Gala „Menschen 2016“: Ein Blick zurück und nach vorne

Von: Christoph Velten
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Menschen 2016
Unsere Gala „Menschen 2016“ ging wieder in der Mercedes-Benz-Niederlassung in Aachen über die Bühne. Foto: Michael Jaspers
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Chefredakteur Bernd Mathieu im Gespräch mit Torwart-Legende Toni Schumacher. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wenn am Ende der Rapper MoTrip und Professor Günther Schuh ihre Telefonnummern austauschen, kann der Abend wohl als zukunftsweisend bezeichnet werden.

Also nicht nur für den berühmten Musiker und den in der Wissenschaft nicht minder bekannten Maschinenbauer der RWTH, sondern auch für das Publikum, das bei der Gala „Menschen 2016“ von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten einen regionalen Jahresrückblick erlebt, der stets auch den Blick nach vorne öffnet – politisch, gesellschaftlich und eben kulturell. Mit viel Musik und jeder Menge interessanten Gästen aus Sport, Kultur und Politik gelingt ein Abend, der zum Nachdenken anregt, zum Genießen einlädt und damit Spuren hinterlässt.

„Ein schwieriges Jahr liegt hinter uns, vielleicht das schwierigste der vergangenen Jahrzehnte“, sagt Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, zur Begrüßung. „Ein Jahr“, ergänzt Mathieu, der zusammen mit Amien Idries durch den Abend führt, „das einem die gewohnte Gelassenheit nehmen konnte“.

Das gilt wohl auch für Karl-Heinz Albersmeier, den Vorsitzenden des SV Grün-Weiß Welldorf-Güsten in Jülich. Er musste im November miterleben, wie sein Fußballverein in die Schlagzeilen geriet, als eine Gruppe Deutsch-Türken mit kurdischem Hintergrund beim Bezirksliga-Heimspiel gegen die Sportfreunde Düren den Platz stürmte und vor den Augen von Kindern und Frauen mit Stangen und Baseballschlägern auf Spieler mit libanesischem Hintergrund einschlug. Das hat Spuren hinterlassen, nicht nur körperliche. 

„Da wurde unsere heile Welt buchstäblich zerschlagen“, sagt Albersmeier. Auch wenn es noch braucht, bis alle Wunden heilen, ist es ihm ein Anliegen, die Debatte sachlich zu führen: „Es geht nicht um Flüchtlinge oder Ausländer, es geht um Schläger. Und nur über die darf geurteilt werden“, sagt er.

Pfarrer Charles Cervigne aus Aldenhoven ist noch so ein Beispiel für jemanden, der Haltung beweist und in Ausnahmesituationen einen klaren Kopf behält. An einem Samstagabend im Februar, er feilte gerade noch an den Formulierungen zu seiner Sonntagspredigt, klingelte es an der Haustür. Er öffnete und wurde umgehend attackiert. Der Schlag auf den Kopf ließ ihn fast ohnmächtig werden, das Pfefferspray raubte ihm den Atem. Es war wohl ein Angriff von einem Rechtsextremen, eine Attacke gegen sein Engagement für Flüchtlinge. Doch Cervinge ließ sich nicht einschüchtern.

Noch im Krankenhaus lud er den Angreifer via Facebook zum Gespräch ein. „Werte zeigen sich dann, wenn sie abgerufen werden“, sagt er bei der Gala unserer Zeitung. Der christliche Glaube stärkt ihm dabei den Rücken. „Ich ertrage es nicht, in einer Gesellschaft zu leben, in der Menschen mehr oder weniger wert sein sollen“, sagt er.

MoTrip, der Rapper mit der neuen Telefonnummer im Handy, sitzt neben Albersmeier und Cervigne auf der Bühne und findet für sie nur lobende Worte. „Sie geben Menschen wie mir Hoffnung“, sagt der Aachener mit libanesischen Wurzeln. „Respekt dafür!“ Ihm fällt es fast schwer, über sich und das Jahr 2016 zu sprechen. So viele Erfolge, Erlebnisse, Begegnungen. Und doch, sagt er, wirken sie gegen die Geschichten seiner Sitznachbarn fast bedeutungslos.

Bescheiden, bodenständig, in der Region verwurzelt, so präsentiert sich der Musiker mit dem Platin-Album auf der Bühne in der Mercedes-Benz-Niederlassung in Aachen und spricht dann doch über seinen musikalischen Abstecher in die Klassik, sein neues Album „Mosaik“, das Vivaldi-Projekt des WDR und die Vorurteile, die auf beiden Seiten durchaus vorhanden waren. „Ich kannte Vivaldi ja bis dahin nur als Klingelton von meinem alten Nokia-Handy“, erzählt er und sorgt für Lacher. Zusammen mit Schülern arbeitete er an diesem Projekt, das für ihn eine Möglichkeit gewesen sei, mal etwas zurückzugeben. „Denn auch ich habe viel Unterstützung bekommen in jungen Jahren.“

Und wie geht es weiter als Klassik-Rapper? Jetzt sei es dann auch mal wieder gut, antwortet MoTrip. Er habe fürs erste genug Posaunen gesehen, sagt er und grinst. „Das nächste Projekt wird dann wieder ein richtiges Rap-Album.“

Klare Worte gibt es an diesem Abend auch von Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn, der die EU als Wertegemeinschaft gegen die verbalen Attacken von Donald Trump verteidigt (siehe Titelseite). Und Städteregionsrat Helmut Etschenberg fordert noch mal eindringlich die sofortige Abschaltung der Pannen-Meiler in Tihange und Doel. Oliver Paasch hingegen, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, verteidigt seine Landsleute gegen allzu generalisierende Aussagen: „Hier ist nicht alles marode“, sagt er und klingt einigermaßen überzeugend. Beim Thema Tihange ist er aber ganz bei Helmut Etschenberg: „Abschalten sofort!“ – und wird mit Beifall belohnt.

Unser Brüssel-Korrespondent Detlef Drewes erinnert an die Anschläge in Brüssel vom März 2016, die schwierigen Tage und Wochen danach. „Wir Journalisten neigen ja dazu, die Opfer in Statistiken zu verarbeiten und vergessen darüber bisweilen die vielen einzelnen Schicksale“, sagt er und erzählt von der Begegnung mit einer Frau, die er noch vor ein paar Tagen am Grand Place in Brüssel getroffen habe. Beim Rückblick auf das Jahr 2016 habe sie erzählt, dass ihr Mann beim Anschlag in der U-Bahn ums Leben gekommen sei und sie an diesem Tag das erste Mal wieder auf dem Grand Place stehe – diesmal ganz alleine. „Da hält man schon inne“, sagt Drewes.

Persönliche Geschichten

Es sind sehr persönliche Geschichten und Erlebnisse, von denen die Gäste an diesem Abend berichten. Auch Isabell Werth, der Dressur-Olympiasiegerin, ist diesmal weniger danach, sich für ihre insgesamt sechste Goldmedaille feiern zu lassen. Ihre Erinnerungen an die Spiele von Rio sind verbunden mit den sichtbaren Unterschieden zwischen Arm und Reich. „Da ist schon erschreckend wenig Raum zwischen den Favelas und den Luxushotels“, sagt sie. Auch der Tod von Kanu-Trainer Stefan Henze während der Olympischen Spiele habe sie und die Mannschaft trotz der sportlichen Erfolge natürlich belastet. „Das waren schon sehr wechselhafte Gefühlswelten“, sagt sie rückblickend. Ein Fazit, das mit Blick auf 2016 an diesem Abend wohl einige hätten ziehen können.

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