Aachen - Revolutionär gegen Trägheit und Feigheit Europas

Revolutionär gegen Trägheit und Feigheit Europas

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
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Rom, 24. März 2004: Papst Johannes Paul II. wird Karlspreisträger; links Bischof Heinrich Mussinghoff, rechts Jürgen Linden, damals Aachens Oberbürgermeister. Foto: Michael Jaspers
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Der zweite Papst, der Aachener Karlspreisträger wird: Franziskus. Foto: stock/xim.gs international

Aachen. Aachen hat sich für einen Revolutionär entschieden – gewiss einen sanften, keinen gewaltsamen, aber doch für einen, der den Umsturz veralteter Denkschablonen und Strukturen will: in seiner Kirche, in der Weltwirtschaft, in der Politik.

Jorge Mario Bergoglio legt sich mit mächtigen und machtbewussten Eliten an, die sich nicht gerne infrage stellen lassen. Er ist ein Revolutionär gegen althergebrachte Systeme – auch gegen das eigene, auch gegen das eigene Amt, an dessen Autorität er rüttelt, weil er überzeugt ist, dass das päpst- liche Lehramt nicht alle Fragen endgültig und vollständig beantworten kann und muss.

Ein Südamerikaner erhält Europas große politische Auszeichnung – in einer Zeit, in der die Europäische Union gefordert ist wie nie zuvor, aber sich in einem jämmerlichen Zustand befindet, in der sich ihre Mitgliedsstaaten gegenseitig blockieren und so genau das verhindern, was Papst Franziskus unermüdlich einfordert: Barmherzigkeit und Solidarität.

Der Besuch auf Lampedusa

Der Vorsitzende des Karlspreisdirektoriums, Jürgen Linden, hat gestern die Situation der Europäischen Union mit einer deprimierenden Aufzählung beschrieben: Massenflucht, islamistischer Terror, Krieg, Ukraine-Konflikt, Moskauer Unwägbarkeiten, Klimawandel, Schuldenkrise, neuer alter Nationalismus. Angesichts dessen setzen die Karlspreis-Verantwortlichen auf Franziskus und verbinden damit die Erwartung, dass er die Menschen auf dem Kontinent aufrüttelt, ihnen hilft, sich der eigenen Werte und Stärken bewusst zu werden.

Franziskus war noch nicht lange im Amt, als ihn sein erster offizieller Besuch außerhalb Roms auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa führte. „Wir haben uns an die Leiden anderer gewöhnt“, sagte er dort. „Es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an.“ Er forderte Europa zum Handeln auf. Das Echo war schwach. Europa erwies sich als träge und feige. Erst, seit die Flücht- linge in diesem Jahr in Massen kommen, erwachen die Staaten aus ihrer Verzagtheit und schaffen es trotzdem nicht, gemeinsam und menschlich zu handeln.

Das Aachener Karlspreisdirektorium hatte bei seiner einstimmigen Entscheidung nicht zuletzt diese aktuelle Herausforderung im Blick und erinnert in seiner Begründung an jene bemerkenswerte Rede, die Franziskus im November vorigen Jahres vor dem Europaparlament in Straßburg hielt: „Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird“, sagte er dort. Europa müsse „korrekte, mutige und konkrete politische Maßnahmen ergreifen“, die den Herkunftsländern der Migranten helfen. „Es ist notwendig, auf die Ursachen einzuwirken und nicht nur auf die Folgen.“ Der Papst mahnte die Europaabgeordneten: „Die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person.“

„Die Wohlstandskultur macht uns unempfindlich für die Schreie der anderen und führt zur Globalisierung der Gleichgültigkeit“, hatte Franziskus schon auf Lampedusa festgestellt. Wer es sich gut ausgestattet bequem macht, muss mit Kritik dieses Papstes rechnen. Das gilt für Europas Politiker ebenso wie für etliche Kuriale im Vatikan, denen es schon nicht gefällt, dass Franziskus seit seiner Wahl im März 2013 im eher schlichten Gästehaus Santa Marta wohnt und – zumindest privat – den päpstlichen Palast meidet.

So verstockt, wie große Teile der vatikanischen Kurie auf den Reformeifer des Papstes reagieren, zeigt sich auch die europäische Politik gegenüber den Maßgaben von Franziskus – und darüber hinaus wohl die Mehrheit in Europas Wirtschaft und Gesellschaft, die den Wert der Solidarität hochhält, aber nicht bereit ist, den eigenen Lebensstil zu ändern.

