Aachen - Eine Wahl zwischen Signal und Hilferuf

Eine Wahl zwischen Signal und Hilferuf

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
Jean-Claude Trichet
Der Präsident der Europäischen Zentralbank: Jean-Claude Trichet. Foto: dpa

Aachen. Mit dem Euro wurde den ganzen Tag schon gerechnet, als das Karlspreis-Direktorium den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) als neuen Preisträger vorstellte - draußen auf dem Weihnachtsmarkt.

Während im Rathaus der Einsatz Jean-Claude Trichets für eine stabile europäische Währung gelobt wurde, gingen draußen die Vorteile bei jedem Kauf für die Budentheken. Kein lästiges Umrechnen, kein Durcheinander mit niederländischen Gulden oder belgischen und französischen Francs. Ja, die gab es mal.

Irgendwie logisch

Mit der Entscheidung für den EZB-Präsidenten soll dieser Euro mit all seinen praktischen Vorteilen gestärkt werden. Das sagen die Direktoriumssprecher OB Marcel Philipp und Dr. Jürgen Linden mehrfach. Das hat sich der Aachener Politikwissenschaftler Professor Emanuel Richter direkt gedacht, als er von der Wahl erfuhr. „Ich finde die Wahl heikel, es klingt wie ein Hilferuf”, sagt der Experte für Politische Systeme der RWTH Aachen. Dennoch oder gerade deswegen sei die Wahl für ihn irgendwie logisch. „Das Direktorium ruft damit: Lasst uns Europa zusammenhalten.”

Überrascht habe ihn die Wahl nicht, auch wenn er Jean-Claude Trichet nicht für einen großen Europäer halte, wie es Jürgen Linden formulierte. „Er ist in Frankreich nicht unumstritten, keiner nach dem Muster Jacques Delors. Er hat einen heiklen Job, den er sehr gut macht. Und das, obwohl Sarkozy immer über Europa schimpft. Das macht ihn herzhaft unfranzösisch. Aber, er ist kein Verteidiger einer großen Europaidee”, kommentiert Richter. Nein, große Europäer seien andere.

Ein großer Banker ist Trichet aber allemal. Das sagt einer, der seine Arbeit einzuordnen weiß. Und der nicht mit ihm tauschen möchte. Aachener-Bank-Vorstand Franz Wilhelm Hilgers spricht von der großen Verantwortung, die Trichet für Europa trage. „Die Wahl ist gut”, sagt er. „Trichet steht für eine konsequente Linie, die er auch gegen Widerstände durchsetzt. Wer heute mehr noch wie jeder Politiker in Europa Verantwortung trägt, das ist Trichet.”

Doch Hilgers kennt - die guten Geschäfte auf dem Weihnachtsmarkt spielen da keine Rolle -Êdie Probleme der gemeinsamen europäischen Währung, die Sorgen um Griechenland, die Hilfe für Irland. Und so fügt er hinzu: „Wie lange Trichet seine Linie durchhält, bleibt abzuwarten.”

Darauf ist auch Politologe Richter gespannt. „Es ist nicht abzusehen, wie sich die Situation entwickelt. Es ist möglich, dass der Euro weiter fällt, Länder aus der gemeinsamen Währung austreten müssen, nur ein paar Kernländer wie Deutschland oder Frankreich übrig bleiben. Das kann alles passieren und wenn wir den Euro verlieren, dann kann die Karlspreis-Verleihung peinlich werden”, sagt er.

Abwarten. Sabine Verheyen glaubt nicht, dass der Euro derart wankt. Und sie glaubt auch, dass Trichet die Kraft habe, ihn weiter zu stabilisieren. Mehr Macht würde ihm freilich helfen. „Der EZB muss bei der Kontrolle der europäischen Finanzen eine stärkere Rolle zukommen”, sagt Aachens einzige Europaabgeordnete.

Die Christdemokratin hält Trichet für „eine sehr gute Wahl”, er habe in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise „eine starke Figur abgegeben”. Trichet sei ein „Hüter der Stabilität”, seine Wahl verdeutliche auch, dass Europa nicht nur Politiker und Regierungen, sondern auch eine starke Verwaltung brauche. „Es freut mich, dass ein Vertreter einer Institution auserkoren wurde”, sagt Verheyen.

Gleichwohl betont sie, Europa dürfe auch in diesen schwierigen Zeiten nicht auf seine wirtschaftliche und finanzielle Zusammenarbeit reduziert werden. „Europa ist mehr als eine Wirtschaftsvereinigung”, erklärt sie. Und das gelebte Europa ist weiterhin dort zu sehen, wo der Euro ausgegeben wird - vor dem Rathaus auf dem Weihnachtsmarkt.
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