Karate-Lady und Frau der klaren Worte

Von: Stefan Herrmann
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Dalia Grybauskaite
Nahm als EU-Kommissarin kein Blatt vor den Mund: Dalia Grybauskaite. Foto: dpa

Aachen. Es gibt Momente, da wundern sich selbst langjährige Begleiter über Dalia Grybauskaite. Der 17. April 2013 war so ein Tag. In London fand das Begräbnis der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher statt. Grybauskaite und Thatcher verbindet nicht nur der Spitzname „Eiserne Lady“.

Für die litauische Staatspräsidentin ist Thatcher stets so etwas wie ein politisches Vorbild gewesen: zäh und unerbittlich in Verhandlungen, mit einem klaren Ziel vor Augen. Zur Trauerfeier zu reisen, war für Grybauskaite eine Selbstverständlichkeit. Doch stieg sie dafür nicht in eine Regierungsmaschine, ebenso wenig entschied sie sich für einen komfortablen Linienflug. Grybauskaite wählte einen Billigflieger, um vom litauischen Vilnius nach London zu jetten.

Der unbedingte Wille zum Sparen steckt der 57-jährigen Grybauskaite im Blut. Als EU-Haushaltskommissarin schrieb sie über Jahre den Finanzministern der Euro-Staaten Blaue Briefe, wenn diese unverantwortlich mit den Staatsausgaben umgingen.

Am Donnerstag wird Grybauskaite in Aachen für ihre Verdienste um die Integration der Europäischen Union und die Bewältigung der Krise ausgezeichnet. Die litauische Präsidentin habe gezeigt, wie man mit eisernem Sparkurs, strukturellen Reformen und Opferbereitschaft einen Staat wieder auf Kurs bringen könne.

Als die parteilose Politikerin 2009 mit überwältigender Mehrheit zur litauischen Staatspräsidentin gewählt wurde, beschnitt sie als eine ihrer ersten Amtshandlungen ihr eigenes Gehalt um die Hälfte. Das litauische Volk dankt ihr eine solch geradlinige, mitunter unkonventionelle Art mit hohen Popularitätswerten. „Grybauskaite gewinnt Stärke durch zerstrittene Politiker und Parteien in ihrer Heimat“, sagt Robert von Lucius. Der FAZ-Korrespondent berichtete jahrelang aus dem baltischen Raum.

In Aachen entwarf er das Bild einer Frau, die beinahe alles der Arbeit unterordnet. „Sie ist aus Überzeugung Technokratin, die Zahlen schätzt“, beschreibt Journalist Lucius die Ökonomin, die sowohl in der Heimat als auch in Brüssel den Ruf einer stets bis ins kleinste Detail bestens vorbereiteten Politikerin genießt - besser als die meisten anderen.

Grybauskaite weiß das und ist stets bereits, ihren Wissensvorteil auszuspielen: „Ich bluffe nie und investiere sehr viel in die Vorbereitung meiner Sitzungen. Meistens bin ich besser vorbereitet als mein Gegenüber“, sagte sie einmal während ihrer Zeit als EU-Kommissarin. „Das irritiert mich manchmal. Und wenn der andere seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, dann sage ich das auch.“

Über die frühen Jahre Grybauskaites ist wenig bekannt. Fragen zu ihrem Werdegang in der kommunistischen Sowjetunion, zu ihrer Studienzeit in Leningrad - dem heutigen St. Petersburg - lässt sie meist ins Leere laufen. „Vergangenheit ist Vergangenheit“, sei eine Standardantwort von ihr, berichtet von Lucius. Grybauskaite schottet ihr Privatleben konsequent ab: Die Tochter eines Elektrikers und einer Verkäuferin ist ledig und kinderlos. Mehr Einblicke gewinnt die Öffentlichkeit nicht.

In der Phase der litauischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die sowjetische Besatzung stand Grybauskaite nicht in der ersten Reihe der Widerstandskämpfer. Nach der Gründung der demokratischen Republik Litauen stieg sie aber schnell auf: von der Abteilungsleiterin im litauischen Außenhandelsministerium zum Außenministerium, sie wurde Chef-Unterhändlerin für das Freihandelsabkommen mit der EU, dann litauische Botschafterin in den USA und Finanzministerin ihres Landes. 2004 wurde sie in Brüssel schließlich zur EU-Kommissarin für Finanzen und Haushalt ernannt.

Dass die Trägerin des schwarzen Gürtels in Karate zuweilen aneckt mit ihrer direkten bis schroffen Art, gehört zu ihrem Kalkül. So lehnte sie als litauische Staatspräsidentin eine Einladung Moskaus ab, an den jährlichen Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Sieg über Nazi-Deutschland teilzunehmen. Das werde sie nur tun, verkündete Grybauskaite, wenn russische Vertreter zum Jahrestag der Unabhängigkeit Litauens kommen würden. Damit war das Thema durch.

Kritiker werfen ihr vor, undiplomatisch zu sein. So meinte sie zu David Camerons europaskeptischer Rede, sie habe nichts anderes vom britischen Premier erwartet. Als EU-Kommissarin nahm sie kein Blatt vor den Mund, prangerte offen die Schwachstellen der Brüsseler Bürokratie an. „Wir haben hier die besten Leute aus ganz Europa. Aber das System erstickt die Initiativen, weil die Beamten zu viele soziale Privilegien haben. Sie genießen ihr Leben, das hohe Gehalt - und das ist alles. Diese Institution hat ein hohes Potenzial, aber es wird nicht gut genutzt.“

Auf dem politischen Parkett, das normalerweise nur fein geschliffene Phrasen kennt, sind solch offenen Worte eine kleine Sensation. Den kleinen Bürger und die Medien freut die klare Sprache, einige Partner, Mitarbeiter oder auch Staatschef reagieren mitunter verdutzt oder sogar verärgert. Eine gute Beziehung pflegt die überzeugte Europäerin dagegen zu Kanzlerin Angela Merkel, deren Politik in Zeiten der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise sie immer wieder lobt.

„Der Karlspreis ist wie der Oscar der Politik“, schrieb die im lettischen Riga erscheinende Wirtschaftszeitung „Baltic Times“ vor einigen Tagen. Grybauskaite wird diesen Vergleich womöglich insgeheim mit einem Lächeln hingenommen haben - mehr jedoch nicht. Das große politische Schauspiel gehört nicht zu den Vorlieben von Litauens „Eiserner Lady“.

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