Kinderuni: „Schwindelfreiheit und Liebe zu Steinen“

Von: Christina Diels
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Übung in der Kinderuni: Diese Kinder versuchen unter Anleitung von Judith Ley (hinten) und Marc Wietheger (rechts) einen Grundriss zu zeichnen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wenn die Wände des Aachener Rathauses sprechen könnten, hätten sie gewiss jede Menge zu erzählen. Zum Beispiel über die Zeit, als Kaiser Karl in Aachen gelebt hat. Wie er gelebt hat und wie sein Palast gebaut wurde. Denn auf den Palastmauern wurde später das Rathaus errichtet.

Eben diese Geschichte interessiert die Bauforscher Judith Ley und Marc Wietheger, Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet für Denkmalpflege und Historische Bauforschung an der RWTH. In der Kinderuni und im Interview haben Ley und Wietheger erzählt, wie sie an den Wänden nach Spuren suchen, um zu ermitteln, wie der Palast von Karl dem Großen ausgesehen hat.

Sich schwindelfrei bewegen, ein kriminalistisches Gespür haben oder alte Steine lieben: Welche Fähigkeiten muss jemand mitbringen, der ein guter Bauforscher werden möchte?

Wietheger: Schwindelfreiheit und Liebe zu alten Steinen braucht man auf jeden Fall, kriminalistisches Gespür dagegen nicht unbedingt. Denn wir Bauforscher haben es nur selten mit Kriminalfällen zu tun. Oft geht es auch um alltägliche, profane Dinge. Aber man sollte als Bauforscher das Gespür haben, sich in eine Fragestellung hineinzudenken. Und man sollte sich an einem Thema festbeißen, Regelmäßigkeiten hinterfragen und sich mit anderen austauschen können: mit Historikern, Archäologen, Geologen, Denkmalpflegern und Bauingenieuren.

Ley: Außerdem muss man einen guten Beobachtungssinn haben. Bauforscher zeichnen und beobachten das Gebäude. Sie scannen nicht einfach nur schnell etwas ein, sie brauchen Geduld.

Welches Rätsel am Aachener Rathaus beschäftigt Sie gerade?

Wietheger: Das aktuelle Rätsel ist der Marienturm. Wir wollen die einzelnen Epochen anhand seiner Steine und Baufugen im Außenbereich auseinanderhalten. Und wir wollen auch sein Inneres, das sich sehr häufig verändert hat, rekonstruieren. Den Teil, wo heute ein modernes Treppenhaus drin steckt. Ley: Speziell interessiert uns eine Phase beim Bau des Rathauses im Hochmittelalter. Von dieser romanischen Bauphase wussten wir bisher nicht, dass es sie gab.

Wietheger: Der Blick richtet sich oft auf Karl den Großen und den Ursprungsbau an dieser Stelle, die Königshalle. Aber die anderen Zeitschichten bauen darauf auf und auch die interessieren uns: von Kaiser Karls Zeiten bis zum gotischen Rathaus, von der barocken Bauphase bis ins 20. Jahrhundert.

Wenn Sie ein kleines Stück Mörtel, Stein oder Holz gefunden haben, wie bestimmen Sie daraus das Alter eines Bauwerks?

Ley: Wenn wir Bauforscher uns Mörtel, Stein oder Holz anschauen, arbeiten wir mit anderen Wissenschaftler zusammen. Naturwissenschaftlern aus Köln etwa können uns sagen, aus welchem Jahrhundert ein Stück Holz oder Mörtel stammt. Und die Geologen hier vor Ort kennen sich mit dem Alter von Steinen aus.

Wie können Sie feststellen, welche Menschen in einem Bauwerk gelebt und wozu sie es genutzt haben?

Ley: Erst schauen wir, was für eine Geschichte das Gebäude hatte und welcher Teil zu welcher Epoche gehörte. Dann fragen wir, was für ein Gebäude man daraus rekonstruieren kann, um zu wissen, wie die Räume ausgesehen haben. Vielleicht gab es Räume, die besonders schön geschmückt waren. Daraus können wir Rückschlüsse ziehen, was hier gemacht wurde und wer hier gelebt haben könnte.

Haben Sie als Bauforscher schon einmal etwas herausgefunden, das das bisherige Wissen über den Haufen geworfen hat?

Ley: Das ist ja Sinn der Sache. Am Aachener Rathaus haben wir die romanische Bauphase im 12./13. Jahrhundert neu entdeckt.

Wietheger: Aber etwas wirklich Revolutionäres haben wir noch nicht herausgefunden. Es funktioniert eher so, dass man Mythen entkräften kann anhand des Ausschlussprinzips – wie beim Granusturm. Der kann kein Befestigungsturm gewesen sein, weil man von dort aus nichts beobachten kann. Und Karl der Große kann ihn auch nicht als Wohnturm genutzt haben, weil die Räume innen viel zu dunkel sind mit vielen Durchgangszimmern. Wir glauben, dass der Granusturm ein repräsentatives Treppenhaus war.

Würden Sie denn gerne mal etwas Sensationelles herausfinden?

Wietheger: In der Außendarstellung für uns Bauforscher wäre das nicht schlecht, wenn das durch die Schlagzeilen geht. Aber das kommt eher bei den Archäologen vor. Bei der Bauforschung ist das schwieriger, wir schneiden das Gebäude ja nicht auseinander.

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