Aachen/Schleiden/Plombières - Schicksale der Vergangenheit: Schüler erleben Geschichte vor Ort

Schicksale der Vergangenheit: Schüler erleben Geschichte vor Ort

Von: Sonja Essers
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Ein Ort der Geschichte, der der Vergangenheit ein Gesicht geben soll: Im Rahmenprogramm zur Verleihung des Karlspreises besuchten nun 130 Schüler aus Monschau, Schleiden und Aachen den amerikanischen Soldatenfriedhof Henri-Chapelle im belgischen Plombières. Dort sind 8000 Soldaten begraben. Foto: Sonja Essers
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Vor 66 Jahren kämpfte Juan Mejia für die US-Army. Nun besuchte er den Soldatenfriedhof Henri-Chapelle in Plombières. Hier ist der 93-Jährige im Gespräch mit Maren Friedländer vom Amerika-Haus NRW.

Aachen/Schleiden/Plombières. 66 Jahre ist es nun her, dass Walter, Jürgen, Karl, Klaus, Hans, Albert und Sigi in den Krieg zogen. Gerade einmal 16 Jahre waren die Schüler alt und dennoch wollten sie ihr Land im Zweiten Weltkrieg verteidigen. Nur einen Tag nachdem sie einberufen worden waren, lieferten sie sich eine erbarmungslose Schlacht mit den amerikanischen Truppen, bei der lediglich Albert überlebte.

Eine wahre Geschichte, die jedoch so unbedeutend schien, dass sie in keinem Heeresbericht erwähnt wurde. Für 130 Schüler aus Aachen, Monschau und Schleiden gab das Ereignis, das 1959 von Regisseur Bernhard Wicki im Film „Die Brücke“ zusammengefasst wurde, der Vergangenheit jedoch ein Gesicht.

Geschichte erlebbar machen: Unter diesem Motto steht nun ein Pilotprojekt, das die Kulturbetriebe der Stadt Aachen gemeinsam mit dem Amerika-Haus NRW in Köln anbieten. Im Mittelpunkt des Ausfluges, der im Karlspreisprogramm stattfindet, steht die Beziehung zwischen Deutschland und Amerika. Schließlich erhielten in der Vergangenheit mit George C. Marshall (1959), Henry A. Kissinger (1987) und Bill Clinton (2000) gleich drei Amerikaner den Karlspreis.

Bedeutsame Schlacht

Die Verbindung der beiden Staaten reicht bis in den Zweiten Weltkrieg zurück und das wird auch während des Ausflugs aufgegriffen. Genauer gesagt geht es an diesem Tag um den Zweiten Weltkrieg. Während der Schlacht im Hürtgenwald lieferten sich die US Army und die Wehrmacht zahlreiche Kämpfe. Eine bedeutsame Schlacht, die nach der Einnahme von Aachen als erste größere Feldschlacht der Amerikaner auf deutschem Boden und als längste Schlacht der US-Army in die Geschichte einging.

Doch dieser Kampf forderte auch etliche Leben, und das auf beiden Seiten. 8000 amerikanische Soldaten – etwa 32 Prozent aller in Deutschland Gefallenen – haben ihre letzte Ruhe auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof Henri-Chapelle im belgischen Plombières gefunden, den die Schüler jetzt besuchen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ruhten dort rund 17.600 amerikanische Soldaten. 1947 wurden jedoch die meisten von ihnen auf Wunsch ihrer Familien in ihre Heimat zurückgebracht.

Momentan kümmern sich Bobby Bell und Lou Aske um den Friedhof, auf dem auch 37 Brüderpaare ihre letzte Ruhe gefunden haben. Ein friedlicher Ort, der bei den Schülern Spuren hinterlässt. „Hier wird einem erst bewusst, dass es im Krieg richtig schlimm gewesen ist“, wird später eine Schülerin sagen und eine weitere wird ergänzen: „Mein Opa war belgischer Soldat; alleine die Vorstellung, dass er auf einem solchen Friedhof hätte liegen können, ist für mich sehr schlimm.“

Reaktionen, die Olaf Müller (Leiter der Kulturbetriebe der Stadt Aachen) und Maren Friedländer (Vorstandsmitglied des Amerika- Hauses) erwartet haben. „Mit diesem Projekt wollen wir eine Verbindung schlagen. Wir wollen jungen Menschen an den historischen Orten aufzeigen, was es bedeutet hat, einen Krieg zu führen“, sagt Olaf Müller.

Besonders beeindruckt sind die Schüler von den Schicksalen einzelner Soldaten, die zwischen den Gräbern auf Tafeln nachzulesen sind. Unter den Ruhenden befinden sich auch die Brüder Robert, James und Glen Tester. Sie stammten aus einer elfköpfigen Familie, die in Tennessee lebte, und zogen gemeinsam mit zwei weiteren Brüdern in den Krieg. Robert Tester starb mit 33 Jahren in Nordafrika, sein Bruder James mit 24 Jahren an der deutsch-luxemburgischen Grenze und Glen mit 27 Jahren in den Vogesen.

