Region - Hambacher Forst: Umweltschützerin Antje Grothus will Rodung stoppen

Hambacher Forst: Umweltschützerin Antje Grothus will Rodung stoppen

Von: Marlon Gego
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Einsatz im Tagebau Hambach: Immer wieder muss die Polizei RWE-Mitarbeiter vor Aktivisten schützen. Foto: dpa
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Polizeipräsident: Dirk Weinspach und die Aachener Polizei müssen dafür sorgen, dass RWE sein Recht auf das Betreiben der Tagebaue in Anspruch nehmen kann. Foto: Michael Jaspers
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Umweltschützerin aus Kerpen-Buir: Antje Grothus kämpft seit Jahren gegen die Braunkohleverstromung im Rheinischen Revier und für den Erhalt des Hambacher Forsts. Foto: Care/Peter Bitzer Foto: Care/Peter Bitzer

Region. Ende November saß Antje Grothus in einem Gerichtsaal in Köln und hatte Mühe zu begreifen, dass sie gerade Zeugin einer Verhandlung war, die in einigen Jahrzehnten vielleicht mal als historisch bezeichnet werden wird. Die historische Dimension der Verhandlung hat viel mit Antje Grothus‘ Kampf zu tun, den sie seit vielen Jahren kämpft.

Es ist der Kampf für den Erhalt des Hambacher Forsts und damit auch ein Kampf gegen den Abbau der Braunkohle im Rheinischen Revier. Wie viel sie mit ihrem Kampf erreicht hat, ist Antje Grothus aus Kerpen-Buir selbst wahrscheinlich gar nicht bewusst. Schon weil sie für ihren Geschmack noch lange nicht genug erreicht hat.

Der Hambacher Forst ist ein Waldstück am Rand des Tagebaus Hambach, das mittlerweile auf etwa zehn Prozent seiner ursprünglichen Größe geschrumpft ist. Der Rest ist für den Tagebau Hambach weggebaggert worden, mit dem Wald verschwanden Dörfer wie Etz-weiler, Lich-Steinstraß und Tanneck.

Der Energiekonzern RWE gräbt im Rheinischen Revier nach Braunkohle, deren Verstromung seit über 100 Jahren zur Energieversorgung in Deutschland beiträgt. Doch einerseits entstehen bei der Verstromung erhebliche CO2-Emissionen, die den weltweiten Klimawandel befeuern. Und andererseits glauben mittlerweile auch viele Wissenschaftler, dass sich die Versorgungssicherheit in Deutschland in absehbarer Zeit auch ohne Braunkohle gewährleisten ließe. Antje Grothus glaubt das auch.

Lange sind Braunkohlegegner wie Antje Grothus zwar gehört, aber nicht übermäßig ernst genommen worden. Das änderte sich, als einige Umweltaktivisten 2012 den Hambacher Forst als politisches Betätigungsfeld für sich entdeckten.

Der sogenannte bürgerliche Braunkohlewiderstand, dem Antje Grothus sich zurechnet, verbündete sich mit den Aktivisten im Hambacher Forst, diese waren nun so etwas wie die Fußtruppen des bürgerlichen Widerstandes. Die Aktivisten störten die Arbeiten von RWE, insbesondere dann, wenn wieder mal ein Stück des Hambacher Forstes gerodet wurde. Irgendwann griffen die Aktivisten auch zu Molotowcocktails und Steinschleudern, und seitdem sind der Hambacher Forst und die Aktivisten darin auch die Angelegenheit von Dirk Weinspach.

Weinspach ist Polizeipräsident in Aachen, seit August 2016 ist seine Behörde für alle Einsätze im Hambacher Forst verantwortlich. Wenn gerodet wird, müssen seine Polizisten die Waldarbeiter von RWE vor den Aktivisten schützen, wenn wieder mal eine „Ende Gelände“-Demonstration angesagt ist, muss Weinspach dafür sorgen, dass sowohl die Aktivisten und Demonstranten vor wütenden RWE-Mitarbeitern geschützt werden, als auch demonstrierende RWE-Mitarbeiter vor wütenden Aktivisten. Auch wenn Weinspach selbst es so nie sagen würde: Die Einsätze am Hambacher Forst sind die Aufgabe seines Lebens.

Die Symbolkraft des Waldes

Die eigene Meinung zur Braunkohleverstromung spielt für Weinspach dabei keine Rolle. Er hat als Bürger natürlich eine Meinung, äußert sie aber als Polizeipräsident öffentlich nicht. Weinspach, der unter der früheren rot-grünen Landesregierung zum Polizeipräsidenten ernannt wurde, weiß, dass er, dass die Polizei nicht dazu da ist, politische Konflikte zu lösen. Die Polizei ist dazu da, Recht und Rechte zu schützen. Und solange die Parlamente nichts anderes beschließen, hat RWE das Recht, die Tagebaue im Rheinischen Revier weiter zu betreiben.

So viel Abstraktionsvermögen haben aufseiten der Aktivisten, haben überhaupt auf Seiten des Braunkohlewiderstandes nicht viele Beteiligte. Denn immer wieder muss sich die Polizei als Handlanger von RWE bezeichnen lassen, der den Konzern dabei unterstütze, die Natur zu zerstören. Weinspach und seine Polizisten wissen es natürlich besser, aber es geht nicht alles spurlos an ihm vorbei. Als die Aktivisten der Polizei diesen Herbst ein Waldbetretungsverbot erteilten, war Weinspach klar, dass die Aktivisten dieses Recht überhaupt nicht haben. Aber es hat ihn trotzdem nicht unberührt gelassen, wie jeder sehen konnte, der Weinspach in diesen Tagen erlebte.

Dass die Situation im Hambacher Forst in der laufenden Rodungssaison nicht eskaliert ist, wie Weinspach befürchtet hatte, hat wiederum viel mit Antje Grothus und mit der Gerichtsverhandlung zu tun, der sie Ende November beiwohnte. In dieser Gerichtsverhandlung bemühte sich Holger Maurer, Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht Köln, darum zu erreichen, dass RWE um den Hambacher Forst herumbaggert und das kleine Waldstück einfach stehen lässt.

Als erster Richter in Deutschland unternahm Maurer den Versuch, zwischen Grothus, den Aktivisten und RWE zu vermitteln. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Antje Grothus‘ Kampf viel dazu beigetragen hat, die Symbolkraft des Waldstücks im öffentlichen, also auch in Maurers Bewusstsein zu verankern. Obwohl Maurers Versuch scheiterte, kann es trotzdem sein, dass der Wald erhalten bleibt. Denn das Oberverwaltungsgericht Münster griff Maurers Initiative in der nächsten Instanz auf und verhängte ein Rodungsstopp, bis ein Gutachter geklärt hat, ob der Hambacher Forst wirklich abgebaggert werden darf.

Diesen Erfolg darf Antje Grothus nicht allein, aber auch ihrem Kampf zuschreiben. Und über diesen Erfolg ist Dirk Weinspach wahrscheinlich schon deswegen froh, weil seine Polizisten zunächst mal keine Einsätze im Hambacher Forst leisten müssen. Solange nicht, bis ein Gericht entschieden hat, ob der Wald weitergerodet werden darf.

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