Aachen - Cem Özdemir: Einmalig in der Geschichte des AKV

Cem Özdemir: Einmalig in der Geschichte des AKV

Von: Manfred Kutsch
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Freut sich auf die Ordensverleihung am Samstag, 26. Januar, im Aachener Eurogress: Grünen-Chef Cem Özdemir. Foto: Harald Krömer

Aachen. In einer Woche wird Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, vom Aachener Karnevalsverein (AKV) zum Ordensritter „wider den tierischen Ernst“ gekürt. Im Interview mit unserer Zeitung verrät der 46-jährige türkischstämmige Schwabe, wer ihn beraten hat, lästert über die schwarz-gelben Repräsentanten auf der AKV-Bühne und offenbart unter anderem sein besonderes Verhältnis zum türkischen Till Eulenspiegel und zu EU-Parlamentspräsident und Laudator Martin Schulz.

Am Sonntag die Niedersachsen-Wahl, am nächsten Wochenende die Verleihung des Ordens „Wider den tierischen Ernst“. Wäre Ihnen die umgekehrte Reihenfolge lieber gewesen?

Özdemir: Ganz und gar nicht. Erst schlagen wir in Niedersachsen McAllister in die Flucht und eine Woche später schlägt der Elferrat mich zum Ritter. Das passt doch. Finden Sie nicht?

Hoch dekorierte Jecke haben ein Recht auf Träume. Aber wer oder was hat Ihnen eigentlich grünes Licht gegeben, die Aachener Auszeichnung anzunehmen?

Özdemir: Zum einen ist mir die Bühne des AKV durch meine Auftritte mit meinem Freund Armin Laschet vor einigen Jahren ja nicht unbekannt. Zum anderen hat mich der von mir sehr geschätzte Ex-Ritter John C. Kornblum gut beraten. Und ferner habe ich mich natürlich bei den Aachener Grünen umgehorcht, die ja mehr im alternativen Karneval verwurzelt sind. Aber die Gräben sind offensichtlich kleiner geworden. Und dass der AKV auf mich zugegangen ist, hat ja möglicherweise auch etwas damit zu tun, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert.

Konkret?

Özdemir: Erstens bin ich der erste grüne Ritter. Zweitens einer, dessen Vorfahren nicht immer in Deutschland gelebt haben. Beides hat es bislang in der Geschichte der AKV-Ritter nicht gegeben. Insofern habe ich die Entscheidung auch als Zeichen der Integration und Moderne gesehen.

Jetzt haben Sie das Öcher Prunkstück bald am Hals. Damit ist freilich der Karriereknick programmiert.

Özdemir: Wie bitte?

Guttenberg abgestürzt, Rüttgers abgewählt, Merz abgekanzelt. Das waren die letzten drei politischen AKV-Ritter.

Özdemir: Ich denke in langfristigen, historischen Dimensionen. Wenn ich mir die Würdenträger davor anschaue, dann – so glaube ich – muss man die AKV-Tradition wieder in die lange Reihe setzen und die vorübergehende Formschwäche Mancher einfach großzügig abhaken. Aber wir schwächeln ja alle gelegentlich mal. Man kann auch sagen: Ein Hase sollte den anderen nicht daran erinnern, dass er lange Ohren hat.

Wie etwa Kollege Martin Schulz. Der hält die Laudatio.

Özdemir: Worüber ich mich sehr freue. Wir haben im Europäischen Parlament zusammengearbeitet. Er kennt Aachen und den AKV wie kaum ein anderer. Und natürlich ist es im Jahr der Bundestagswahl ein schönes Signal, dass ein Roter auf einen Grünen die Laudatio hält. Auch in der Reihenfolge.

Das schwarz-gelbe Humor-Duo auf der AKV-Bühne heißt Annegret Kramp-Karrenbauer und Wolfgang Kubicki. Empfinden Sie die Entscheidung im Vorfeld als närrische Folter oder genialen Schachzug des AKV-Programmausschusses?

Özdemir: Ja, letzteres natürlich. Kramp-Karrenbauer ist das Symbol für den Wandel der Union. Doppelnamen waren früher nur bei uns üblich, jetzt sind sie bei der CDU angekommen. Und Herr Kubicki wird derjenige sein, der nach dem September von der FDP übrig bleiben und seine dann außerparlamentarische Partei von Schleswig-Holstein aus neu aufbauen wird. Insofern ist die Auswahl des AKV genial.

Ihre Rede ist in der Weihnachtszeit zuhause entstanden. Was mag dabei rausgekommen sein? Nur schwarz-gelbe Pritschenschläge?

