Europa „löst keine spontanen Glücksgefühle“ mehr aus

Von: Rolf Hohl
Letzte Aktualisierung:
12046661.jpg
Entschieden für Europa: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) betont in Aachen den Wert der Integration. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Papst Franziskus, der diesjährige Karlspreisträger, hat in den offenen Wunden vieler Europäer gebohrt. Er sagte kürzlich angesichts der andauernden Krisensituationen, dass „die Werte Europas ihre Anziehungskraft verloren zu haben scheinen“.

Eine gute Zeit also, um über diese Werte zu diskutieren. Bei der ersten Veranstaltung des Karlspreis-Rahmenprogramms im Gebäude der Handwerkskammer Aachen machten Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und sein luxemburgisches Pendant Mars Di Bar­tolomeo den Anfang.

„Wir können heute nicht mehr damit rechnen, dass der Begriff Europa spontane Glücksgefühle auslöst“, so Lammert. Vielleicht nehme inzwischen sogar eine Mehrheit der Bürger die EU nur noch durch ihre Krisen wahr. Tatsächlich ist es schwierig geworden, in der heutigen Situation die Europäische Integration als Erfolgsgeschichte zu verkaufen. Zu Unrecht, wie Lammert findet.

Denn auch wenn der Verweis auf den seit über einem halben Jahrhundert anhaltenden Frieden für die Generationen nach den beiden Weltkriegen an Strahlkraft verloren habe, so halte er die EU für die intelligenteste Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung.

Globalisierung bedeutet auch Machtkampf, und dieser wird mitunter mit Waffen ausgetragen. „Die Neigung, staatliche Interessen auch mit militärischen Mitteln zu verfolgen, ist auch nach den über 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs noch nicht verschwunden“, warnte Lammert. Es habe zwar auch während der Entstehung der EU noch Krieg auf dem Kontinent gegeben – nur eben nie zwischen den Staaten der Union. So gesehen sei der Integrationsprozess die Antwort auf das gemeinsame Scheitern in der Vergangenheit.

Integration heißt nach der Lesart vieler nationaler Regierungen vor allem Souveränitätsverlust, den es möglichst zu vermeiden gilt. Doch daran müssten sich letztlich alle Staaten dieser Welt gewöhnen, denn, so Lammert, „es gibt keine staatliche Souveränität mehr“. Um jene Ziele zu erreichen, die einzelne Staaten nicht erreichen können, brauche es die Bereitschaft, staatlich zu teilen. Selbst die 193 Länder der Vereinten Nationen würden sich hauptsächlich darin unterscheiden, dass die einen dies begriffen hätten, und die anderen nicht.

Der luxemburgischen Parlamentspräsident Di Bartolomeo plädierte indes dafür, sich der bereits erreichten Fortschritte besser bewusst zu werden. Dafür brauche man schließlich bloß einen Blick in die Europäischen Verträge zu werfen. „Wir haben unsere Überzeugungen mit einer erstaunlicher Kontinuität und Konsequenz in Institutionen umgesetzt“, wie Lammert es formulierte. Diese gelte es in jedem Fall zu verteidigen, so Di Bartolomeo, der Europa als eine Festung sehen möchte. „Aber ich wünsche mir Europa als eine Festung der Grundrechte, und nicht der Abschottung.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert