Brisante Geschichte rund um den Bayernherzog

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
7712804.jpg
Stolz auf „Karls Kunst“ im Centre Charlemagne: die Kuratoren Sarvenaz Ayooghi und Peter van den Brink, Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Was für eine Geschichte! Der Tassilokelch, der bei der Ausstellung „Karls Kunst“ im Aachener Centre Charlemagne nach langen Verhandlungen mit dem oberösterreichischen Stift Kremsmünster nun tatsächlich gezeigt werden darf, weckt bis heute dunkle Erinnerungen an den Frankenherrscher.

Peter van den Brink, Leiter des Suermondt-Ludwig-Museums Aachen und gemeinsam mit Sarvenaz Ayooghi Kurator der ersten Präsentation im neu ausgebauten Gebäude am Katschhof, hat viele Reisen unternommen, um Werke auszuleihen, die von der Zeit Karl des Großen erzählen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Über 30 zum Teil im Aachener Skriptorium entstandene Handschriften werden im sorgfältig abgedunkelten und klimatisierten oberen Bereich des Ausstellungsortes gezeigt. Im Parterre gibt es Elfenbeinschnitzereien, Goldschmiedearbeiten und Schmuckstücke, die Aachener Handwerkern und der Hofschule zugeschrieben werden. Damit verwandelt sich das Centre Charlemagne in eine stille, fast mystische Kunstkammer mit modernsten Vitrinen, die den Besucher im Halbdunkel aufnimmt.

Ein „Star“ wird hier der Tassilokelch sein – 25,5 Zentimeter hoch, etwa drei Kilogramm schwer mit einem Fassungsvermögen von 1,75 Litern, vergoldetes Kupfer mit Silbermedaillons. Die Kelchschale ist drehbar und man kann auf diese Weise mehreren Gläubigen die Kommunion darreichen.

Der Kelch ist ein liturgisches Gefäß für besonders festliche Gottesdienste. Die Inschrift „Tassilo dux fortis et Liutpirc virga regalis“ (Tassilo, tapferer Herzog und Liutpirc, aus königlichem Spross“ lässt vermuten, dass der bayrische Herzog Tassilo den Kelch anlässlich seiner Hochzeit mit Liutpirc, Tochter des Langobardenkönigs, dem Stift Kremsmünster bei dessen Gründung im Jahre 777 gestiftet hat – der noch heitere Teil der Geschichte.

Da Karl dem Großen die aktive Bündnispolitik des Bayern-Herzogs ein Dorn im Auge war, bestellte er seinen mächtigen Vetter, Vasallen und Widersacher im Jahre 788 zur Synode nach Ingelheim und ließ ihn wegen eines angeblichen Treuebruchs anklagen, der allerdings schon 25 Jahre zurücklag. Darauf stand die Todesstrafe, die Karl „milde“ in lebenslängliche Haft umwandelte. Der Herzog, der seinen gesamten Besitz verlor, und seine Familienmitglieder wurden auf Klöster in Frankreich verteilt.

„Nach unseren Informationen wurde der Kelch noch nie ausgeliehen“, erzählt van den Brink von einer komplizierten Mission. Beim Stiftertag, der regelmäßig im Dezember begangen wird, stand der Kelch in Kremsmünster noch auf dem Altar. Und plötzlich kam die Anfrage aus Aachen – Lieblingspfalz Karls des Großen, auf den man vor diesem Hintergrund bis heute nicht besonders gut zu sprechen ist. „Der dortige Kurator war einverstanden, aber Abt Ambros Ebhart musste das im Konvent abstimmen lassen“, berichtet van den Brink.

Beim Besuch in Kremsmünster plauderte er zunächst über ganz andere Dinge mit dem Abt, der eine Flasche Wein aus seinem Privatkeller holen ließ – ein gutes Zeichen. Bei der Abstimmung im Konvent sagten 25 Mitglieder zur Aachener Ausstellung ja, 15 waren jedoch dagegen. Die Begründung: Man wolle doch nicht ein so kostbares Stück „zu Ehren des Feindes Tassilos“ ausleihen. „Kaum zu glauben, dass das noch so lange Zeit nach dem Ereignis ein Thema ist“, meint van den Brink.

Doch die Kuratoren hatten einen Trumpf im Gepäck: die Aachener Heiligtumsfahrt, die nur alle sieben Jahre stattfindet und die der Abt besuchen wird. Jetzt darf das Prachtstück mit vergoldeten Flechtbändern, Tier- und Pflanzenmotiven doch noch auf Reisen gehen. Der Tassilokelch gilt übrigens als bekanntestes Beispiel des „insularen Stils kontinentaler Prägung“ und könnte damit aus England stammen. Noch ein Geheimnis.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert