Mit der Amtskette durchs Schneegestöber

Von: Robert Esser
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Köhler
Bundespräsident Horst Köhler hat die Regierungen der EU-Staaten zu einer bürgernahen Europapolitik aufgerufen. Beim Festakt zum 60. Jahrestag der Karlspreis-Proklamation sagte Köhler am Sonntag im Krönungssaal des historischen Aachener Rathauses, die europäische Politik solle „aufwachen und sich auf Prioritäten besinnen”. Foto: Jaspers

Aachen. An der Theke vor dem Aachener Rathaus brodelte am Sonntag neben Glühwein die Gerüchteküche. Wirklich wahr? Der Bundespräsident hier auf dem Weihnachtsmarkt? Fast richtig. Horst Köhler ist Sonntagmorgen um genau 10.56 Uhr in der Holzbuden-Gasse zwischen Printen und Puttes aus seiner gepanzerten Staatslimousine geklettert.

Bei klirrender Kälte und schrecklichem Schneegestöber. Allerdings froren da mehr Polizisten, Spürhunde und Personenschützer als Weihnachtsmarkt-Besucher auf dem Markt. Und die Buden waren noch verrammelt.

Im Gegensatz zum Rathaus: Als drinnen 500 handverlesene Gäste im Krönungssaal auf den Beginn des Festaktes zum 60. Jahrestag der Karlspreis-Proklamation warten, geleiten Oberbürgermeister Marcel Philipp und seine Gattin Gabriele den höchsten Repräsentanten Deutschlands nebst Ehefrau Eva-Luise die verschneiten Treppen hinauf.

Zum ersten Mal muss Philipp als erster Bürger der Stadt solch ein protokollarisches Hochamt bewältigen. Erst zum zweiten Mal lastet die mehrere Kilogramm schwere Amtskette auf seinen Schultern. Und der 38-Jährige meistert beides mit Bravour.

Sympathisch, wie er dem Bundespräsidenten aus dem Mantel hilft. Und wie unaufgeregt er neben Köhler zum offiziellen Fototermin in ein gutes Dutzend Kameraobjektive lächelt und sich souverän vor den Linsen der TV-Teams bewegt. Mit fester Stimme absolviert er am Mikrofon den Begrüßungsmarathon, würdigt in wohl gewählten Worten das Vermächtnis von Dr. Kurt Pfeiffer und einigen gleichgesinnten Kaufleuten, die den Aachener Karlspreis am 19. Dezember 1949 ersonnen hatten. „Denn den Karlspreis verleihen weder die Politiker, noch die Verwaltung unserer Stadt. Ihn verleihen seit 60 Jahren und bis heute Bürgerinnen und Bürger Aachens”, betont Philipp.

Die Atmosphäre im Krönungssaal gefällt. Wohl auch, weil das Publikum ausnahmsweise nicht unter zig schweißtreibenden Fernsehscheinwerfern des WDR leidet. TV-Teams von ARD, ZDF und RTL drehen zwar mit, senden aber nicht live. Zweiter angenehmer Nebeneffekt des im Vergleich zu den Karlspreisverleihungen an Christi Himmelfahrt deutlich entspannteren Prozedere: Der Blick auf die grandiosen Ringleuchter an der Saaldecke bleibt unverbaut. Unverblümt steigt indes Bundespräsident Köhler mit einem Reim aus seiner Schulzeit in die Festrede ein: „Acht-Null-Null: Karl kommt auf den Stuhl.” Da schmunzelt die Festgesellschaft, bevor der Staatsmann Europas Politiker kritisch zur Räson ruft.

Gastronomie-Chef Hans Holland ruft derweil sein Team zusammen: Nach dem Festakt, bei dem der zum Jahreswechsel scheidende Sprecher des Karlspreisdirektoriums, Professor Walter Eversheim, dem Bundespräsidenten noch ein in Plexiglas gelasertes Hologramm des Rathauses überreicht, beginnt der erlesene Empfang im Weißen Saal. Das Küchenpersonal weiß: Köhler mag weder rohes Fleisch - wie Tartar und Roastbeef - noch Innereien, Muscheln oder Sellerie. Auch Koriander im Printenmousse ist tabu. Stattdessen serviert man norwegischen Räucherlachs, Aachener Weihnachtsleberwurst auf Vollkorntalern und Ente à l´Orange. Köhler nippt gutgelaunt an seinem bevorzugten Rotwein: ein trockener „Randersacker” namens „Ewig Leben”. Natürlich fränkisch. Das passt zum Karlspreis.

„Mein Vater hätte sich sicher sehr gefreut. Dafür bedanke ich mich”, sagt Dr. Jost Pfeiffer nach dem Festakt. Und Altbundespräsident Walter Scheel, der am frühen Morgen noch vor der Ankunft seines Nachfolgers von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mit dem Landesverdienstorden NRW ausgezeichnet worden war, lobt Aachens OB: „Meine Frau und ich haben gerade darüber gesprochen: Wir finden ihn hervorragend und freuen uns auf ein Wiedersehen.”

CDU-Fraktionschef Harald Baal resümiert: „Marcel Philipp ist in seinem Amt angekommen. Das war schön und würdig - prima gemacht.” Indes bleibt der Vater des OB, Dieter Philipp, ausdrücklich im Hintergrund: „Für uns ist es natürlich eine besondere Freue, dass unser Sohn dazu beiträgt, dass der besondere Geist des Karlspreises als Auszeichnung, die aus der Bürgerschaft erwachsen ist, gepflegt werden kann”, sagt er.

Ebenso angenehm zurückhaltend zeigt sich Marcel Philipps Vorgänger Dr. Jürgen Linden im Rathaus - obwohl er den Karlspreis in seiner 20-jähriger Amtszeit als Oberbürgermeister immerhin über ein Drittel des 60-jährigen Bestehens in vorderster Front mitprägte. Als künftiger Sprecher des Karlspreisdirektoriums hat Linden am Sonntag genau hingehört, was der Bundespräsident dem Karlspreis ins Stammbuch geschrieben hat: „Es wird nicht leichter, die richtigen Persönlichkeiten gemäß der Erfordernisse und Errungenschaften Europas zu benennen.” Mitte Januar soll der Preisträger für das Jahr 2010 feststehen

Sonntagmittag, Punkt 13 Uhr, verabschiedet sich der Bundespräsident von OB Philipp. Köhlers Heimweg nach Berlin führt aus dem Hinterausgang des Rathauses durch die Bürogänge der Verwaltung am Katschhof zur Wagenkolonne, die an der Domsingschule wartet. Dann rauscht die Staatskarosse durchs Schneegestöber Richtung Flughafen Köln/Bonn davon. „War das da nicht der Köhler?”, fragt ein Weihnachtsmarktbesucher am Rande der Ritter-Chorus-Straße. War er.
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