Riccardis Traum: Eine Welt im Glauben und ohne Krieg

Von: Bettina Gabbe
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Ein Mann, der bewiesen hat, dass kleine Gemeinschaften Großes bewirken können: Andrea Riccardi, Karlspreisträger 2009. Foto: dpa

Rom. Am Mittwoch kommt er nach Aachen. Am Donnerstag wird er dort im Krönungssaal des Rathauses den Internationalen Karlspreis entgegennehmen. Andrea Riccardi, der Gründer der katholischen Laiengemeinschaft Sant´Egidio, wird ausgezeichnet.

Als „herausragendes Beispiel zivilgesellschaftlichen Engagements für ein menschliches und - innerhalb wie außerhalb seiner Grenzen - solidarisches Europa, für die Verständigung von Völkern, Kulturen und Religionen und für eine friedlichere und gerechtere Welt”.

Aachen ehrt mit Riccardi einen gläubigen und engagierten Christen, einen renommierten Historiker und „großen Europäer, der sich im besten Sinne der Nächstenliebe und Nächstenhilfe in den Dienst seiner Mitmenschen” stelle, wie es in der Begründung des Karlspreisdirektoriums für die Verleihung heißt.

In Rom stellte sich Riccardi den Fragen unserer Zeitung.

Wie entstand die Idee für die Laiengemeinschaft, die heute Sozialarbeit für Sinti und Roma leistet, aber auch als Friedensvermittler tätig ist und Aidskranke in Afrika pflegt?

Riccardi: Sant´Egidio ist aus der Begeisterung der 68er-Zeit entstanden, als man die Welt verändern wollte. Uns war klar, dass man die Welt nicht verändern kann, wenn man nicht zunächst sich selbst ändert. Das Evangelium verändert uns, indem es uns für Gott und die Liebe zu den anderen öffnet.

Sant´Egidio zählt rund 50000 Mitglieder in 70 Ländern weltweit. Warum liegt Ihr Hauptaugenmerk auf Afrika?

Riccardi: Weil Afrika wichtig ist, weil es nah an Europa liegt, weil der Kontinent leidet. Afrika ist der Kontinent der Kriege und der Aidskranken. Wir versorgen dort 70000 Aidskranke.

Womit begann die Arbeit von Sant´Egidio, bevor sie sich internationalisierte?

Riccardi: Wir haben mit den Kindern der römischen Peripherie angefangen. In den 60er und 70er Jahren war der römische Stadtrand ein bisschen Dritte Welt. Wir haben Schulunterricht organisiert. Später kamen die Roma hinzu, weil sie ein vom Balkan abgelehntes Volk sind. Die Roma sind die Ärmsten der Armen hier, deshalb haben wir eine besondere Beziehung zu ihnen.

In der Sant´Egidio-Suppenküche in Trastevere bekommen nicht nur Roma etwas zu essen, sondern alle, die in Not sind.

Riccardi: Mit der Wirtschaftskrise ist der Hunger gewachsen. Vom Fenster unserer Suppenküche aus sieht man, wie die Armut wächst und sich verändert. Früher waren es hauptsächlich Ausländer; heute kommen viele Europäer, viele Italiener. Das bedeutet, dass die Wirtschaftskrise sich hier akut auswirkt.

Haben der christliche Glauben und die Kirche heute noch eine Bedeutung für Europa?

Riccardi: Die Kirche hat uns Europäer gelehrt, dass wir Grenzen nicht akzeptieren können.Sie hat während der Kriege an der Idee des Friedens und einer größeren Einheit festgehalten. Sie führt den Dialog mit den orthodoxen und den evangelischen Kirchen und setzt so wichtige Zeichen. Das Christentum hat eine grundlegende Botschaft für die Europäer: Man kann nicht für sich allein leben, sondern man muss für die anderen leben. Aus Angst vor ihrer Vergangenheit - der totalitären Vergangenheit Deutschlands und der kolonialen Vergangenheit anderer Länder - sind die Europäer der Versuchung ausgesetzt, für sich allein zu leben. Heute begnügen sie sich mit einem reichen und von Geld getrösteten Niedergang. Dagegen müssen wir unsere europäische Mission wieder entdecken, den europäischen Humanismus, die europäische Kultur. Ich denke dabei an die Tradition europäischer Städte wie Aachen und Florenz als Orte der Begegnung - im Gegensatz zu Johannesburg oder Rio de Janeiro mit ihren eingezäunten bewachten Wohnsiedlungen.

Sant´Egidio ist seit vielen Jahren als Vermittler in Bürgerkriegen tätig. Im Fall Mosambik wurde 1992 am römischen Sitz der Gemeinschaft der Friedensvertrag unterzeichnet. Fühlen Sie sich als politischer „Global Player”?

