Thronfrage bleibt offen, Grabfrage scheint geklärt

Von: Guido Jansen und Peter Pappert
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Was man weiß, was man nicht weiß: Clemens Bayer am Karlsthron, von dem man nicht weiß, ob es Karls Thron war. Foto: Guido Jansen

Aachen. Der Karlsthron heißt Karlsthron, weil Karl der Große als erster Kaiser auf ihm gesessen hat. Richtig oder falsch? Über diese Frage streiten sich Geschichtswissenschaftler ausgiebig. Ist der Karlsthron Karls Thron?

 „Definitiv“, sagt der Kölner Mittelalter-Archäologe Sven Schütte, der vor Jahren im Thron gestaubsaugt und dabei als Beweis einen vergoldeten Kupfernagel und einen Holzsplitter gefunden hat, die zur Stephansbursa gehören sollen. Das ist eine prunkvolle Schatulle, in der sich Erde befindet, die angeblich mit dem Blut des Märtyrers Stephanus getränkt ist.

Und diese Schatulle war in einer Art Handschuhfach im Thron untergebracht damit die Herrschaft auf heiliger Erde aufbaut. Eine Radiocarbon-Analyse des Splitters ergab ein Alter von 1200 Jahren. Für Schütte ist das ein Beweis, dass dieser Thron Karlsthron genannt werden muss.

Platten und Boden

Also ist der Karlsthron Karls Thron . . .  „Unwahrscheinlich“, sagen die Aachener RWTH-Mittelalter-Forscher Harald Müller und Max Kerner. Denn in den Quellen aus Karls Zeit ist von keinem Thron die Rede. Auch nicht in der Vita Karoli Magni, dem Werk von Karls Hofschreiber Einhard. Der beschreibt das Leben Karls ausführlich, erwähnt dessen lange Nase, einen hervorstehenden Bauch und, dass Karl mehrmals am Tag zur Messe in den Dom gegangen sei. Von einem Thron schreibt Einhard nichts. „Was dort zu Karls Zeit stand, wissen wir schlicht nicht. Wenn da wirklich ein so kostbarer Thron gewesen wäre, hätte man es in der Geschichtsschreibung bestimmt deutlicher erwähnt“, meint Kerner.

„Sicher ist, dass der Thron aus karolingischer Zeit stammt“, sagt der Historiker und Dom-Forscher Clemens M.M. Bayer. Er wendet ein einfaches Ausschlussverfahren an: Vor Karl gab es keinen Thron, weil es keinen Dom gab. Erstmals erwähnt wird der Thron im Jahr 936 – acht Kaiser und 122 Jahre nach Karl.

Wäre der Thron tatsächlich im Jahr 800 entstanden, dann sei es zumindest ungewöhnlich, dass er in keiner Quelle erwähnt wird. Vor allem angesichts eines weiteren Ergebnisses von Schütte: Die Platten, aus denen der Thron zusammengesetzt ist, stammten aus der Grabeskirche in Jerusalem. „Das ist eine nicht haltbare Erzählung“, widerspricht Bayer. Einhard hätte dieses Detail sicher nicht ausgelassen. „Wir wissen nicht, wann, warum und von wem der Thron gebaut wurde“, sagt Bayer. „Sicher ist nur, dass der Herrschersitz spätestens 936 an seinem Platz gestanden hat.“

Ein weiteres Resultat Schüttes ist der vermeintlich nicht abgelaufene Fußboden unter dem Thron, den der Archäologe festgestellt haben will. Der Fußboden stammt aus der Bauzeit des Oktogons. Wenn er tatsächlich nicht abgelaufen ist, dann bedeutet das, dass der Thron relativ kurz nach dem Oktogon gebaut wurde. „Sven Schütte soll sein angekündigtes Buch vorlegen, dann kann man weiter diskutieren“, sagt Bayer.

Das Grab

Zwischen 9.25 und 10.05 Uhr ist Karl der Große am 28. Januar 814 gestorben. Bayer kann es ziemlich genau sagen und beruft sich dabei auf Karls Biografen Einhard. Am selben Tag sei der Kaiser in der Marienkirche beigesetzt worden. Aber wo genau? Darüber gehen die Meinungen – tatsächlich seit Jahrhunderten – auseinander. Der Ansichten gibt es viele.

Bayer legt sich fest auf ein Nischengrab – bestehend aus dem Proserpina-Sarkophag (heute in der Domschatzkammer) und einem darüber gemauerten Bogen – im Südost-Joch des 16-Ecks des Domes (zwischen Chorhalle und Annakapelle). Es wurde bis in die Neuzeit hinein als „Karlsmemorie“ oder „Karlsdenkmal“ bezeichnet, als ursprüngliches Grab Karls angesehen und 1788 in Unkenntnis seiner Bedeutung abgerissen. Bayer stützt sich dabei auf die Aussagen von Einhard, „der die Verhältnisse sehr genau kannte“, und auf intensive Untersuchungen des früheren Dombaumeisters Joseph Buchkremer (1907).

Im 17. Jahrhundert berief man sich auf mittelalterliche Quellen, nach denen Karl „in einer unterirdischen Grabkammer in der Mitte des Oktogons“ beigesetzt wurde. Bayer sieht in diesen „Angaben“ allerdings „keine historischen Auskünfte, sondern fiktionale Literatur“, die eine im Mittelalter weit verbreitete Sage aufnimmt. „Seit dem 19. Jahrhundert kamen weitere ‚Vorschläge‘ hinzu“, sagt er. „Insgesamt sind es bis heute elf Plätze im und beim Dom, die für das Grab Karls in Anspruch genommen werden.“

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde eine – über Jahrzehnte „praktisch erwiesene“ – These entwickelt, „Karl sei in der Vorhalle der karolingischen Kirche, wenige Meter westlich des Haupteingangs mit dem großen Bronzeportal bestattet worden, also außerhalb des eigentlichen Kirchenraums“, berichtet Bayer.

Diese These griff unter anderen Dombaumeister Leo Hugot (1925-1982) auf, stützte und erweiterte sie. Nach den Ausgrabungen im Frühjahr 2010 durch den Stadtarchäologen Andreas Schaub sieht Bayer diese These als „ganz eindeutig“ widerlegt an; Kerner ist vorsichtiger und nennt sie „eher unwahrscheinlich“.

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