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Total verpennt: Um 12.11 Uhr warn alle weg

Von: Robert Esser und Thorsten Karbach
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So schmeckt der Öcher Fastelovvend: Selina (4), Lukas (1) und Sophia (2) lutschen im Penn-Zelt Pommes. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Minus 5 Grad Celsius, Schneegestöber än Froesbülle ajjen Föss - an der heißen Phase des Straßenkarnevals hat Petrus offenbar einen Narren gefressen. Ihr sonniges Gemüt in Sachen Fastelovvend ließen sich die Öcher am Donnerstag vom Winterwetter trotzdem nicht vermiesen. Im Gegenteil.

Vor allem die Wiiever wirbelten an Weiberfastnacht durch die Stadt. So schunkelten auf Markt, Münsterplatz, im Rathaus und am Burtscheider Jonastor zwar weniger Kostümierte als im Vorjahr, aber dennoch verblüffend viele unterm verschneiten Himmel.

Die Jugend setzt auf Plastik

Punkt 11.11 Uhr zählt OB Marcel Philipp vor der Marktbühne der Oecher Penn „5350 Öcher, davon 6500 Möhnen - mindestens!”. Hauptsache, es regnet nicht, heißt die Parole. Und sturzbetrunken torkeln dank des Schleusenkonzepts rund um den Markt, an dem alle Glasflaschen in den Müll wandern, nur die wenigsten übers Kopfsteinpflaster.

Gut informierte Partygänger, die gerade der Minderjährigkeit entwachsen sind, setzen deswegen auf Plastik - vorzugsweise die 1,5-Liter-Flasche mit Rum-Cola oder Wodka-E. Wobei E für Energy steht. Doch die geht den meisten auch nach (theoretischem) Sonnenuntergang nicht aus.

Nur sechs Patienten zählen die 40 ehranamtlichen Helfer der Malteser. „Ich gehe davon aus, dass dieser Rückgang vor allem auf die eiskalten Temperaturen zurückzuführen sind”, sagt Einsatzleiter Guido Müller. Auf dem Markt lässt Kommandant Jürgen Brammertz seine knapp 100 Mann starke Penn aufmarschieren - lautstark unterstützt von 30 Marktweibern und 35 Fraulü.

Mindestens ebenso viele Polizisten, Ordnungskräfte und Sicherheitsleute stapfen wacker durch den Schnee - meistens ziemlich entspannt. „Ein sehr ruhiger Tag”, resümiert später Elmar Bergstein vom Ordnungsamt. Bei 50 Jugendschutzkontrollen erwischt man zehn Minderjährige beim Konsum hochprozentiger Alkoholika - also jeden Fünften.

„Das wird mehrere Anzeigen geben - und zwar für die, die illegal Alkohol verkauft haben”, stellt Bergstein klar. Vier Platzweise erteilt, 15 Wildurinierer erwischt. In den Vorjahren lagen diese Fälle um ein Vielfaches höher.

Ganz oben schlägt 2010 das Stimmungsbarometer an: Uwe Brandt und Sarah Siemons begrüßen auf dem Münsterplatz mit der Tropi-Garde die Höhepunkte ihres Pfarrkarnevals aus dem Ostviertel - darunter natürlich Jiungfrauenchor, Hoppeditzjere, die 4 Amigos.

Hans Montag, CDU-Europaabgeordnete Sabine Verheyen als Teufelin und die studentische Karnevalsband Arschpoppeng werden auf dem Markt gefeiert.

„Öcher Seele verletzt”

Genauso wie die souveräne Abbitte des Aachener Karnevalsvereins: „Mit der Fernsehsitzung haben wir die Öcher Seele bestimmt ein bisschen verletzt, das tut uns leid”, ruft AKV-Präsident Horst Wollgarten den Jecken zu.

Und die zeigen viel Begeisterung für den päsidialen Wunsch, jetzt unbeschwert in den Straßenkarneval durchzustarten. Sein „Oche!” beantwortete die Narrenschar mit drei donnernden „Alaafs” aus voller Kehle.

Apropos voll: Mehrere tausend Narren feiern indees ausgelassen auf dem Katschhof im wohl temperierten Festzelt der Penn. Die Traditionsgarde glänzt vor närrischen Generationen jeden Alters mit einer herrlichen 70er-Jahre-Revue, die ein Team um Gardist Michael Cosler auf die Bühne bringt. Klasse! Genauso wie die Party mit der Live-Band „Wheels” bis Mitternacht.

Szenenwechsel, Uhr zurückgedreht: Burtscheid, das ist da, wo Sonnen mit Schneemännern tanzen. Die Sonnen, das sind in diesem Fall Ulla, Moni, Agi, Karin und Heidi, die ihr sonniges Gemüt in gelben Stoffbahnen vernäht haben. Die Schneemänner sind eigentlich Schneefrauen, heißen Elvira und Maria.

Und das Kostüm passt nicht nur schön in die verschneite Kulisse am Burtscheider Markt, sondern ist auch noch praktisch. Unter dem wallenden weißen Gewand ist Platz für warme Kleidung. „Fünf Schichten”, sagt Elvira. Ja, ja, die brauchen sie auch an (K)Altweiber in Burtscheid.

Die Lust, Straßenkarneval mit den Spritzemännern zu feiern, ist in Burtscheid keineswegs eingefroren. Klar, die Reihen vor der Bühne stehen auch hier lockerer. „Es sind trotzdem erstaunlich viele”, findet Wilm Lürken, Präsident des Ausschusses Aachener Karneval. Wie sie Schnee und Kälte trotzen, ist offensichtlich. Schunkelnd, tanzend, singend.

Echte Spritzemänner, die frieren ohnehin nicht. Nicht, weil sie statt Blut Feuer in den Adern haben, sondern weil sie sich dick genug eingepackt haben. „Sieben Lagen”, sagt Michael Schmitz. Kalt? „Näh, wir schunkeln doch”, sagt Dieter Hüllenkremer. Die beiden, vorne links am Bühnenaufgang stehend, wissen eben, wie einem Straßenkarneval warm wird - nicht nur ums Herzen.

Egal ob die Stadtmusikanten, die Jonge vajjen Beverau, Prinz Dirk IV. oder die Originale auf der Bühne stehen. Sie wiegen sich von links nach rechts, va reähts noeh lenks. Unermüdlich. „Aber so kalt war es hier wirklich noch nie”, sagt Schmitz. Er ist seit Jahren Spritzemann in Burtscheid - da wo Sonnen und Schneemänner tanzen und tanzen und tanzen. Minus fünf Grad - wat heäßt dat at?
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