Riccardi: Wir machen keine Politik, wir leisten Friedensarbeit. Das erfordert Realismus, der sich auf unterschiedliche Situationen einstellt. Wir dürfen nicht glauben, dass der Krieg Normalität ist. Der Kampf gegen Krieg als Instrument der Konfliktlösung darf sich nicht auf Demonstrationen beschränken. Wir haben uns viel zu sehr mit dem Krieg abgefunden. Wir müssen stattdessen Konfliktparteien miteinander ins Gespräch bringen und ihnen begreiflich machen, dass Krieg immer die schlechteste Lösung ist.



Was könnte die Europäische Union in diesem Zusammenhang von Sant´Egidio lernen?

Riccardi: Die Überzeugung abzulehnen, dass Krieg unvermeidlich und die Zukunft der Welt ist. Früher hieß es, dass Sklaverei unvermeidlich sei. Literatur, die beweist, dass die Wirtschaft ohne Sklaven zusammenbrechen würde, füllt ganze Bibliotheken. Trotzdem haben wir die Sklaverei abgeschafft. Vielleicht ist es ein Traum, den Krieg abzuschaffen. Aber wir dürfen auf diese Träume nicht verzichten.

Verändert die Globalisierung den Blick der Europäer auf den eigenen Kontinent?

Riccardi: Meine jüngsten Reisen in mehr als zwanzig afrikanische Länder und meine Kenntnis der asiatischen und lateinamerikanischen Welt stärkt das Bewusstsein, dass Europa klein ist. Wenn der Kontinent gespalten bleibt, wird er in zwei, spätestens drei Generationen irrelevant. Wenn wir von unserer Kultur, unserem Humanismus überzeugt sind, müssen wir uns stärker vereinen. Der große orthodoxe Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Athenagoras I., hat gesagt: „Vereint werden wir groß sein.” Dabei geht es nicht um europäischen Stolz, sondern darum, dass wir der Welt eine Botschaft vermitteln müssen.

Welchen Anteil hat die von Ihnen gegründete katholische Gemeinschaft an dieser Botschaft?

Riccardi: Sant´Egidio lebt einen Geist der Menschlichkeit, des christlichen Humanismus´, der Solidarität mit den Armen, des spirituellen Lebens. Wir bestehen aus kleinen Gemeinschaften von Schwestern und Brüdern, aus Laiengläubigen in Deutschland, Italien, in ganz Europa, Afrika, aber auch auf Kuba und in Indonesien. Für uns ist Christentum eine grundlegende Dimension, die uns zu Freunden der Armen und des Friedens macht.

In zahlreichen europäischen Ländern führt Nationalismus zu wachsenden Spannungen bis hin zu bewaffneten Konflikten. Bedroht er Europa?

Riccardi: Nationalismus stellt sogar eine große Gefahr dar, weil wir Europäer Angst vor der Globalisierung haben, vor einer Welt ohne Grenzen. Statt uns zu öffnen, grenzen wir uns lokal und national ab. Der Nationalismus sucht immer Feinde, die anders als wir sind - Ausländer, Sinti und Roma, aber auch Juden. In den europäischen Verfassungsvertrag hätten die christlichen Wurzeln ebenso hineingehört, wie die Shoah. Denn Europa ist in Auschwitz entstanden - als Nein zu Auschwitz.

Der Karlspreis 2009 würdigt Ihren Beitrag zum europäischen Einigungsprozess. Und Sie wollen den Preis nicht alleine, sondern mit vielen Ihrer Mitstreiter entgegennehmen. Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Sie?

Riccardi: Ich freue mich - auch für die Gemeinschaft von Sant´Egidio. Nach dem Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, Frère Roger Schutz, wird damit erneut christliches Engagement ausgezeichnet. Das beweist, dass christliche Bewegungen und Christen, die zu den Menschen gehen, Europäer sind und sich für Europa einsetzen. Sich für die anderen, für das Evangelium, für die Armen einzusetzen, bedeutet, für Europa zu arbeiten.

Welche Botschaft bringen Sie mit nach Aachen?

Riccardi: Das Evangelium hilft uns, für die anderen zu leben. Es hilft den Europäern, Europäer zu sein, auf die Welt zu schauen und vor allem nach Afrika zu schauen. Europa lebt nicht ohne Afrika.

Sie stehen Papst Benedikt XVI. sehr nahe. Ist für Ihre Arbeit und Ihr Engagement auch mit Nicht-Katholiken und einer häufig kirchenkritischen Öffentlichkeit manchmal ein gewisses Maß an Distanz zum Vatikan nötig?

Riccardi: Distanz gefällt mir nicht. Ich will zu niemandem Distanz, schon gar nicht zum Papst. Er ist mein Bischof, weil er Bischof von Rom ist. Überdies ist er ein großer Europäer.

Die Teilrehabilitierung der traditionalistischen Pius-Bruderschaft - darunter des Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson - hat weltweit für Proteste gesorgt. Wie gehen Sie mit Kritik am Papst um?

Riccardi: Ich habe den Holocaust studiert. Zeitungslektüre regt mich nicht mehr auf. Die Öffentlichkeit tendiert dazu, alles, was der Papst sagt, für falsch zu halten. Ich glaube dagegen, dass man ihm vertrauen und Sympathie entgegenbringen muss.
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