Aachen - Verleihung auch ein großer Moment für Angehörige und Freunde

Verleihung auch ein großer Moment für Angehörige und Freunde

Von: Christina Handschuhmacher
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Strahlende Gratulanten: Martin Schulz‘ ältere Schwester Doris Harst ist stolz auf ihren jüngeren Bruder Martin. Foto: Harald Krömer
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Als die alten Freunde Kornel Simon und Martin Schulz in der Aula Carolina aufeinander treffen, gibt‘s erst einmal flapsige Sprüche. Foto: Christina Handschuhmacher

Aachen. Am Christi Himmelfahrtsmorgen um exakt 8.27 Uhr sind sie alle wieder vereint. Also fast. Denn einer fehlt, um die „vier Musketiere“, wie sie sich selbst spaßeshalber nennen, zu komplettieren. „Ob wir Martin heute überhaupt persönlich zu Gesicht bekommen?“, fragt Kornel Simons in die Runde.

Franz Josef Hansen und Gotthard Kirch zucken in ihren schicken Anzügen mit den Schultern. „Irgendwann klappt das bestimmt“, sagt Hansen. Die drei Schul- und Fußballkumpels kennen Schulz seit mehr als 50 Jahren. Mit ihrer Vierer-Männerclique treffen sie sich rund zweimal pro Jahr – obwohl Kornel Simons mittlerweile in Chicago lebt und Martin Schulz als EU-Parlamentspräsident einen straffen Zeitplan hat. Was glauben die Männer? Ob Schulz wohl aufgeregt ist? „Mit Sicherheit“, sagt Hansen. „Das ist für ihn nicht nur irgendein Preis, sondern eine sehr persönliche Auszeichnung.“

Auch Doris Harst merkt man die Aufregung an. Schließlich bekommt nicht alle Tage der kleine Bruder den Karlspreis verliehen. Das Ganze sei schon „ein bisschen surreal“, sagt die 65-Jährige. „Wir stammen aus einfachen Verhältnissen. Früher dachten wir immer, dass Menschen wie die Karlspreisträger mit dem goldenen Löffel im Mund geboren werden.“ An großen Tagen im Leben des jüngsten Bruders versuchen alle Geschwister dabei zu sein. So war es im Januar 2012 als Schulz in Straßburg zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wurde und so ist es auch an diesem Tag.

„Wir haben einen sehr engen Zusammenhalt in der Familie“, sagt Harst. Auch wenn Martin „ständig in der Welt unterwegs ist“, sei er via Telefon und SMS „immer präsent“. Der familiäre Zusammenhalt ist an diesem Tag gut sichtbar: Im Krönungssaal sitzen die vier Geschwister von Martin Schulz – die beiden älteren Brüder Erwin und Walter und die Schwestern Doris und Brigitte – mit ihren Partnern in einer Reihe. Schulz ist sechseinhalb Jahre jünger als Harst – das Nesthäkchen eben und der einzige der Geschwister ohne Abitur und Studium. Harst nimmt das gerne als Anlass zu scherzen. „Wenn ich von meinen Geschwistern erzähle, erwähne ich das manchmal und sage dann: Ja, und dann ist da noch mein jüngster Bruder Martin. Der ist nur Präsident des Europäischen Parlaments.“

Und seit Donnerstag, 12.30 Uhr, nun auch Karlspreisträger. Als sich nach der Rede ihres Bruder alle Menschen im Krönungssaal erheben, wischt sich Doris Harst mit einem Taschentuch ein paar Tränen aus dem Augenwinkel. „Seine Rede war genial und er hat alles auf den Punkt gebracht“, wird sie später sagen. „Aber ich habe auch nichts anderes von ihm erwartet.“

Apropos Rede. Da gibt es dieses Anekdötchen von Schulz zu Schulzeiten, das Hansen beim Stichwort Rede einfällt: Irgendwann in der dritten Klasse sei das gewesen. Da hätten Martin und er den Aufsatz, den es als Hausaufgabe zu verfassen galt, nicht geschrieben. Die beiden hatten besseres vor: Fußball spielen. „Natürlich hat der Lehrer Martin drangenommen. Der hat sein leeres Heft aufgeschlagen und sich einfach etwas ausgedacht. Das hat niemand bemerkt und am Ende hat er auch noch eine gute Note bekommen.“ Und wie hat den Freunden die Karlspreisrede gefallen? „Martin war authentisch und das was über ihn gesagt wurde, hat mich sehr berührt“, sagt Gotthard Kirch.

Auf den Tausenden Menschen auf dem Katschhof hat die Rede offensichtlich gefallen. Schulz schlägt aufrichtiger Applaus entgegen. Die Menschen wedeln mit grün-gelben Fähnchen und Transparenten. Grün-gelb? Für welches Land stehen denn diese Farben gleich noch? Das werden sich vielleicht der spanische König Felipe VI. oder auch Bundespräsident Joachim Gauck von der Bühne aus gefragt haben. Brasilien vielleicht? Nein! Grün-gelb sind die Farben der Stadt Würselen, der Heimatstadt des Karlspreisträgers. Mitglieder der Bissener Maigesellschaft – Bissen ist der Würselener Ortsteil, aus dem Schulz stammt – sind nach Aachen gekommen, um ihren Pritschenmeister aus dem Jahr 1975 zu ehren. Schulz ist sichtlich gerührt: „Dass Ihr heute hier seid, ist fast noch mehr Wert als die Anwesenheit des spanischen Königs.“ Ob die Dolmetscherin König Felipe den Satz wohl übersetzt hat?

Dem französischen Staatspräsidenten François Hollande gefällt der ganze Würselener und Aachener Lokalkolorit jedenfalls: Er habe lange Zeit gedacht, Martin Schulz sei Franzose, wenn auch aus der Bretagne, scherzt Hollande. „Aber heute habe ich verstanden, dass er ein Mensch hier aus dieser Region ist.“

Es ist schon früher Nachmittag, als Schulz nach Dom, Weißem Saal, Krönungssaal, Rathaustreppe und Katschhofbühne endlich an seiner letzten Station, der Aula Carolina, ankommt. „Büb!“, sagt Schulz nur, als er Franz Josef Hansen in der Aula Carolina erblickt. Er wirkt müde. „Wo sind denn die anderen“, fragt er. Gar nicht einfach, bei den ganzen Ehrengästen in der Aula Carolina den Überblick zu behalten. Hintereinander schlängeln sie sich durch die Menschenmenge. Immer wieder wird Schulz gestoppt, jeder will ihm persönlich gratulieren. Doch nun sind erst die engsten Freunde dran.

Endlich dort angekommen, verfällt Schulz sofort in den Wöschelter Zungenschlag. Hier gibt es keinen distanzierten Handschlag, sondern herzliche Umarmungen, Schulterklopfen und ein paar flapsige Sprüche. Alles ganz locker – ganz fernab vom sonstigen Protokoll der Karlspreisverleihung. „Ist das denn auch echtes Gold?“, fragt Kornel Simons und tut für einen kurzen Moment so, als ob er in die Karlspreismedaille hineinbeißen will. Gelächter in der Runde. Die „vier Musketiere“ sind wieder vereint. Aber nur kurz, dann muss Schulz weiter. „Ich komm gleich noch einmal zu euch“, ruft er und winkt. Dann dreht er sich um und verschwindet in der Menge.

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