Zwischen Kanapees und Quoten

Von: Robert Esser und Albrecht Peltzer
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Karlspreis der besten Laune (von links): Pat Cox, Karlspreisträger im Jahr 2004, Direktoriumssprecher Walter Eversheim, Andrea Riccardi und Oberbürgermeister Jürgen Linden auf der Katschhofbühne nach der Rathaus-Zeremonie. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Rein rechnerisch hätten Hans Hollands Häppchen für jeden zehnten Zuschauer zu Hause gereicht. In der Aula Carolina ließen sich nämlich 500 Ehrengäste gut 5000 Kanapees des Chef-Caterers schmecken.

Und genau zehn Mal so viele Menschen schalteten die 110-minütige Live-Sendung des WDR-Fernsehens aus dem Aachener Krönungssaal zur Verleihung des Karlspreises an Professor Andrea Riccardi ein: 50.000 in Nordrhein-Westfalen, und nochmal so viele im Rest der Republik. Im Vorjahr, als von der selben Stelle Kanzlerin Angela Merkel über die Bildschirme flimmerte, war die Quote gut drei Mal so hoch.

Medialer Aufwand

Unverändert anspruchsvoll sei der mediale Aufwand geblieben, erklärt die Leiterin des Aachener WDR-Studios, Bettina Feldhaus, am Freitag. Acht Kameras, endlose Kabelkilometer, zig Mikrofone und dutzende Scheinwerfer hatten den Krönungssaal in ein Fernsehstudio verwandelt. Und so manchem Anzugsträger den Schweiß auf die Stirn getrieben. Nach Christi Himmelfahrt ist die tonnenschwere Übertragungstechnik mitsamt der 60-köpfigen WDR-Mannschaft verschwunden.

Zurück bleiben bewegende Bilder und beeindruckende Bekenntnisse: Nach dem Festakt hatten tatsächlich knapp 1000 Zaungäste den außerhalb seiner Laiengemeinschaft Sant´Egidio doch weitgehend unbekannten Geschichtsprofessor Riccardi nach dem Festakt tatsächlich mit Gesängen auf dem Markt empfangen und dem Gründer der christlichen Laienorganisation Sant´Egidio auf seinem Weg zum Katschhof zugejubelt.

Auf die üblichen Metallabsperrgitter verzichtete die Polizei, stattdessen wurden dünne Seilchen gespannt. Dabei hatte Merkel hier 2008 kein größeres Karlspreis-Publikum angezogen; dafür aber diverse Grüppchen lautstarker Protestler. Riccardi hingegen flogen die Herzen beim Bad in der Menge ungehindert zu - mal abgesehen von einzelnen T-Shirt-Trägern, die auf die Contergan-Problematik beim Aachener Pharma-Unternehmen Grünenthal aufmerksam machen wollten.

Doch die Aachener hatten nur Augen für die Gästeriege auf der Katschhofbühne - auch wenn der prominente Aufmarsch im Vergleich zu Vorjahren reichlich ausgedünnt war. Egal Es wurde unbeschwert gescherzt, gelacht - und lange laut geklatscht. Riccardi erntete viel Applaus, weil er feststellte, dass renommierte Preisverleihungen in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. „Aber hier ist das ein großartiges Fest unter freiem Himmel!”, rief er den Aachenern zu. Großherzog Henri von Luxemburg bekundete, wie stolz er sei, dass der Karlspreis 1986 an sein Land gegangen war.

Pat Cox ließ sich derweil schon sein erstes Bierchen schmecken. Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul lobte, dass Karlspreisträger Riccardi „im Unterschied zum typischen Politiker-Jargon Emotionen und Poesie in den Mittelpunkt seiner europäischen Visionen stellt. Diese Begeisterung braucht Europa gerade jetzt in der Krise”, sagte sie. Und Oberbürgermeister Jürgen Linden, der 20 Karlspreisträgern seit 1990 ihre Medaille und Kette um den Hals gelegt hat, sprach am Freitag von einer neuen Ära: „Der Karlspreis ist in diesem Jahr in eine neue Dimension vorgestoßen”, resümierte er. „Er hat sich als politischer Preis neu definiert und ein größeres Aufgabenfeld übernommen.”

Für Linden war die Ehrung Riccardis der letzte Karlspreis-Festakt in seiner Funktion als Oberbürgermeister. Seine beiden potenziellen Nachfolger riskierten auf Nachfrage schon mal einen Gedanken daran, im kommenden Jahr selbst in die staatstragende Rolle zu schlüpfen. OB-Kandidat Karl Schultheis (SPD) erklärte: „Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die ich mit Sicherheit gut erfüllen werde.” Der OB-Kandidat der CDU, Marcel Philipp, sagte: „Natürlich traue ich mir diese Aufgabe zu. Aber in erster Linie genieße ich die Rolle, die die Stadt Aachen dabei spielt.”

Katschhof-Programm

Die Bewohner Aachens genossen derweil das Karlspreisfest bis in die Abendstunden, als das afrikanische Ensemble „Oboja & Obonixxx” über die Bühne wirbelte. Ein paar hundert Meter vom Katschhof entfernt, in der Aula Carolina, spülte das Catering-Team von Hans Holland da schon seit Stunden das Geschirr. Die 5000 Kanapees wurden restlos vertilgt.

Jetzt bringt der Gastronom eine ganz spezielle Gästeliste in Sicherheit. Auf der steht etwa, welcher Rabbiner Wein von den Golanhöhen bevorzugt, wer vegetarisches Essen bekommt, wer koscher beköstigt werden muss. Die wird 2010 wieder ausgepackt, damit die Rechnung bei der Karlspreisverleihung aufgeht. Doch vor allem der Karlspreis selbst scheint - völlig unabhängig vom jeweiligen Preisträger - so ganz nach dem Geschmack der Aachener zu sein.
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