Der Frauenversteher: Jakob Scherrers ist Weltrekordler

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Der Frauenversteher: Jakob Scherrers ist Weltrekordler

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Direkt hinter seinem Garten lockt der Sportplatz: Niemand hat bisher errechnet, wie viele tausend Stunden Jakob Scherrers hier verbracht hat. Foto: Christoph Pauli (2), Michael Jaspers, Archiv
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Die künftige Bundestrainerin gratuliert: Steffi Jones schaute vorbei in Straeten, als ihr berühmter Kollege 40 Jahre im Amt war.
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Stramm gestanden: Vor fast 50 Jahren nahm Jakob Scherrers (rechts) die „Arbeit“ auf. Foto: Heinz Babucke

Vor zwei Jahren bekam Jakob Scherrers ein selbst gebasteltes Poesiealbum geschenkt. Dem Poesiealbum-Alter war er da schon deutlich entwachsen. Aber er hat sich dennoch unglaublich gefreut, weil es erkennbar mit viel Herzblut und Zuneigung geschaffen war. Ganz viele Frauen hatten es gebastelt.

Frauen spielen eine große Rolle in seinem Leben, zumindest Fußball spielende Frauen. Er bekam es als Freundschaftsbuch, seine ehemaligen Spielerinnen bedankten sich auf eine ausgesucht nette Art bei ihm. Es war ein Geschenk und ein Dankeschön, weil Scherrers 45 Jahre die Frauenabteilung des SV Viktoria RW Waldenrath-Straeten leitete. Er hat seinen Sport immer gepflegt, und so erhält Jakob Scherrers (74) mit großer Berechtigung den Egidius-Braun-Preis 2015, was er ein bisschen gerührt als „größte Auszeichnung“ in seinem Sportlerleben eingestuft hat.

Geehrt worden ist er schon einige Male. Als er 40 Jahre den Trainerjob machte, das war im April 2009, wurde Scherrers als „dienstältester Trainer weltweit“ gefeiert. Beim Festakt damals wurde ausgerechnet, dass Scherrers weit mehr als 100 Tankfüllungen verbraucht und mehr als 25.000 Stunden für seinen Klub investiert hat.

Die Zeit ist nicht stehengeblieben, die Zahlen werden größer, denn Scherrers bleibt die Konstante für seinen Klub, für den Frauenfußball. Dass in dem Straßendorf der Ball bei den Frauen so lange schon rollt, ist sein Verdienst. 1955 verbietet der DFB den Frauenfußball, erst am 31. Oktober 1970 erlaubt er den offiziellen Spielbetrieb. Da ist Scherrers bereits am Ball. Seine Geschichte beginnt im Jahr davor, als er in der Zeitung von einem Benefizspiel im Nachbardorf liest. Scherrers plant so etwas für seinen Geburts- und Wohnort. In Straeten sollen mit dem Erlös neue Geräte für den örtlichen Spielplatz angeschafft werden. Scherrers plant ein Frauenspiel, was ihm eine Extraportion Spott und Häme einbringt. Selbst der Pastor schaut tadelnd vorbei. „Jakob, das hätte ich nicht von dir gedacht.“ Frauenfußball ist verboten und verpönt.

Das Spiel findet dann trotzdem statt, 600 Mark bleiben hängen – und Scherrers auch. Die Frauen wollen weitermachen und haben ihren Coach doch schon gefunden. Es ist der Auftakt zu einer imposanten Erfolgsgeschichte. Scherrers baut die Abteilung auf, geht voran, organisiert, überzeugt, überwindet Widerstände. Es ist Pionierarbeit. „Vorurteile wurden verbreitet, was die Moral anging, bis hin zu gesundheitlichen Aspekten“, stellt Scherrers nach den ersten fünf Jahren fest. „Aber sie wurden von namhaften Biologen und Medizinern widerlegt...“

Aufhören ist nie ein Thema, aber Anfang der 90er Jahre steht die Mannschaft nach vielen Abgängen vor dem Aus. Es sind nur noch acht Spielerinnen da, ein letzter Ausflug mit einem Abschiedsessen wird organisiert. Das Ende scheint besiegelt, als die damalige Spielerin Angelika Kosak unter Tränen sagt: „Mädels, lasst uns doch weitermachen.“ Es ist die nächste unverhoffte Pointe im Trainerleben von Jakob Scherrers. Er bleibt dabei, holt noch ein paar kickende Frauen dazu.

