Ash: „In Zeiten von Riesen sollte Europa kein Zwerg sein“

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„Feiern ist immer gut“: Timothy Garton Ash am Donnerstag bei der Verleihung der Karlsmedaille für europäische Medien im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Links Frauke Gerlach, die Vorsitzende des Kuratoriums des Vereins „Médaille Charlemagne“, rechts Aachens Bürgermeisterin Hilde Scheidt. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Im Prinzip liegt die Schuld bei Thomas Mann. Das Werk des deutschen Schriftstellers war der Grund dafür, dass Timothy Garton Ash sein Interesse für Deutschland entdeckte. Heute gilt der britische Historiker und Publizist, der übrigens perfekt Deutsch spricht, als einer der besten Kenner der deutschen und europäischen Gegenwartsgeschichte.

Seine Lehre aus der Historie: Wir müssen uns leidenschaftlich für ein vereintes Europa einsetzen. Für dieses Engagement erhielt der 57-Jährige am Donnerstag in Aachen die Karlsmedaille für europäische Medien. Am Morgen vor der Verleihung sprach er mit unseren Redakteuren Hermann-Josef Delonge und Amien Idries.

Sie erhalten die Karlsmedaille für Ihre Verdienste um die europäische Integration, kommen aber aus einem Land, das nicht gerade durch eine europafreundliche Haltung auffällt. Blicken Sie mit Bangen auf das britische EU-Referendum?

Garton Ash: Es ist eine schlechte Sitte und ein Rückfall in nationales Denken, dass wir zuerst nach der Nationalität fragen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass unser Europäersein und unsere Ansichten ethnisch bestimmt sind. So werden wir nie Europäer. Meine europäische Identität ist genauso sehr von den deutschen, den osteuropäischen oder den spanischen Erfahrung bestimmt wie von der britischen Geschichte.

Wie ist also als Europäer Ihr Blick auf die Volksbefragung?

Garton Ash: Ich halte die Briten für zu vernünftig, als dass sie für einen EU-Austritt stimmen würden. Besonders unter einem Premierminister David Cameron wäre das Risiko gering. Sollte zum anvisierten Termin 2017 die Labour-Partei an der Macht sein, könnte es allerdings passieren, dass die Konservativen auf Anti-Regierungs-Kurs gehen. Sie würden zwar nicht für einen Austritt plädieren, aber doch für Neuverhandlungen mit der EU.

Ist es nicht ein grundsätzliches Problem, dass die Zukunft Europas davon abhängt, ob gerade Wahlkampf in einem Mitgliedsstaat ist?

Garton Ash: Selbstverständlich. Die Wirtschaft und die Institutionen sind weitgehend europäisch, während die Politik eher national agiert. Ein Umstand, an dem die gewählte Volksvertretung auf europäischer Ebene, also das Europäische Parlament, wenig geändert hat. Die entscheidenden Wahlen sind nicht die Europawahlen 2014, sondern die Bundestagswahlen am 22. September 2013.

Wie könnte man darauf reagieren?

Garton Ash: Viele bemängeln ein demokratisches Defizit in Europa. Wer das sagt, übersieht, dass wir ein direkt gewähltes Europäisches Parlament haben, das übrigens seit dem Lissabonner Vertrag deutlich mehr Macht hat. Es wird aber von den Europäern nicht als ihre Vertretung anerkannt. Das muss man so nüchtern sehen. Deshalb müssen wir auf nationaler Ebene mehr für Europa werben.

Passiert das zu wenig?

Garton Ash: Natürlich. Jeder Regierungschef kommt von den europäischen Gipfeln und erzählt den Heimatmedien, welch großen Sieg er für seine Nation errungen hat. Es gibt im Prinzip nicht einen europäischen Gipfel, sondern 28. Die jeweiligen nationalen Interpretationen der 27 Mitgliedsstaaten und die schöngeredete Version der europäischen Institutionen.

Mangelt es nicht auch an einer großen europäischen Erzählung? Das Friedenspathos von Kohl und Mitterrand scheint die jungen Menschen nicht mehr zu erreichen.

Garton Ash: Bis in die 80er Jahre gab es in jedem europäischen Land ein ähnliches Narrativ: Wir kommen aus einer schlimmen Vergangenheit und wollen in eine bessere Zukunft. Und diese Zukunftsverheißung war Europa. Das, was hinter der jeweiligen Nation lag, war natürlich höchst unterschiedlich – die Struktur dieser Erzählung aber ist vergleichbar. So etwas fehlt derzeit. Europa existiert, es begeistert aber nicht. Es ist nicht sexy.

Wie könnte eine neue europäische Erzählung aussehen?

Garton Ash: Mein Angebot lautet: Wir leben im 21. Jahrhundert in einer Zeit der Riesen. Wer mit China, USA, Russland, Indien oder Brasilien konkurrieren will, sollte kein Zwerg sein. Deswegen müssen wir uns zusammentun.

Damit konstituieren Sie ein Europa nicht des Gefühls, sondern der ökonomischen Notwendigkeiten. Ist das nicht etwas nüchtern?

Garton Ash: Europa soll ja nicht als Selbstzweck ein Riese sein. Es geht darum, unsere Lebensweise und unsere Werte zu verteidigen. Das spricht natürlich auch das Gefühl an. Dennoch bleibt die berechtigte Frage, ob diese Erzählung eine ähnliche Zugkraft entwickeln kann, wie das erlebte Leid der beiden Weltkriege.

