Kinderuni: Gender und Diversity auch den Kleinsten näherbringen

Von: CHRISTINA DIELS
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Vielfalt in der Gesellschaft: Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Merkmalen und unterschiedlichen Herangehensweisen sind eine Bereicherung. Denn Vielfalt führt oft zu besseren Ergebnissen – wenn Menschen zusammenarbeiten. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Frauen und Männer, Kinder und Senioren, Alleinstehende und Eheleute, geborene Öcher und Menschen mit Familie am anderen Ende der Welt: Als Professorin für Gender und Diversity in den Ingenieurwissenschaften an der RWTH Aachen will Carmen Leicht-Scholten das Verständnis für die soziale Geschlechterrolle und die Vielfalt in der Gesellschaft wecken.

Sie will Ingenieure dafür sensibilisieren, dass sie bei ihren Entwicklungen an alle Menschen denken – in unterschiedlichem Alter, aus vielfältigen Kulturen und mit den verschiedensten familiären Situationen und Voraussetzungen.

Wie erklären Sie einem Kind, was Gender und Diversity bedeutet, Frau Professor Leicht-Scholten?

Leicht-Scholten: Indem ich das Kind frage: Was siehst du, wenn du nach rechts und links guckst? Du siehst unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Merkmalen, einen Jungen, ein Mädchen … du siehst Gender und Diversity.

Erreicht ein heterogenes Team bessere Ergebnisse als ein homogenes?

Leicht-Scholten: Das kommt darauf an. Heterogene Teams haben im besten Fall unterschiedliche Erfahrungshintergründe. Sind im Team zum Beispiel jüngere und ältere Menschen sowie verschiedene Disziplinen vertreten, kann man interdisziplinär an ein Thema herangehen und bekommt einen Mehrwert. Verschiedene Perspektiven sind eine Bereicherung.

Gibt es denn Forschungsergebnissen darüber, dass Vielfalt tatsächlich Vorteile bringt?

Leicht-Scholten: Es gibt Studien, die in die Richtung weisen. Zum Beispiel eine Studie einer großen Unternehmensberatung, die zeigt, dass Teams mit Frauen besser performen. Allerdings ist das differenziert zu betrachten. Woraus besteht ein diverses Team – aus einem Mann, einer Frau, einer behinderten Person und mindestens einer Ingenieurin oder einem Ingenieur oder einer Person mit Migrationshintergrund? So wie es nicht die Männer und die Frauen gibt, gibt es auch nicht das diverse Team.

Wo liegen Schwächen diverser Teams?

Leicht-Scholten: In einem homogenen Team, mit ähnlicher Sozialisation, vielleicht in ähnlichem Alter und aus einer Fachdisziplin, herrscht schneller Einverständnis. Ein heterogenes Team muss ich dagegen managen. Das kostet Zeit. Aber dann kann eine bessere Performance herauskommen. Das allerdings auch nur, wenn es keine Hierarchien gibt. Fühlt sich eine Minderheit benachteiligt, bleibt die bessere Performance aus.

Seit wann sind Sie selbst für Gender und Diversity sensibilisiert?

Leicht-Scholten: Ich bin mit einem Bruder aufgewachsen und ohne Rollenstereotype erzogen worden. Für jede/n von uns war alles möglich. Ausschlaggebend war ein Proseminar in meinem ersten Semester Soziologie, in dem ich mich erstmals mit geschlechtsspezifischer Sozialisation beschäftigte.

Sehen Sie die Gesellschaft auf einem guten Weg, sensibel für Diversity zu werden?

Leicht-Scholten: Jein. Einerseits gibt es seit einigen Jahren ein starkes Bewusstsein für Inklusion. Auch weil es stark politisch vorangetrieben wird. Die Wertschätzung von Vielfalt und Chancengerechtigkeit nimmt zu. Und auf technischer Seite gibt es immer mehr Möglichkeiten, Inklusion zu ermöglichen.

Aber?

Leicht-Scholten: Andererseits haben wir zunehmend gesellschaftliche und politische Strömungen, die kein buntes, vielfältiges Deutschland wollen.

Glauben Sie, dass Menschen im Jahr 2060 im Alltag sensibler gegenüber Gender und Diversity sind?

Leicht-Scholten: Die Herausforderung wird es sein, den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt so weiterzuentwickeln, dass es eine gelebte Inklusion ist. Wir sind auf einem gutem Weg, aber es bleibt eine Herausforderung. Die politischen Ereignisse zeigen, dass es Handlungsbedarf gibt. Ein guter Weg ist zum Beispiel der des Vereins „Gips S&L“. Dort besuchen Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen Schulen, damit Schülerinnen und Schüler hautnah erfahren können, was es heißt, eine Behinderung zu haben.

Wo fehlt es heute besonders an Sensibilisierung für Gleichberechtigung?

Leicht-Scholten: Mir fällt mir auf, dass es zwar einen politisch korrekten Diskurs gibt, was die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen angeht, es aber in der Umsetzung noch Luft nach oben gibt.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Leicht-Scholten: Nun, um beim Fall der Barrierefreiheit, die wir in der Kinderuni beispielhaft vorstellen, zu bleiben: Es gibt einige. Da ist ein Gebäudeeingang barrierefrei, aber der zugehörige Parkplatz hat Rasengittersteine. Die Normen werden beachtet, die konsequente Umsetzung fehlt noch. Andere Beispiele sind zu kurze Ampelphasen oder ein Leitstreifen, der an einem Pfahl endet.

Wie sensibilisieren Sie angehende Bauingenieure für die Umsetzung?

Leicht-Scholten: In der ersten Vorlesung steige ich immer damit ein, dass mich Studierenden beschreiben sollen. Häufig beschreiben sie nach äußeren Merkmalen. Und sie denken häufig, ich sei Ingenieurin, ich bin aber Politikwissenschaftlerin. So kommen wir auf das Thema Rollen. Ich erzähle ihnen vom Frauenanteil an der RWTH, und wir sprechen über Stereotype.

Ist es schwieriger, Ingenieure zu sensibilisieren als Geisteswissenschaftler?

Leicht-Scholten: Jein. In den Sozialwissenschaften kann es eine größere Sensibilität gegenüber Gender und Diversity geben als in den Ingenieurwissenschaften. Aber wenn es um pragmatische Umsetzungen geht, renne ich bei den Ingenieurinnen und Ingenieuren offene Türen ein. Wenn die eine Fragestellung haben, entwickeln sie eine Lösung. Und wenn die Dimension Gender wichtig ist, um ein gutes Produkt zu entwickeln, nehmen sie diese Dimension auf.

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