In dem Apostolischen Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ (2013) verbindet Franziskus seinen Aufruf zu Barmherzigkeit mit einer scharfen Philippika gegen die Auswüchse des hemmungslosen Kapitalismus, der nicht besiegt ist, sondern weiter ungeniert triumphiert. Das geschieht in einem Ton und einer Wortwahl, wie man sie hierzulande selbst von Sahra Wagenknecht nicht gewohnt ist. Der Papst prangert „die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation“ an, Ausbeutung, Wegwerfkultur und ein System, das Menschen ausschließt und als Müll behandelt.

Nicht weniger deutlich sind die Forderungen der Enzyklika „Laudato si“ (2015): Konsum einschränken, Lebensstil ändern, Rücksicht nehmen auf die Armen, die Verfolgten und die künftigen Generationen, die Umwelt (die Schöpfung) als Allgemeingut und nicht als einfach selbstverständliche Ressource zum persönlichen Wohlleben betrachten.

Öffentlicher und offener Widerspruch gegen die rasante franziskanische Agenda ist eher selten zu hören. Ab und zu ist Missmut zu vernehmen; er kommt zumeist aus katholisch-konservativen Kreisen. Da wird dem Papst dann naive Weltsicht unterstellt, Symbolpolitik, Verachtung der Theologie oder ein „Kult der Spontanität“. Es ficht ihn nicht an. Ernst zu nehmen sind allerdings manche Zweifel, ob er sein ambitioniertes innerkirchliches Reformprogramm gegen massiven Widerstand durchsetzen kann.

Widerstand in der Kurie

Der kommt in erster Linie aus seiner unmittelbaren Umgebung, der römischen Kurie und von Reformgegnern im Kardinalskollegium. Der Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, der progressiv gesinnte Oscar A. Rodriguez Maradiaga, leitet den achtköpfigen Kardinalsrat, der die Reform der römischen Kurie voran bringen soll. Er sagte im vorigen Jahr in einem Interview: „Es gibt Leute, die sagen: Dieser Mann macht eine Revolution. Und ich hörte welche sagen, wir beten darum, dass er möglichst bald stirbt. Das ist schlimm. Und solche Leute meinen, sie seien Christen. Aber es gab schon immer Menschen, die sich gegen Veränderungen wehren.“

Linden sprach gestern im Aachener Rathaus von einem „längeren Prozess der Entscheidungsfindung“ in dem Wahlgremium. Dass es keineswegs einfach ist, dem Oberhaupt der katholischen Kirche einen Preis anzutragen, diese Erfahrung hatte das Karlspreisdirektorium schon 2004 gemacht, als es an Johannes Paul II. herantrat. Denn normalerweise nimmt ein Papst keine politischen Auszeichnungen entgegen. Der damals schon schwer kranke Johannes Paul verband die Preisverleihung im März 2004 mit einer Art politischem Vermächtnis für Europa.

Franziskus nehme den Preis nun an als „Mahner für die Werte der Europäischen Union“, sagte Linden gestern und richtete ausdrücklich ein „großes Dankeschön“ an den emeritierten deutschen Kurienkardinal Walter Kasper, der sich in Rom nachdrücklich für das Aachener Anliegen eingesetzt habe. Aachens Dompropst Manfred von Holtum, Mitglied des Karlspreisdirektoriums, sagte: „Ich habe auf die Spontanität des Papstes gesetzt.“

Dass der Karlspreis 2016 in Rom verliehen wird, steht fest; das Datum und der genaue Ort des Festaktes sind aber noch offen. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp wünscht sich einen Ort, wo möglichst viele Interessierte teilnehmen können.

Das Karlspreisdirektorium setzt nach Lindens Worten auf einen Preisträger, „der Europa Hoffnung und Ermutigung gibt“. Seit seinem Amtsantritt stoßen die franziskanischen Maßgaben auch in der Stadt des Karlspreises auf große Resonanz; gleichwohl werden sie – wie überall – weitgehend missachtet. Wie diese Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überbrücken wäre, ist weniger eine Frage an den neuen Preisträger als vielmehr an diejenigen, die ihm zuhören. Da liegt nicht zuletzt vor den Karlspreis-Verantwortlichen eine anspruchsvolle Aufgabe.

Auf jeden Fall darf man in Aachen beziehungsweise Rom auf einen Preisträger hoffen, der Klartext spricht, und darauf, dass er Europa die Leviten liest und Vorgestrige, Bremser und Selbstzufriedene beim Namen nennt.

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