„Jede Generation hat einen politischen Traum“

Von: Christopher Gerards
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Klaus Hänsch hatte noch nicht viele Sätze gesprochen, da wurde er gleich etwas lauter. Der Sozialdemokrat hob seine Stimme, gestikulierte, fast schimpfte er. Es ging um eine Diskussion, Monate her, als ein Mann das Europäische Parlament abgetan habe als Institution, die nichts zu sagen habe, sprachlich bedenklich obendrein.

Hänsch also, 30 Jahre Mitglied im EP und dessen Präsident von 1994 bis 1997, setzte an: Was hätte sein Vater, was hätten seine Vorfahren dafür getan, „wenn es zu ihrer Zeit ein Europäisches Parlament gegeben hätte?“ Jahrhundertelang seien die Menschen in Europa „übereinander hergefallen“. Jetzt aber seien sie vereinigt – in eben diesem Parlament.

Montagabend, Aachen-Fenster, im Karlspreisrahmenprogramm ging es zwei Stunden lang um die Frage: „Generation Europa – Wer braucht heute noch Europa?“ Moderator Joachim Zinsen, Politikredakteur unserer Zeitung, hatte es gesagt: „Jede Generation hat einen politischen Traum.“ War dies nach dem Krieg der Traum eines friedlichen und geeinten Europas, scheine dieser Traum heute erfüllt, etwas Selbstverständliches zu sein.

Es braucht neue Visionen

Alles gut also? Nein. Angesichts von Wirtschafts- und Finanz-, angesichts der Euro-Krise, Jugendarbeitslosigkeit und nationaler Ressentiments brauche es neue Visionen für das „europäische Haus“, sagte Zinsen.

Neben Hänsch, 74, („Ich vermute mal, ich bin der Älteste hier“) sprachen auf der Bühne zwei 26-Jährige über ihr Engagement für, über ihre Träume von Europa: Valda Pikauskaite, die als Comenius-Assistenzlehrerin aus Litauen an einer Schule in Herzogenrath unterrichtet, und Cherian Grundmann, ein Physik-Student an der RWTH, der die Internet-Plattform „OneEurope“ ins Leben gerufen hat. Während Hänsch vor allem politisch und ökonomisch argumentierte, sprachen Pikauskaite und Grundmann besonders über soziale, kulturelle Themen.

Valda Pikauskaite, Landsfrau der künftigen Karlspreisträgerin Dalia Grybauskaite, ist ja auch ein gutes Beispiel. Sie sagte: „Europa hat mir sehr viel gegeben.“ Erasmus-Studentin, ein Stipendium, der Unterricht in Herzogenrath. Sie verstehe nicht so viel von politischen und ökonomischen Themen, aber sie wünsche sich, dass mehr auf die Menschen geschaut wird, dass sie stärker in Kontakt miteinander kommen: „Mehr Comenius-Projekte.“ Das erste Mal an diesem Abend kam spontaner Beifall auf.

Seit 2011 diskutieren auf Grundmanns Internet-Plattform 20 Autoren aus verschiedenen Ländern Europas. „Am Anfang der Krise“, habe es zu den gleichen Themen „nur nationale Debatten gegeben, in einem isolierten Sprachraum“. Er wünsche sich daher eine europäische Öffentlichkeit, in der länderübergreifend diskutiert werde – mit aktueller Technik, die Potenzial habe zur Integration. Zwar diskutieren die Menschen auf seiner Plattform auf Englisch; die Technik, etwa Übersetzungsmaschinen, könnte künftig aber Hürden senken.

Er selbst repräsentiere ja die Vergangenheit, sagte Hänsch ganz zum Schluss. Er deutete auf Pikauskaite und Grundmann: „Sie sind die Zukunft.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert