Theologe zu Karneval: „Eine Gelegenheit, das Animalische auszuleben”

Von: Interview: Christof Bock, dpa
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Karneval Tierisch
Tierisch gut drauf: Zu Karneval entlädt sich das Tierhafte - und zwar nicht nur im Kostüm. Foto: dpa

Münster. In den nächsten Tagen werden aus den närrischen Hochburgen wieder viele Bilder von verkleideten Menschen zu sehen sein, die mit Wildfremden knutschen und schunkeln. Die Exzesse sind bekannt.

Theologe Rainer Hagencord betreibt in Münster das Institut für Theologische Zoologie. Die Einrichtung der Kapuziner betrachtet die Tierwelt aus christlicher Sicht. Unter anderem befasst sich Hagencord mit der Grenze zwischen dem Menschen und dem Tier.

Herr Hagencord, wieviel Tier steckt in einem Karnevalisten?

Hagencord: „Sehr viel. Das Animalische zeigt sich nicht nur in den Verkleidungen mit lauter schönen Tierkostümen. Es gibt zum Beispiel auch das Sprichwort „Die Sau rauslassen”. In unserem Alltag sind wir vernünftig, im Karneval entlädt sich dann das Tierhafte.”

Vor allem Norddeutsche sehen Bilder aus dem Karneval immer wieder entsetzt an und halten sich für zivilisierter als die Jecken. Ist das närrische Treiben gar ein Rückschritt in der Evolution?

Hagencord: „Nein. Erstens sind die Tiere nicht nur Instinkten unterworfen. Auch sie leben in sozialen Systemen, verfügen somit über das, was wir heute „emotionale Kompetenz” nennen. Außerdem ist nach neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie das Intuitive entscheidend für unser Verhalten. Das, was den Menschen ausmacht, ist gerade das, was wir oft noch abfällig tierhaft nennen. Im Karneval wird deutlich, dass wir mehr sind als Büromenschen oder als Eltern. Wir sind eben auch Affen und Löwen - und was es sonst noch alles an Kostümen gibt.”

Jetzt frage ich Sie mal als Theologen: Der Karneval ist der Auftakt zur Fastenzeit, steht also in sehr engem Verhältnis zu Ostern. Wie lassen sich die Exzesse mit dem frommen Kontext vereinbaren?

Hagencord: „Es ist eine Gelegenheit, noch einmal das Animalische auszuleben. Der Karneval ist aus gutem Grund in den christlichen Kalender eingebunden. Ich halte das für eine gute Kultur. Die Exzesse sind eher Kollateralschäden, verursacht durch den Alkohol.”
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