Nicht jeder wird gefunden

Nicht weniger interessant ist die Geschichte von Michael D. Palaila. Zu Beginn der Ardennenschlacht ergaben sich 7000 amerikanische Soldaten und wurden in der Nähe von St. Vith in Belgien gefangen genommen. Michael D. Palaia war einer dieser Kriegsgefangenen und wurde kurze Zeit später nach Dresden geschickt, um Trümmer zu beseitigen. Dort ereilte ihn sein Schicksal. Er wurde erschossen, weil er ein Glas mit Marmelade in seiner Kleidung versteckt hielt. Vier seiner Mitgefangenen haben die Exekution bezeugt, sein Leichnam wurde jedoch nie gefunden. Auf dem Soldatenfriedhof Henri-Chapelle steht sein Name auf der sogenannten Wall of Missing – Wand der Vermissten. Dort sind auch 94 Gefallene beerdigt, die nicht identifiziert werden konnten.

Michael D. Palaila hätte auch ein Kamerad von Juan Meija sein können. Der 93-Jährige macht sich in dieser Woche auf eine lange Reise. Von Texas geht es für ihn zum Soldatenfriedhof Henri-Chapelle. Vor 66 Jahren hatte auch er in der Ardennenschlacht gekämpft, in der viele seiner Kameraden ihr Leben gelassen hatten. Nun sucht Mejia zum ersten Mal den Friedhof auf, um den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen. „Ich weiß nicht, was aus meinen Kameraden nach dem Krieg eigentlich noch geworden ist“, erklärt der 93-Jährige den Schülern.

Mit vielen verschiedenen Eindrücken im Gepäck macht sich der Tross wieder auf den Weg. Schließlich steht noch ein weiterer wichtiger Programmpunkt an: die Erkundung des Forums Vogelsang in Schleiden. Die Ordensburg an einem der westlichsten Zipfel der Bundesrepublik wurde zwischen 1934 und 1936 errichtet. Bei den Einwohnern des Ortes kam das Projekt damals gut an, wie Bildungsreferentin Sabine Weber berichtet.

Der Grund dafür: 1500 Männer fanden durch den Bau Arbeit, und das schlug sich auch bei den Wahlen nieder. Die NSDAP gewann an Zuspruch und das Zentrum, in dem junge „Führungsanwärter“ ausgebildet werden sollten, nahm mit und mit Gestalt an.

Bauherrin war damals die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) unter ihrem Leiter Robert Ley, der unter anderem in Vogelsang das geraubte Vermögen der 1933 enteigneten deutschen Gewerkschaften ausgab und dies propagandawirksam als Wirtschaftsförderung für die ländliche Eifelregion inszenieren ließ. Ley war jedoch nicht nur Bauleiter, sondern in Personalunion auch als Reichsorganisationsleiter der NSDAP für den Nachwuchs in der Partei zuständig.

Die Ordensburg Vogelsang war in Nazi-Deutschland als einjährige Station eines insgesamt dreieinhalb Jahre angelegten Schulungsverlaufs gedacht. Realität wurde das jedoch nie. Mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 wurde der Betrieb nämlich eingestellt, da die Auszubildenden zum Kriegseinsatz mussten.

Wie es dann weiterging? Zwischen 1939 und 1944 gab es verschiedene Zwischennutzungen. So wurde die Ordensburg unter anderem als Schulgebäude für Adolf-Hitler-Schulen, eine Art Partei-Gymnasien, genutzt. 1945 fiel Vogelsang dann in die Hände der vorrückenden Alliierten. Zu dieser Zeit standen die Gebäude bereits leer und wurden von der Bevölkerung aus der Umgebung geplündert. Die britische Besatzungsmacht schuf 1946 rund um das Gelände einen Truppenübungsplatz und richtete Kommandantur und Kaserne ein.

1950 übernahmen schließlich die belgischen Streitkräfte den Standort und gaben ihm den Namen „Camp Vogelsang“. Es entstanden zahlreiche neue Baukomplexe. Die ehemalige Ordensburg wurde Nato-Übungsgelände und wurde auch von einigen Einheiten der Bundeswehr genutzt.

Seit dem 1. Januar 2006 ist die Anlage für die Öffentlichkeit zugänglich. Derzeit wird das Gelände umgebaut. Ein neuer Eingangsbereich und eine Dauerausstellung sollen dort in Zukunft zu sehen sein. Im Jahr 2011 wurde bereits das belgische Truppenkino, das ursprünglich aus den 1950er Jahren stammt, saniert.

An Vergangenheit erinnern

Dieses spielt auch beim Ausflug der Schüler eine wichtige Rolle. Schließlich endet der Tag genau dort. Zum Abschluss schauen die Schüler den Film „Die Brücke“. Der kommt aber nicht bei allen Jugendlichen gut an, wie in der abschließenden Diskussion deutlich wird. Während einige sich mit den Figuren nicht identifizieren können, sind andere von der Wirkung des Films überwältigt.

Einig sind sich die Teilnehmer an diesem Tag jedoch dann darüber, wie es mit dem Pilotprojekt weitergehen soll: „Eigentlich vergessen wir viel zu schnell, deshalb ist es gut, dass es Projekte gibt, die uns helfen, dass wir uns an die Vergangenheit erinnern“, sagt eine Schülerin im belgischen Truppenkino.

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