Superbauten, Bildung und Juwelen auf den Schuhen

Von: Sabine Rother
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Karl der Große im 3D-Format, geschaffen vom Fraunhoferinstitut für Lasertechnik an der RWTH: Diese futuristische Karlsbüste begrüßt die Besucher im Eingangsbereich des Rathauses Aachen. Foto: Michael Jaspers
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Ein Apostelkopf aus dem Triclinium-Mosaik Leos III., das zur Zeit Karls des Großen (das sagt die lateinische Inschrift) geschaffen wurde; eine Leihgabe der Vatikanischen Museen Rom. Foto: Musei Vaticani

Aachen. In seiner Lieblingspfalz Aachen verbrachte Karl der Große sehr viel Zeit – nicht zuletzt wegen der heißen Quellen, in denen er gern schwamm. „Oft badeten hundert oder mehr Leute mit ihm“, heißt es in der Biografie „Vita Karoli Magni“, die der fränkische Gelehrte Einhard nach dem Tode des Franken ab 814 verfasste. Die Ausstellung „Orte der Macht“ ist so facettenreich wie das Leben jener Zeit.

Mit einer 360-Grad-Projektion von der gesamten Pfalzanlage will Kurator Frank Pohle den Besuchern das Gefühl geben, sich quasi mit den Augen des Karlsbiografen umzuschauen. In dieser Pfalz trafen sie sich: die geistlichen und weltlichen Gelehrten, mit denen Karl seine Bildungsreform in Gang brachte, die Großen des Reiches mit ihren Damen, die Gesandten – unter anderem aus Bagdad vom Hofe des Kalifen Harun al-Raschid.

Drei Quadratmeter karolingischer Fußboden, Kapitelle und Bauplastiken demonstrieren, wie wichtig stilvolle und teure Materialien waren. „Ob Buntmetalle, kostspielige Textilien oder Holz und Glas, alles war da“, beschreibt Pohle. Mosaiken – gezeigt wird etwa die Darstellung von Wasservögeln mit blauem Gefieder aus dem 4. Jahrhundert – waren ein Zeichen für Besitz und Lebensart.

Und auch der Ohrring mit drei kunstvollen Hohlkugeln aus Golddraht dürfte einer vermögenden Dame bei Hofe verloren gegangen sein. „Die Hofgesellschaft ist uns jedoch generell noch ein Rätsel“, meint Pohle. „Wir wissen nicht, wie sie organisiert war oder ob es ein offizielles Zeremoniell gab.“ Nur in seiner Kleidung – das ist bekannt – hat Karl sich von den anderen unterschieden. „Er trug mit Juwelen besetzte Schuhe. Alltags war das Schwert mit Gold und Silber verziert, an Feiertagen gleichfalls mit Juwelen.“

Frierende Jagdgesellschaft

Karl der Große bevorzugte lebenslang fränkische Kleidung, meist Wollstoffe mit Seidenbesatz. „Und im Winter ein Fellwämschen“, meint Pohle. In einer der zahlreichen Karlslegenden wird von einer Jagd erzählt, zu der Karl Mitglieder des Hofes eingeladen hatte. Er selbst zog in rustikaler Ausstattung los, die anderen trugen Samt und Seide. Pohle: „Natürlich kamen diese völlig zerzaust und frierend aus dem Wald zurück. Karl dagegen ging es bestens, er triumphierte“, amüsiert sich Pohle. Das steife Herrscherzeremoniell von Byzanz war jedenfalls nicht nach Karls Geschmack.

Was der Kurator gleichfalls zeigen möchte: Die Aufmerksamkeit Karls des Großen für Neues, Unerwartetes – und seine Lust, davon zu lernen. Prägend war etwa der Italien-Feldzug. 774 eroberte der Franke das Langobardenreich und sah andere Formen des herrschaftlichen Regierens. „Auch die Architektur hat ihn stark beeindruckt“, meint Pohle.

In der Ausstellung kann man einen Blick auf Superbauten dieser Zeit werfen – zum Beispiel auf die Pfalz Ingelheim, den Saalbau in Paderborn und die Befestigungsanlage Nijmegen. Nijmegen war ein „Castrum“, eine Festung gegen Sachsen und Friesen. Karl der Große baute 777 auf den Mauern dieses Kastells eine Pfalz. Die Anwesenheit des Herrschers in Ingelheim ist erstmals für September 774 belegt. Er machte dort kurz Station auf dem Rückweg nach seiner Eroberung des Langobardenreiches in Norditalien, wo er sich zum König hatte krönen lassen.

Aus Einhards „Vita Karoli Magni“ ist bekannt, dass der Bau der Paläste schon damals in die Reihe der wichtigsten Bauleistungen des Frankenherrschers gestellt wurde – gleich hinter der Errichtung der Pfalz Aachen. Klein, aber machtvoll ist die Aussage des gezeigten Bildnisdenars, der nach antikem Vorbild gestaltet wurde und Karl den Großen als Imperator mit Lorbeerkranz und Kaisermantel zeigt.

Wie war er wohl als Persönlichkeit, dieser Machthaber, der eine funktionierende Verwaltung schuf, sich für Philosophie, Theologie, Gottesdienstreform, Frauen und künstlerische Dinge interessierte? Wer die Ausstellung besucht, kann seine Fantasie bei Ausschnitten aus dem Dokudrama „Karl der Große“ (2013/Arte) von Gabriele Wengler beflügeln lassen und am digitalen Pfalzmodell sehen, wie modern dieser Baukomplex für seine Zeit war.

Und damit alles noch ein bisschen lockerer und unterhaltender wird, gibt es sogar speziell geschaffene karolingische Comic-Motive des Frankfurter Künstlers Oliver Grajewski. Der Künstler lässt etwa Hildegardis, eine von Karls vier Gemahlinnen, zu Abdullah, dem Gesandten des Kalifen, per Sprechblase etwas hochnäsig, aber selbstbewusst sagen: „Am Hofe spricht man Althochdeutsch . . .“

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