Verwirrung, Verkündigung und Konsuls Elfenbein

Von: Sabine Rother
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Das Harrachsche Diptychon entstand in der Hofschule Karls des Großen um 800. Bei der Bildabfolge ist allerdings ein Fehler passiert. Achten Sie auf Krippe und Verkündigung. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Aachen. Die Aachener Hofschule hat Zeichen gesetzt: Hier wurden zum ersten Mal Evangelisten auf der ersten, der „Initialseite“, abgebildet. „Das war damals revolutionär“, erzählt Sarvenaz Ayooghi.

Zusammen mit Peter van den Brink, Leiter des Suermondt-Ludwig-Museums Aachen, kuratiert sie die Ausstellung „Karls Kunst“ im Centre Charlemagne, wo fili-grane Kostbarkeiten im Mittelpunkt stehen, die entweder in der Hofschule und in den Werkstätten der Kaiserpfalz entstanden sind oder durch sie beeinflusst wurden.

Bücher waren wertvoll. „Um Pergament für ein Evangeliar zu gewinnen, brauchte man die Häute von einer Rinderherde mit rund 200 Tieren“, erläutert Sarvenaz Ayooghi. Die über 30 Objekte sind anspruchsvoll und empfindlich. Das waren sie bereits bei ihrer Entstehung, ob Pergament, Goldschmiedearbeit oder Elfenbein. Karl der Große hat von seinen Reisen – etwa nach Byzanz – Pigmente und Purpur zur Verarbeitung in seiner Hofschule mitgebracht, wie Widmungstexte, zum Beispiel im ausgestellten Dagulf-Psalter, verraten. Das kleinformatige, edel gestaltete Werk entstand nachweislich in der Zeit um 783 bis 795 in Aachen.

Karl der Große hatte das Buch als Geschenk für Papst Hadrian bestellt. Es ist einer der seltenen Fällen, in denen der Schreiber bekannt wurde, denn besagter Dagulf hat sich eigenhändig in einem eingefügten Blatt vorgestellt. Bereits als im Jahre 780 in Aachen das Soissons-Evangeliar entstand, war dort eine künstlerische Elite am Werk – darunter Alkuin von York und Theodulf aus Nordfrankreich.

Wer einen Blick für die Eigenheiten dieser Kunst entwickelt hat, sieht plötzlich Kleinigkeiten, die nicht zuletzt vom Selbstbewusstsein der Mitglieder dieser Hofschule zeugen. So werden etwa auf dem Mondsee- oder Tassilo-Psalter die vier möglichen „Typen“ eines Schreibers dokumentiert: der schreibende, die Feder eintauchende, anrufende (im Gebet) und das Evangelium zeigende Schreiber – Prototypen, die zum offiziellen Formen-Katalog gehörten.

Elfenbein war und ist ein kostspieliger Werkstoff. Walrosszähne und Stoßzähne von Elefanten wurden benutzt. Es gab sogar Recycling: „Schnitzer griffen zu Konsular-Dyptichen aus dem 4. Jahrhundert“, erzählt Sarvenaz Ayooghi. Das sind Elfenbeintafeln, die Namen und Wappen von Konsulen trugen – dekorative Visitenkarten der Würdenträger. Bei manchen Stücken hatte man die Rückseite nicht beschnitzt. Sie konnte zum Buchdeckel für ein Evangeliar umgewandelt werden. Andere wurden abgeschliffen.

Viele Besonderheiten lassen sich entdecken – der feine Faltenwurf der Gewänder oder ein Erzengel Michael, der modernen Schmuck trägt und einen Drachen unter seine Füße zwingt, der klein wie ein Hündchen ist. Und es gibt Kuriositäten. So sieht man unter der Kreuzigung Christi, einem Relief aus der Hofschule, ein seltsames Objekt. „Die Lostrommel! Vermutlich die erste Darstellung in der Geschichte“, bestätigt Sarvenaz Ayooghi. „Die Soldaten haben das Untergewand Christi, von dem es hieß, es sei aus einem einzigen Faden gewebt, nicht zerschnitten, sondern verlost . . .“

Selbst Pannen sind dokumentiert. So wurden Elfenbeintafeln mit Bilderserien oft später in Holz gefasst. Die Folge: Beim Harrachschen Diptychon kommt der Verkündigungsengel erst zu Maria, nachdem die Geburt Jesu bereits stattgefunden hat. Selbst politische Konflikte haben sich niedergeschlagen. In dem vom bayerischen Herzog Tassilo gestifteten Mondsee-Psalter gab es eine Genealogie seiner Familie. Als Tassilo in Ungnade fiel, hat man diese Seiten entfernt und stattdessen eine Genealogie des Frankenherrschers eingesetzt, um so jede Erinnerung an den vermeintlich Ungetreuen gründlich zu tilgen.

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