Özdemir: Lassen Sie sich überraschen. Aber ich versichere Ihnen: Es wird nicht nur um Frau Merkels Truppe gehen, auch wenn die Versuchung mit Blick auf den aktuellen Zustand der Koalition natürlich groß ist.

Vor bis zu fünf Millionen Fernsehzuschauern werden Sie in der Hauptrolle einer 105-minütigen ARD-Sendung stehen. Kennen Sie noch Lampenfieber?

Özdemir: Ja, natürlich. Zumal ich weiß, dass die Aachener Festsitzung ja kein Parteitag und auch keine grüne Wahlkampfveranstaltung sein wird. Ich werde im Eurogress vor einem Publikum stehen, in dem auch einige der verbliebenen schwarz-gelben Wähler sitzen. Insofern könnte man fast sagen: Es wird ein halbes Auswärtsspiel. Aber: So wie der VfB Stuttgart zuletzt seine Auswärtsbilanz verbessert, könnte es ja auch mir gehen.

Ritter aus Ihrer schwäbischen Heimat kann der AKV ja aufweisen. Aber welche Art von Humor leben Ihre Eltern? Wie wurden Sie davon geprägt?

Özdemir: Sicher nicht durch Reime, die gab es bei uns nicht. Mein Vater hat mir abends Geschichten des türkischen Nasreddin Hodscha erzählt. Er ist vom Balkan bis nach Zentralasien sehr bekannt. Manche seiner Geschichten habe ich dann später in der Schule wieder gehört – unter einem anderen Namen: Till Eulenspiegel. Das fand ich ganz faszinierend, wie Geschichten aus dem Orient hier Eingang gefunden haben. Später habe ich dann mit meinem Vater „Männer ohne Nerven“ mit Stan Laurel und Oliver Hardy im Fernsehen angeschaut und wir lachten jedesmal herzhaft, wenn die beiden wieder einmal Probleme lösen wollten, dabei aber die Welt zerlegten. Mein Vater und ich haben einen sehr ähnlichen Humor. In der Liebe zu Stan und Ollie sind wir uns bis heute sehr nahe.

Die deutsche Bezeichnung „Dick und Doof“ haben Sie nie akzeptiert. Warum?

Özdemir: Für meine Eltern, die das Duo bereits aus dem Kino in der Türkei kannten, hießen sie immer „Laurel & Hardy“, wie für alle türkischen Fans. Deshalb kam es mir auch nicht in den Sinn, sie auf „Dick und Doof“ zu reduzieren. Stan war stets Opfer der Umstände und konnte deshalb gar nicht dumm sein, und Ollie hatte zwar sicher ein Gewichtsproblem, aber er war dennoch sportlich. Nehmen Sie die berühmte Klavierszene, in der beide ein Klavier über eine ewig lange Treppe hoch tragen mussten. Das müssen Sie erst mal schaffen.

In der Berliner Ellenbogengesellschaft wird Humor vielfach auf Ironie und Zynismus als politisches Kampfmittel reduziert. Wie gehen Sie damit um?

Özdemir: Ich finde, es gibt eine klare Grenze: Die der Erniedrigung von Menschen oder der Infrage-Stellung ihrer Würde. Das ist menschenverachtend. Ich bin geprägt von den baden-württembergischen Grünen. Für uns gibt es keine Feinde in demokratischen Parteien, die wir zu bekämpfen haben, sondern nur Mitbewerber, mit denen wir konkurrieren. Und das Gute ist: Opposition in Deutschland bedeutet ja nicht, dass man enthauptet wird wie in anderen Ländern. Insofern sollten wir dankbar sein, dass wir in einer Demokratie leben können, in der ein Gespräch Sinn macht, wenn man nicht ganz ausschließt, dass der andere möglicherweise in dem einen oder anderen Punkt Recht haben könnte. Ansonsten ist der Austausch ja sinnlos. Das ist meine Grundhaltung in der Politik.

Wem würden Sie spontan – parteiübergreifend – im politischen Berlin Humor im verbindenden Sinne attestieren?

Özdemir: Bundestagspräsident Norbert Lammert, da muss ich nicht lange nachdenken. Ich habe ein paar Reden von ihm live mitbekommen, er macht das sehr, sehr gut und bindend seine Zuhörerparteiübergreifend ein.Gleichzeitig findet er zu seinen eigenen Leuten eine Balance. Respekt.

Welche Rolle spielt der Humor in Bezug auf Ihre Familie – wenn Sie denn einmal bei ihr sein sollten?

Özdemir: Das bin ich öfter als Sie denken, darauf lege ich Wert. Und es ist nicht ganz einfach mit zwei kleinen Kindern. Aber das hilft enorm, den Politikalltag mit Humor zu nehmen und nicht alles ganz so ernst zu nehmen – inklusive sich selber.

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