Spannendes Buch um das Rätsel des Marienschreins

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
7771458.jpg
Die Schlösser des Marienschreins: Christoph Stender und Michael Lejeune haben ihre Geschichte recherchiert und aufgearbeitet in dem Buch „Verschlossen und aufgeschlagen“. Foto: Michael Lejeune
7771452.jpg
Das Autoren-Duo ist das Thema „Schreinschlösser“ mit Begeisterung angegangen: Christoph Stender (links) und Michael Lejeune.

Aachen. Das Rätsel bleibt vorerst ungelöst. Drei Schlösser des Aachener Marienschreins sind verschwunden und nicht mehr aufzuspüren – die aus den Jahren 1888, 1895 und 1902. Die beiden Aachener Autoren Christoph Stender und Michael Lejeune haben in den letzten Monaten die verstaubtesten Folianten gewälzt und im Februar über unsere Zeitung mögliche Insider zur Aufklärung und Spurensicherung aufgerufen – vergeblich.

Geblieben ist indessen eine spannende Geschichte, die in Buchform am 17. Juni im Buchhandel erscheint: „Verschlossen und aufgeschlagen. Die Schlösser des Marienschreins und die Heiligtumsfahrt zu Aachen.“ – ein 96-seitiger, reich bebilderter Band im renommierten Regensburger Verlag Schnell & Steiner. In dieser Publikation erfährt das allgemeinmenschliche Motiv vom Wechselspiel des Öffnens und Verschließens über die Schlösserhistorie hinaus eine philosophisch-anthropologische und sogar poetische Erweiterung.

Das Interesse ist groß, viele Menschen haben sich bei dem ehemaligen Hochschulpfarrer Stender gemeldet, die gespannt auf das Ergebnis der Recherchen sind. Helfen konnte indessen keiner. Aber das Autoren-Duo hat eine begründete Vermutung, wo die vermissten Schlösser letztlich geblieben sein könnten: in den Wirren des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombardement Aachens zerstört.

Aber der Reihe nach. Seit Jahrhunderten findet alle sieben Jahre in Aachen die Heiligtumsfahrt statt. Aus diesem Anlass wird der Marienschrein feierlich geöffnet, dazu dessen Schloss in einer speziellen Zeremonie aufgeschlagen. Am Ende wird ein neues angebracht, mit Blei vergossen, der Schlüssel in zwei Hälften gebrochen und jeweils dem Domkapitel und dem Oberbürgermeister der Stadt übergeben. „Über lange Zeit hatten diese Schlösser überhaupt keine Bedeutung“, sagt Michael Lejeune. „Das waren einfache Vorhängeschlösser.“ Die vermutlich, nachdem sie ihren Dienst getan hatten, einfach weggeworfen wurden.

Mit Bernhard Witte sollte sich das ab dem Jahr 1888 grundlegend ändern, bekamen Stender und Lejeune bei ihrer gemeinsamen Arbeit heraus. Der Vater, August Witte, war im 19. Jahrhundert der Goldschmied des Aachener Doms und eben auch zuständig für die Schlösser des Marienschreins – eben jene bis dato einfachen Vorhängeschlösser. Das Amt ging 1887 auf seinen Sohn Bernhard über. Der kam erstmals auf die Idee, die Schlösser durch eine Verzierung zu überhöhen und ihnen damit eine ganz neue Bedeutung zu verleihen. Der erste „Schmuck“ bestand dabei aus dem Wappen des Domkapitels.

1925 müssen diese Schlösser bereits im allgemeinen Bewusstsein in Aachen zu enormer Bedeutung gelangt sein, immerhin wurden sie in jenem Jahr in der „tausendjährigen Jubelfeier des Deutschen Reiches“ in Köln und Aachen ausgestellt. Die Rechercheure vermuten – ein Beleg konnte nicht gefunden werden –, dass Bernhard Witte die Schlösser in den ersten Jahren bei sich zu Hause aufbewahrt hatte, irgendwann kamen sie dann alle in die Domschatzkammer. Mit dem neuen Schloss der Heiligtumsfahrt 2014 sind es nun insgesamt 17.

Eben jene drei sind seit dem Zweiten Weltkrieg vermisst. „Es ist bekannt, dass Bernhard Wittes Werkstatt zerbombt wurde“, erklärt Michael Lejeune. Nicht geklärt ist dabei, wieso dann nicht alle Schlösser verschwunden sind, wenn Witte sie denn in dieser Zeit tatsächlich aufbewahrt hatte. Im Jahr 1945 jedenfalls schuf Witte sein letztes Schloss für den Marienschrein – die Heiligtumsfahrt des Jahres 1944 war wegen der schrecklichen Kriegsereignisse um ein Jahr verschoben worden. Und die schlimmen Zeiten hatten selbst in den Marienschrein-Schlössern ihren Niederschlag gefunden: Mangels einschlägigen Materials benutzte Witte ein Fünf-Mark-Stück als Frontplatte für das Schloss, das er passend in Form schmiedete.

Nach dem Tod Wittes beschloss das Domkapitel, dass die Marienschrein-Schlösser auch in Zukunft verziert sein sollten. Danach bürgerte sich ein Verfahren ein, das noch heute gilt: Ein Stifter bezahlt den Goldschmied, der frei gewählt werden kann. Dieser Stifter schenkt das Schloss dann dem Domkapitel.

Öffnen und verschließen – Ereignisse, die die ganze Natur durchdringen. „Das beginnt mit der Öffnung einer Blüte“, erklärt Stender, Leiter des Mentorats für Lehramtsstudierende der katholischen Theologie an der RWTH. „Man öffnet sein Herz und meint die erwachende Liebe. Und man verschließt etwas in seinem Inneren als ewige Erinnerung.“ Ein menschliches Phänomen also, dem die Autoren poetisch-philosophische Betrachtungen widmen – und drei Gedichte. Nebenbei erfährt man auch noch eine kleine Geschichte der Heiligtumsfahrt.

Das etwas ungleiche Autoren-Duo ist sich durch Zufall begegnet: Lejeune, 22 Jahre alt, Student der Wirtschaftsinformatik, Fotograf und Inhaber der Weinstube La Jeunesse, und Stender, 57 Jahre alt, Theologe. Stender: „Wir haben auf Anhieb gemerkt, dass wir gemeinsam etwas Kreatives machen können.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert