Warschau - Streiter für eine gemeinsame Sprache in Europa

Streiter für eine gemeinsame Sprache in Europa

Von: Knut Krohn
Letzte Aktualisierung:
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Donald Tusk.

Warschau. Donald Tusk stand vor einem Scherbenhaufen. Kaum jemand in Europa war gut auf Polen zu sprechen, als der neue Regierungschef vor etwas über zwei Jahren die Amtsgeschäfte übernahm. Sein national-konservativer Amtsvorgänger Jaroslaw Kaczynski hatte sich in der Rolle des zornigen Verweigerers eingerichtet, der den Rest des Kontinents mit seiner ganz eigenen Sicht auf Europa immer wieder vor den Kopf stieß.

Für Kaczynski, der jetzt nach dem Unfalltod seines Zwillingsbruders Lech für das Amt des Staatspräsidenten kandidiert, ist Polen eine Art moralischer Gläubiger Europas, und mit dem Beitritt zur Europäischen Union sei lediglich eine historische Schuld abbezahlt worden. Die Finanztransfers aus Brüssel waren in diesem Sinne wohlfeile Reparationszahlungen für die Leiden des Krieges und die Unterdrückung als Vasallenstaat der Sowjetunion.

Diese Sichtweise machte die gemeinsame Geschichte zum Ballast, der die Aussöhnung mit Deutschland und eine Integration Polens in die EU praktisch unmöglich machte. Donald Tusk stand vor der gewaltigen Aufgabe, die Rolle Polens in Europa nicht nur aus der verengenden Sicht des Opfers zu definieren. Es ist sein Verdienst, dass Warschau und der Rest Europas endlich wieder eine gemeinsame Sprache gefunden haben.

Zugetraut hatten ihm diese Leistung allerdings nicht allzu viele. Manches wurde damals im Wahlkampf über Donald Tusk erzählt - allerdings nur wenig Schmeichelhaftes. Ein netter Junge sei er, ein Weichei gar, der im Augenblick des entscheidenden Kampfes jämmerlich einknicke. Kurz gesagt: Der freundliche Herr Tusk sei für die ganz großen politischen Aufgaben der falsche Mann.

Zum Beweis wurde das Jahr 2005 angeführt. Damals ging Tusk als Favorit in die Wahl um das Amt des Staatspräsidenten und unterlag gegen Lech Kaczynski, dem vor einem Monat tödlich verunglückten Zwillingsbruder Jaroslaw Kaczynskis. Damals schien die politische Karriere des zweifachen Familienvaters beendet. Es war den Zwillingen kurz vor der Stichwahl gelungen, Tusk als unpatriotischen Gesellen zu diffamieren. Es reichte die Andeutung, dass dessen Großvater gegen Ende des Zweiten Weltkrieges für einige Wochen in der Wehrmacht dienen musste. Zu spät wurde bekannt, dass Tusks Großvater im KZ saß und zwangsrekrutiert wurde, als die Deutschen gegen Kriegsende ihr letztes Aufgebot zusammenstellten.

Doch der Mann, dem die Aura des Verlierers anhaftete, hatte aus seinen Fehlern gelernt und zeigte zwei Jahre danach im Wahlkampf um den Sessel des Regierungschefs eine wundersame Wandlung. Er präsentierte sich angriffslustig, willensstark, kompetent und witzig. Diesem „neuen” Donald Tusk hatte Amtsinhaber Jaroslaw Kaczynski nichts entgegenzusetzen. In jenen Tagen des politischen Nahkampfes war es kaum zu glauben, dass beide Politiker die gleichen Wurzeln teilen.

Tusk und Kaczynski entstammen der Solidarnosc. Im Kampf gegen das verhasste kommunistische Regime stand Tusk in seiner Geburtsstadt Danzig auf den Barrikaden und kämpfte als Geschichtsstudent in den Reihen der verbotenen polnischen Gewerkschaft. Damals gründete er das Studentische Komitee der Solidarnosc und machte sich schnell einen Namen als liberaler Denker.

Unzufrieden mit der Parteienlandschaft in Polen, gründete Tusk vor acht Jahren die liberal-konservative Partei Platforma Obywatelska (Bürgerplattform, PO) und wurde deren Vorsitzender. Davor gehörte er in den Jahren von 1997 bis 2001 dem polnischen Senat an und danach dem Parlament.

Donald Tusk stammt aus einem einfachen Elternhaus. Sein Vater war gelernter Tischler, seine Mutter arbeitete als Krankenschwester. Der Premier selbst bezeichnet sich als Kaschube; das ist ein kleiner Volksstamm in der Umgebung von Danzig. Diese Menschen sprechen ihre eigene Sprache, die neben vielen polnischen Elementen auch deutsche Wörter enthält. Seit jeher standen die Angehörigen dieses Völkchens deshalb im Verdacht, allzu große Sympathien für die Deutschen zu hegen und mussten ihre Herkunft oft verleugnen.

Tusk selbst entdeckte erst in den 80er Jahren seine Wurzeln. Danach engagierte er sich für die Bewahrung der kaschubischen Sprache und die Wiederbelebung ihrer Kultur. Seine Herkunft war prägend für Tusk. In einem Interview erklärte er einmal, dass erst die Geschichte seine Familie dazu gezwungen habe, sich zwischen Deutschland und Polen zu entscheiden. Nun arbeitet er als polnischer Premier daran, dass diese Geschichte sich nicht wiederholt.

Morgen erhält Tusk in Aachen den Internationalen Karlspreis „in Würdigung einer beeindruckenden Biografie im Dienste der Freiheit und der Demokratie und in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um die Verständigung und Zusammenarbeit der Republik Polen mit seinen europäischen Partnern”. Mit ihm ehrt das Karlspreisdirektorium „einen polnischen Patrioten und großen Europäer, (.....) einen herausragenden Streiter für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte”.

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