Die angesprochene europäische Lebensweise ist durch die derzeitige Krise in Gefahr. Sie sprechen häufig von dem besten Europa, das wir je hatten. Dennoch gab es nie bessere Zeiten für Europaskeptiker.

Garton Ash: Die längere Form meiner Analyse sieht frei nach Winston Churchill so aus: Die EU ist die schlechteste Form Europas, ausgenommen alle anderen, die in der Geschichte ausprobiert wurden. Ein junger, arbeitsloser Spanier kann damit natürlich herzlich wenig anfangen. Das heißt, eine solche Erzählung wird nur funktionieren, wenn sie sich mit der Lebenswirklichkeit der Europäer deckt.

Das hängt stark von der Wirtschaftssituation ab. Wie beurteilen Sie die Euro-Politik der derzeitigen Bundesregierung?

Garton Ash: Ich glaube, Deutschland hat viel richtig gemacht. Strukturreformen und Etatdisziplin sind notwendig. Das reicht aber nicht aus. Deswegen muss die Politik spätestens am Tag nach der Bundestagswahl zugeben, dass es weitere Schuldenentlastungen für die Krisenländer geben muss. Das weiß jeder in Berlin. Das wissen im Grunde auch die Wähler. Noch wichtiger ist, dass die Nachfrage gestärkt wird. Es hilft ja nichts, dass Griechenland und Spanien durch Strukturreformen konkurrenzfähig sind, es aber niemanden gibt, der die Waren kaufen will. In Deutschland brauchen wir übrigens eine Lohnsteigerung, um die Nachfrage anzukurbeln.

Wird sich so eine Radikalisierung in den südeuropäischen Ländern verhindern lassen?

Garton Ash: Das ist die Gretchenfrage. Wir müssen uns vor Augen halten, was die Südeuropäer bislang geleistet haben. Nehmen wir die Spanier, die massive Kürzungen hingenommen haben, ohne extreme Parteien zu wählen. Das ist sehr imponierend und auch ein Beweis für die Kraft der europäischen Idee. Jetzt steigen die spanischen Exporte zwar an, die jungen Spanier merken davon aber bislang noch nichts. Deswegen ist die Zeitfrage so entscheidend. Wenn die Südeuropäer in fünf Jahren immer noch kein Licht am Ende des Tunnels sehen, dann ist eine Radikalisierung unvermeidlich.

Sie waren kein Befürworter der Währungsunion, sagen aber, jetzt müssen wir das Beste daraus machen. Wie?

Garton Ash: Die Währungsunion kam zu früh und war zu unsolide konzipiert. Jetzt müssen wir diese Fehler korrigieren. Wir brauchen eine Bankenunion sowie eine engere Koordination und Überwachung der nationalen Haushalte. Da das stark in die Budgetrechte der nationalen Parlamente eingreift, benötigen wir auch eine tiefere politische Integration, zumindest in der Euro-Zone. Sonst besteht die große Gefahr, dass die Währungsunion, die eigentlich als der nächste große Schritt der europäischen Einigung gedacht war, Europa spaltet.

Sie sprachen eben von der europäischen Idee, die es derzeit schwer hat. Was halten Sie vor dem Hintergrund von Veranstaltungen wie dem Karlspreis? Müssen wir Europa mehr feiern?

Garton Ash: Feiern ist immer gut. Die Frage ist nur wie. Ich halte nichts von Sonntagsreden, Schönrederei und großen Sprüchen. Die Menschen wollen die nüchterne Wahrheit hören, so wie Churchill in seiner berühmten Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede. Sie dürfen nicht das Gefühl haben, dass die Herren, die in ihren dunklen Anzügen im Krönungssaal sitzen, in einer komplett anderen Welt leben. Wer für Europa wirbt, muss das nicht nur in Seminaren und Krönungssälen tun, sondern auch auf der Straße.

Was halten Sie von der Karlspreisträgerin Dalia Grybauskaite?

Garton Ash: Eine gute Wahl. Zum einen, weil Sie eine beeindruckende Persönlichkeit ist, zum anderen, weil so die Geschichte der baltischen Staaten in den Fokus rückt. Die jungen Demokratien im Baltikum sollten uns in der EU Mut machen.

Sind Sie auch deshalb ein Befürworter der EU-Erweiterung in Richtung Osten?

Garton Ash: Es heißt Europäische Union. Das bedeutet, dass man als europäisches Land ein Recht darauf hat, Mitglied zu werden. Sofern man die Kriterien erfüllt. Außerdem liegt es in unserem Interesse, dass wir in einer Welt der Riesen wachsen. Dies ist nicht nur geografisch, sondern vor allem demografisch gemeint. Wir brauchen im alten Mitteleuropa ganz einfach junge Menschen.

Sie haben als Historiker sehr viel zu Deutschland geforscht. Woher kommt Ihre Faszination für Deutschland?

Garton Ash: Das liegt natürlich an der Geschichte. Zum einen das, was ich die Weimarer Frage nenne. Wie kann es sein, dass in einem Land, das die höchste Weltkultur geschaffen hat, Buchenwald möglich war? Außerdem war Berlin nach dem Krieg das Zentrum der Weltgeschichte, weil man dort zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Welt pendeln konnte. Aber die Zeiten ändern sich. Wäre ich heute 20, würde es mich vermutlich eher nach Peking als nach Berlin ziehen.

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