix aus der Asche stieg die elfjährige Stute in die Weltelite auf mit DM-Silber sowie drei Podest-Plätzen, darunter dem Sieg im Grand Prix beim CHIO Aachen.

Und dann Rio! „Nach den ganzen Attentaten und Anschlägen hatte man schon Sorgen, dass da was passieren würde. Die Spannung und Erwartungshaltung waren anders als sonst. Und als Mutter war mir sofort klar, dass Frederik zu Hause bleiben würde.“ Frederik, siebenjähriger Sohn der Dressurreiterin, ist sonst bei Turnieren mit dabei. „Zum einen ist das mit Akkreditierungen bei Olympia schwierig, aber vor allem ist Brasilien nicht das geeignete Land für ein weißblondes Kind.“

Zu genau standen Isabell Werth die Anschläge in Paris oder die Absage des Fußballspiels in Hannover vor Augen – „wenn man daran denkt, ist es ein komisches Gefühl, an Olympia teilzunehmen.“ Wie gewohnt begleitete Werth ihr Pferd in der Frachtmaschine persönlich auf dem Flug nach Rio. „Bis zu einem gewissen Grad ist man bei Olympia ja schon besondere Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt, Rio hat das aber alles noch mal getoppt.“

Kaum waren die Pferde gelandet und auf den Transporter verladen, ging es im Eiltempo mit Polizeikonvoi zu dem Militärgelände außerhalb Rios, wo die Reitwettbewerbe stattfanden. „Schnurstracks und mit Vollgas, überall Panzer und Militär, das war schon beängstigend“, blickt Werth zurück.

Das mulmige Gefühl wollte auch bei der Eröffnungsfeier mit dem deutschen Team nicht weichen. „Die Schere zwischen Arm und Reich ist in Brasilien schon extrem groß. Da hat man etwa eine Luxusvilla, und 100 Meter dahinter beginnen die Favelas. Das schafft schon eine besondere Atmosphäre.“ Zudem: „Die Betroffenheit, die man selbst verspürt, ist ganz anders als mit 20 Jahren. Heute sieht man das alles mit anderen Augen.“

Als der Sport in den Mittelpunkt rückte, schwand das Unbehagen, machte der Konzentration auf die Wettbewerbe Platz. „Als es losging, änderte sich auch die ganze Atmosphäre in Rio, es war, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Auf einmal waren viele Menschen auf der Straße, es herrschten ein buntes Treiben und olympisches Flair.“ Und auch sportlich lief es gut: Das Team, zu dem neben Werth auch Kristina Bröring-Sprehe, Dorothee Schneider und Sönke Rothenberger gehörten, holte Gold vor Großbritannien und den USA.

Hinter der britischen Titelverteidigerin Charlotte Dujardin auf Valegro sicherte sich Werth zudem Silber in der Einzelwertung vor Teamkollegin Bröring-Sprehe – die olympische Medaille Nummer zehn. „Es lief besser als erwartet“, sagt Werth lachend. Ihr Erfolg blieb nicht unbeachtet: Bei der Wahl zur „Sportlerin des Jahres“ belegte die Dressurreiterin Platz vier. „Ich war positiv überrascht, hätte das nicht erwartet, vielleicht sechs oder sieben. Mit Rang vier war ich total happy“, sagt Werth.

Da hängt sie nun, die sechste olympische Goldmedaille – und sie löst andere Emotionen aus als die erste Goldmedaille, die Werth 1992 aus Barcelona mit nach Hause brachte. Gerade einmal 23 Jahre war sie damals alt, konnte aber bereits dreifaches EM-Gold (1989 im Team mit Weingart, 1991 im Team und Einzel mit Gigolo) vorweisen. „Gold ist immer gleich viel wert, aber hinter jeder Medaille steht eine andere Geschichte. Deshalb sind die Emotionen auch immer anders“, sagt Werth.

