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In der Kölner Republik sind alle Menschen gleich

Von: Christoph Driessen, dpa
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Weiberfastnacht in Köln
Karnevalisten gehen in Köln zum Alter Markt. Mit der Weiberfastnacht beginnt der Straßenkarneval im Rheinland. Foto: dpa

Köln. Es ist kurz vor halb neun, als vor dem Kölner Dom eine Gruppe von Scheichs im Schneetreiben von einem hünenhaften Mann in knalligem Orange gestoppt wird: „Den Kasten würd ich nicht mitnehmen - das Ordnungsamt kommt sofort!”, ruft er. „Und dann müsst ihr 30 Euro bezahlen. Dat sin die Jesetze.” Köln am Tag 1 nach dem Flaschenverbot.

Nach einem gerichtlichen Eilbeschluss sind Gläser und Glasflaschen in einigen Kölner Innenstadt-Zonen von Weiberfastnacht an verboten. Straßenkehrer Werner Oberlack (42) hat die undankbare Aufgabe, die aus dem Hauptbahnhof strömenden Karnevalisten darauf hinzuweisen. Die Scheichs sind ihm dankbar dafür und improvisieren rasch: „Jungs, dann trinken wir den Kasten eben jetzt leer!” Und zu Oberlack: „Können wir Ihnen ne Flasche kaltstellen?” Oberlack hebt abwehrend die Hand: „Hört mal, Leute, ich bin im Dienst!”

Oberlack wird heute deutlich weniger zu tun haben als sonst an Weiberfastnacht. Einmal das Flaschenverbot und dann das Wetter. So kalt war es an Karneval schon lange nicht mehr, dazu weht ein heftiger Wind mit Schneeböen. „Da setzt sich niemand auf die Domtreppe.”

Ingeborg Sperling (63) aus Krefeld hat sich von den Eisschauern nicht abschrecken lassen. „Ich hab vier Lagen übereinander.” Die oberste ist ein selbstgenähtes Salatschneckenkostüm. Sie ist jedes Jahr mit ihren Freundinnen in Köln. „Die Kölner feiern anders”, sagt sie. „Da wird nicht gefragt: Wat hasse und wat bisse? Wir waren letztes Jahr in einer Kneipe nur mit jungen Leuten. Aber die haben nicht gesagt: "Wat wills du denn hier, Oma?" Die haben gesagt: "Hier is n Bier!”

Das ist der fast subversive Aspekt des Straßenkarnevals, der all jenen verborgen bleibt, die bei Karneval nur an die schunkelnden Untoten aus „Mainz bleibt Mainz” denken. Wer sich verkleidet, der gibt seinen Status und seine Identität für ein paar Tage auf, und das hat etwas Befreiendes. Hängeschultrige Jünglinge gehen plötzlich aufrecht im Piratenkostüm, und die grauen Anzugträger von Sal. Oppenheim lassen die ersten vier Knöpfe vom Rüschenhemd offen.

„Ich bin Frank Poncherello vom California Highway Patrol”, verkündet Christian Koch (27) aus dem Saarland. Er hat 170 Euro investiert, um an diesem Tag einmal in die Haut des von ihm bewunderten RTL-Serienhelden schlüpfen zu können. „Die Knarre ist echt!”, versichert er stolz.

In Köln wird nicht gefragt, wer Einheimischer ist und wer Zugereister - die Kölschwerdung vollzieht sich mit Verlassen des Hauptbahnhofs, danach sind alle Menschen gleich, und wundersame Dinge geschehen: „Ich habe heute bei Aldi für 11 Euro 11 eingekauft - ist das nicht verrückt?”, fragt die als Blumenmädchen verkleidete Beate (36). „Das ist doch ein Zeichen!”

Aber die Kölner Republik kennt auch ihre Flüchtlinge. Die Alternative zu Pappnase und Massenbesäufnis liegt irgendwo an einer verregneten Küste. „Wir fahren bis Aschermittwoch nach Sylt”, sagt Gerlinde Nick (56) aus der Eifel, die mit ihrem Mann auf den ICE nach Hamburg-Altona wartet.

In Köln ist an diesem Tag nicht mal der Dom ein karnevalsfreier Raum. Zunächst scheint die Kathedrale vollkommen leer. Kein Tourist hat den Weg hierher gefunden. Alles ist still. Aber vor dem Marienaltar steht ein Karnevalist im Gardekostüm und betet mit gefalteten Händen vor brennenden Kerzen.

Es ist Andreas Schottes (38), Mitglied der Prinzengarde. Für ihn gehören Karneval und Katholizismus zusammen. Schließlich war es der katholische Humanist Erasmus vor Rotterdam, der vor einem halben Jahrtausend das „Lob der Torheit” verfasste und damit zum Erzvater aller Comedians wurde. Erasmus fragte: „Kann man überhaupt von Leben sprechen, wo kein Vergnügen ist?” Schottes bekreuzigt sich, und dann stürzt er sich in eben dieses Vergnügen.
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