Karlspreis: Garton Ash mit der Stimme der Vernunft

Von: Marco Rose
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Überzeugter Europäer: Prof. Timothy Garton Ash warb auf der Insel stets für die EU. Foto: imago/Hoffmann

Aachen. Bis zuletzt hat er gegen den Brexit geschrieben, argumentiert, geredet, gekämpft: Timothy Garton Ash (61) ist eine Ausnahmeerscheinung auf der Insel. Er verkörperte die Stimme der Vernunft in einer Debatte, die am Ende maßgeblich von Populisten und Europafeinden dominiert wurde.

In seinen Beiträgen für renommierte Zeitungen und Magazine betonte und betont er immer wieder die historische Bedeutung und Notwendigkeit Europas – auch für Großbritannien. Kein Wunder, das er den Brexit als größte und schlimmste Niederlage seines politischen Lebens bezeichnet.

Garton Ash biete den „Populisten und Vereinfachern unserer Zeit die Stirn“, schreibt das Karlspreisdirektorium in seiner Begründung für die Auszeichnung des streitbaren Briten. Für die politische Mitte, für das Maßhalten, kämpft der Historiker auch in Deutschland, dessen Rolle als Stabilitätsanker Europas er immer wieder unterstreicht: „Deutschland ist geografische, wirtschaftliche, politische und sogar soziale Mitte, und die Mitte dieser Mitte ist Angela Merkel“, schreibt Garton Ash nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt Ende Dezember.

Seine Hoffnung für das Jahr 2017: „Dass durch einen aus der Mitte geführten Wahlkampf die CDU-Politikerin wieder das Kanzleramt übernimmt, vielleicht in einer neuen Koalition mit den Grünen und den Freien Demokraten.“ Warum er sich so offen positioniert, ließ der Brite zuletzt in einem Interview mit der „Welt“ durchblicken: Weil die deutsche Kanzlerin wie nur wenige an einer Vision von Europa festhalte – „an einem Europa, das im Prinzip offen ist und im Prinzip solidarisch.“ Weil sie in ihrer „harmonisierenden und kompromissbereiten Rhetorik das verkörpert, was viele von uns an Europa schätzen“.

Wird die Mitte in Deutschland und Europa halten? In einer Phase, wo sie in den Vereinigten Staaten von Amerika nahezu weggebrochen ist? Wichtig für Garton Ash ist vor diesem Hintergrund vor allem, was die 20-Jährigen von Europa denken: „Die jungen Menschen sind selbstverständliche Europäer, aber nicht unbedingt überzeugte Europäer“, sagt er.

Doch wie kommuniziert man mit der „Generation Smartphone“, wie transportiert man diese Botschaften in einem Medium, das wie kein zweites anfällig ist für Meinungsmache und Manipulation – Stichwort „Fake News“? Wie kann man den einfachen Parolen der Populisten etwas entgegensetzen? Garton Ash hat in seinem Buch „Redefreiheit“ nach Antworten auf diese Fragen gesucht. Im Zentrum steht die liberale Grundüberzeugung: „Eine Demokratie kann ohne freie Presse nicht lange überleben und eine Diktatur nicht ohne Zensur.“

So wird aus dem Historiker am Ende ein Zukunftsforscher. Ja, Europa könne scheitern, sagt er. „Wir könnten aber auch 2025 hier sitzen und sagen: Das war eine riesengroße Krise, aber wir haben sie überwunden.“

Vielfach ausgezeichneter Geschichtswissenschaftler und Autor

Timothy Garton Ash studierte Geschichtswissenschaft an der britischen Universität Oxford. Für seine Doktorarbeit recherchierte er 1978 in West und Ost-Berlin und geriet ins Visier der Stasi. In der „Akte Romeo“ beschreibt Ash die Suche nach seinen Stasi-Akten und die nachträgliche Auseinandersetzung mit den auf ihn angesetzten Stasi-Spitzeln.

Der gebürtige Londoner wurde später Professor und Direktor des European Studies Centre am St. Antony’s College der University of Oxford, außerdem lehrt er an der Universität Stanford. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit schreibt er regelmäßig Beiträge für verschiedene international renommierte Zeitungen, unter anderem für den „Guardian“. Garton Ash ist auch Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Seine in Deutschland bekanntesten Werke sind: „Ein Jahrhundert wird abgewählt“ und „Im Namen Europas“. Sein Buch „Freie Welt: Europa, Amerika und die Chance der Krise“ befasst sich mit den Rahmenbedingungen der neoliberalen Globalisierungsagenda. Im vergangenen Jahr formulierte er in „Redefreiheit“ die Grundprinzipien von Kommunikation in einer vernetzten Welt – als wissenschaftliche Antwort auf „Fake News“.

Bereits 1995 wurde Garton Ash mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 2013 erhielt er in Aachen bereits die Karlsmedaille für europäische Medien, 2016 den Brückepreis der Europastadt Görlitz-Zgorzelec.

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