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Ein Karneval auf Armlänge

Von: Jonas-Erik Schmidt, dpa
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Nach den Silvester-Übergriffen auf Frauen ist die Unsicherheit vor der heißen Phase des Karnevals groß. Foto: Oliver Berg/dpa

Köln. Ein Fremder ist im Karneval eigentlich ein Freund. Es gehört quasi zum Wesenskern der Tage zwischen Weiberfastnacht und Karnevalsdienstag, dass sie den Sicherheitsabstand verschwinden lassen, den Menschen im Alltag intuitiv einhalten. Die Kneipen sind proppenvoll, zum Schunkeln wird untergehakt und ab und zu ein Küsschen verteilt, das man im Rheinland „Bützje” nennt. Normalerweise.

Denn wer sich gerade in einer Karnevalshochburg wie Köln umhört, erhält den Eindruck, dass das Bützje bedroht sein könnte. Zu viel ist passiert zuletzt. An Silvester wurden Frauen aus einer chaotischen Menschenmenge heraus umzingelt und begrapscht.

Bei vielen Menschen löste dieses Szenario ein mulmiges Gefühl aus. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker sprach danach davon, dass man vielleicht nicht die Nähe von Menschen suchen sollte, die einem fremd sind. Es fiel der Begriff der „Armlänge” Distanz, die man einhalten könne.

Wird es also ein Karneval auf Armlänge? Damit wäre in gewisser Weise der Markenkern bedroht. „Man fragt im Karneval nicht nach dem Namen, wenn man küssen will. Die Erfahrung von Gemeinschaft, die den Karneval prägt, hat stark mit körperbetonten, sinnlichen Dimensionen zu tun: Schunkeln, Singen, Tanzen, Trinken”, erläutert die Bremer Ethnologin Michi Knecht, die dazu publiziert hat.

Der Kölner Diplom-Psychologe Uwe Wetter spricht davon, dass eine gewisse Körperlichkeit eigentlich dazu gehöre - das wüssten die Menschen. „Aber gerade in den sehr vollen Kneipen kann das auch ein Gefühl von wenig Kontrolle und wenig Privatsphäre bedeuten - auch das wissen die Leute”, sagt er.

„Und das sind die Ängste, die nach den Übergriffen aus der Silvesternacht nun einen größeren Rahmen bekommen haben. Es ist vor allem die Angst vor Kontrollverlust.” Der Psychologe geht daher davon aus, dass viele Jecken in diesem Jahr das Feiern lieber bleiben lassen. „Und auch für die, die dabei sind, kann es kleine Änderungen bedeuten”, sagt er. „Es ist denkbar, dass die Lockerheit verloren geht.”

Erfahrene Karnevalisten grübeln. Kabarettist Bernd Stelter steht seit 1988 auf Karnevalsbühnen („Ich hab drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär”). Auch er spürt eine Veränderung. „Ich glaube in der Tat, dass die Leute mehr darauf achten werden, wen man kennt und wen man nicht kennt, wer zur Clique gehört und wer nicht. Und wenn dann jemand Fremdes kommt, wird sicherlich ein komisches Gefühl da sein”, sagt er. „Diese Silvesternacht hat uns etwas geraubt - das stimmt.”

Auf der anderen Seite kann sie auch eine heilsame Zäsur bedeuten. Sexualisierte Gewalt bei Massenveranstaltungen sei ja nichts Neues, sagt Jennifer Wörz vom Kölner Frauenberatungszentrum. Nun sei womöglich der politische Wille gestiegen, etwas dagegen zu tun. Und Frauen hätten die Erfahrung gemacht, dass ihnen nun endlich auch zugehört werde. „Es wurde ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein dafür geschaffen”, glaubt Wörz.

Ob sich der Karneval in diesem Jahr anders anfühlen wird als sonst, lässt sich wohl erst an Aschermittwoch beurteilen - wenn alles vorbei ist. Auf den Bühnen sind einige Änderungen indes bereits verbrieft. Bernd Stelter etwa hat einen Part über den skandalumwitterten US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump aus seinem Programm geworfen. Er spricht dafür nun lieber über Integration.