Spielerinnen für die Dorfmannschaft zu finden, wird zunehmend problematisch. In Uevekoven und Aachen locken klassenhöhere Teams. Und Angelika Kosak ist noch heute – ebenso wie Nicole Baczewski – seine Co-Trainerin. Als Torwarttrainerin ist Georgina Kraus „hängengeblieben“ bei dem Klub. Zur Abteilung gehören nicht nur zwei Frauenteams, auch eine A- und C-Jugend werden geschult. Mit Concordia Breberen ist eine Spielgemeinschaft für die Jugend eingegangen worden. Die Sportart boomt ein bisschen, aber „es gibt mehr Quantität als Qualität“, sagt der Coach.

Zwei Mal ist er aufgestiegen, zwei Mal abgestiegen. Gerade kämpft er mit Waldenrath-Straeten um den Aufstieg aus der Landesliga. Für die Spielerinnen ist er von der ersten Minute an der „Jakob“. Scherrers ist ein sehr unkomplizierter Mensch, mit dem man schnell ins Plaudern kommt.

Zu aktiven Zeit war er bekannt als „eisenharter Verteidiger“. Ein „eisenharter Trainer“ ist er eher nicht – oder nicht mehr. „Im Laufe der Jahre ist die Leine etwas länger geworden“, meint er. Er gehört zu der gefragten Spezies der „Frauenversteher“, grinst er. Das ist ein kompliziertes Projekt, „weil es sehr unterschiedliche Temperamente und Charaktere gibt“. Das Erfolgsrezept: „Vertrauen aufbauen.“ Er hat da ein sehr großes Talent. Für die Spielerinnen ist er Trainer, Betreuer, Physiotherapeut, Psychologe und häufig auch väterlicher Freund.

Und ganz am Anfang – eine Geschichte aus dem letzten Jahrtausend – war er auch mal für kurze Zeit der Wirt der Vereinskneipe. Viele Kontakte sind bestehen geblieben, auch nachdem die jungen Frauen längst ihre Schuhe an den Nagel gehängt haben. Der Elan von Jakob Scherrers hat sich längst herumgesprochen, die künftige Bundestrainerin Steffi Jones kam vorbei, als er 40 Jahre im Amt war. Er ist längst Ehrenmitglied in seinem Verein, hat die Ehrenurkunde des Fußball-Verbandes Mittelrhein erhalten und die Verdienstnadel des DFB.

„Den Absprung schaffen“

Seine Frau Käthe duldet das zeitintensive Hobby. Die Scherrers sind sogar vor Jahrzehnten ins Epizentrum gezogen. Der Trainer muss nur durch seinen Garten gehen, schon steht er auf dem Sportplatz. Er könnte von seiner Terrasse aus vor das Tor flanken. Im Juli steht die Goldene Hochzeit an. Der Termin ist gut geplant, das Fest findet in der Fußball-Sommerpause statt.

Wenn im April 2019 das Dienstjubiläum ansteht – 50 Jahre im Amt –, wird Schluss sein. Scherrers wird dann 78 Jahre alt sein. Er hat bereits zwei neue Hüften, „und man muss den Absprung schaffen“. Das ist noch ein Weilchen hin, aber er weiß jetzt schon, dass es sehr wehmütig wird. Scherrers macht das ehrenamtlich, nicht einmal eine Aufwandsentschädigung oder eine Kilometerpauschale bekommt er. Höchstens alle 45 Jahre einmal ein hinreißendes Poesiealbum.

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