„Die erste Goldmedaille in Barcelona war vergleichsweise einfach zu holen, das Dressurteam galt damals als sichere Bank. Viel spannender war die Einzelwertung.“ In der musste sich Werth ihrer Team-Kollegin Nicole Uphoff auf dem legendären Rembrandt beugen. „Alle haben gedacht, das würde ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber dann habe ich Fehler gemacht.“ Vier Jahre später – Atlanta, ein „Wechselbad der Gefühle“. Nach erneutem Team-Gold lief es im Spécial mit Gigolo überhaupt nicht, „aber dann haben wir eine Super-Kür rausgehauen“. Es wurde erneut Gold.

2000 – Sydney: „Für mich waren das besondere Spiele, da Gigolo damals bereits 17 Jahre alt war.“ Das nächste Team-Gold folgte – übrigens gemeinsam mit den beiden Aachenerinnen Nadine Capellmann auf Gracioso und Alexandra Simons-de Ridder auf Chacomo. In der Einzelwertung musste Werth sich aber beugen – der Niederländerin Anky van Grunsven auf Bonfire, mit der Isabell Werth sich über Jahre hinweg mitreißende Duelle geliefert hatte.

2008 – Hongkong: ihre vierten Spiele. „Vielleicht waren das die, die sich am wenigsten wie Olympia angefühlt haben, da die Reitwettbewerbe wegen der Quarantänebestimmungen nicht in Peking stattfinden konnten, sondern ausgelagert waren. Da waren wir nicht Teil des Ganzen.“ Gold holte das deutsche Dressur-Team trotzdem zuverlässig, neben Werth durfte erneut Nadine Capellmann, diesmal auf Elvis, jubeln. Wieder gab es Silber in der Einzelwertung, wieder hinter van Grunsven, nur hießen die Vierbeiner diesmal Satchmo beziehungsweise Salinero.

2012 London – und Isabell Werth saß zu Hause. „Ich habe die Spiele, wie es so schön heißt, auf der Couch verfolgt. Das war schon bitter. Aber vielleicht war Athen 2004 noch bitterer“, sinniert sie. Auch die Spiele in der griechischen Hauptstadt hatte sie verpasst – und damit das nächste Team-Gold, das die deutschen Dressurreiter ohne sie einheimsten. Werth seufzt: „Ja, doch, das war bitterer als London. Ich wusste, dass ich mit ­Satch­mo eines der besten Pferde unter dem Hintern hatte und konnte es nicht bedienen.“

Immer wieder gab es Rückschläge, der Knoten platzte erst 2006 – in Aachen bei den Weltreiterspielen. Satchmo zeigte einen Spécial wie aus einem Guss, und Isabell Werth wurde umjubelt Weltmeisterin. „Johnny war dagegen 2012 einfach noch nicht so weit, das musste ich realistisch sehen. Und deshalb war es nicht so bitter wie 2004, dass ich wieder auf der Couch saß.“ Ein Jahr später holte Don Johnson EM-Gold.

Geht die Story 2020 weiter?

2020 – Tokio, da könnte ihre Olympia-Story fortgeschrieben werden. Schließlich können Dressurreiter sich auch mit – in Werths Fall – dann 51 Jahren noch mit den Jüngeren messen. „Schau’n wir mal“, sagt Isabell Werth. „Ich lasse das einfach auf mich zukommen. Pferdemäßig bin ich gut aufgestellt.“ Mit Weihegold, Bella Rose, Don Johnson und Emilio hat sie aktuell gleich vier Pferde im Stall, die international vorne mitmischen können.

Die Planungen für 2017 laufen: „Die EM in Göteborg, das Weltcup-Finale in Omaha/Nebraska und natürlich der CHIO Aachen – immer das Highlight“, nennt Werth die Eckdaten. Gleichwohl will sie turniermäßig in Zukunft ein bisschen kürzertreten. „Seit ich Mutter bin, habe ich immer darauf geachtet, dass Frederik nicht zu kurz kommt. Denn ich möchte seine Entwicklung einfach nicht verpassen. Er wird so schnell groß“, gibt es für die Dressurreiterin, deren Lebensmittelpunkt zwar die Pferde sind, eben doch noch etwas viel Wichtigeres im Leben.

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