Messias in Windeln! „Wer erwartet denn so was?“

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
7833204.jpg
Das Grabtuch von Turin.

Aachen. Kleid Mariens, Windel Jesu, das Enthauptungstuch des Johannes und das Lendentuch Jesu – die vier sogenannten Aachener Heiligtümer, die alle sieben Jahre dem Marienschrein im Aachener Dom entnommen und nach knapp zehn Tagen darin auch wieder verschlossen werden. Vor etwas mehr als 1200 Jahren wurden sie von Jerusalem an den Hof Karls des Großen gebracht; das scheint sicher zu sein – mehr nicht.

Seit Jahrhunderten werden diese Stoffe – wie viele ungezählte Reliquien weltweit – von katholischen Christen als Glaubenszeugnisse verehrt. Diese Tradition ist stark und beständig. Weniger eindeutig sind die Antworten auf die Frage, ob die Heiligtümer das sind, als was sie bezeichnet werden. Niemand behauptet, dass sie echt sind. Bisher kann und will keiner das Gegenteil beweisen.

Für die Verantwortlichen am Aachener Dom trifft die Frage nach der Echtheit der Reliquien nicht den eigentlichen Sinn der Heiligtumsfahrt. Was den Kern der Reliquienverehrung ausmacht, erläutert im Interview der Bochumer Theologe Thomas Söding und erklärt Begriffe und Bedeutungen.

Was ist heilig?

Söding: Heilig ist Gott und alles, was mit Gott in Berührung kommt. Um das zu vermitteln, benötigt man Medien, Menschen, die die Faszination Gottes ausstrahlen, aber auch bestimmte Gegenstände.

Die Aachener Heiligtümer?

Söding: Ja. Es gibt verschiedene Medien, zum Beispiel Ikonen. Die Heilige Schrift ist ein Medium, in dem Gott kommuniziert; man kann sie lesen, interpretieren, kritische Fragen stellen. Das soll man auch tun. Neben Bild und Wort treten Reliquien als Erinnerungsstücke, die im Neuen Testament zum Teil erwähnt werden. Das sind Hilfen zum Glauben, aber der Glauben soll sich davon nicht abhängig machen.

Hat die katholische Kirche Reliquien nötig?

Söding: Nein, das ist Luxus. Bestimmte traditionelle Formen des Umgangs damit könnten den falschen Eindruck vermitteln, der Glauben bedürfe solcher Relikte. Die Frömmigkeitsgeschichte kennt da bestimmte Verkrampfungen: Im 19. Jahrhundert meinte eine gewisse katholische Rechtfertigungslehre, man könne Glaubwürdigkeit durch historische Beweise erlangen. Das war ein klassisches Eigentor. Solche „Beweise“ sind nicht zu führen und erzeugen nur Missverständnisse.

Aber die historische Jesus-Forschung hat ihre Berechtigung.

Söding: Selbstverständlich. Das ist der entscheidende Punkt: Ohne Jesus würde das Christentum gar nicht existieren. Es ist ja keine Ideenlehre, sondern eine Reaktion auf Jesus. Dass er gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, sind Glaubenserfahrungen, die nicht objektivierbar sind. Es gibt Traditionsspuren, und deren wichtigste ist die Heilige Schrift. Darüber hinaus gibt es dann diese Erinnerungsstücke.

Werden die in der von Ihnen genannten Bedeutung heute noch verstanden?

Söding: Ich sehe dafür gute Chancen. Wir leben doch in einem Medienzeitalter. Zugehörigkeit wird über Äußerlichkeiten sichtbar gemacht: Corporate Identity, Corporate Design. Das wird in vielen Bereichen gepflegt und eingesetzt. Deshalb sollte man seine Erinnerungsstücke nicht verschämt verbergen, sondern zeigen, wie es jetzt wieder in Aachen geschieht.

Ist es also gar kein Problem, eine Heiligtumsfahrt zu vermitteln?

Söding: Ich sehe das so. Es gibt die Suche nach heiligen Orten, heiligen Personen, nach Zeichen. Die Aachener Heiligtumsfahrt ist heutzutage total unkonventionell: die Windel Jesu! Das ist in gewisser Weise kurios. Aber es ist schon im Neuen Testament kurios, dass der Messias an einer Krippe erkannt werden soll – in Windeln gewickelt. Wer erwartet denn so was? Das ist Kontrastprogramm. Es hat etwas Rührendes. Die Skepsis gegenüber den Reliquien entzündet sich an der Frage der Echtheit.

Die Gretchenfrage. Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff sagt, wesentlich für die Heiligtumsfahrt sei ihr „Hinweischarakter“. Sein Vorgänger Klaus Hemmerle sprach von „Tuchfühlung mit Gott“, das Domkapitel hält die Echtheitsfrage für zweitrangig. Das alles sind Umschreibungen, Deutungen, Andeutungen, aber keine klaren Antworten auf die Frage, ob diese Stoffe das sind, als was man sie bezeichnet. Niemand sagt, sie seien echt. Niemand sagt, sie seien unecht.

Söding: Das trifft alles zu. Ein Echtheitsbeweis ist nicht zu führen – auch nicht durch immer neue Textiluntersuchungen. Man kann auch schlecht einen Gegenbeweis führen. Das Problem liegt tiefer: Das mechanistische Weltbild taugt hier nicht. Wenn aber die Echtheit nicht zu beweisen ist, folgt daraus automatisch, dass es sich um Fälschungen handelt? Das würde ich nicht sagen. Gerade im virtuellen Zeitalter wird es immer schwieriger, zwischen Original und Fälschung zu unterscheiden.

Bischof Mussinghoff hat einmal gesagt, die Frage, ob die Heiligtümer echt sind, sei ihm egal.

Söding: So weit würde ich nicht gehen, denn es gibt ja eine Gedächtnisspur, die sich zurückverfolgen lässt.

Hängt die Bedeutung der Reliquien von der Echtheit ab?

Söding: Nein – nicht im heutigen Verständnis.

Wäre das sogenannte Lendentuch Jesu wertvoller, wenn es – wissenschaftlich belegt – echt wäre?

Söding: Nein – überhaupt nicht. Es kommt nicht auf das Alter des Stoffes an, sondern auf die Kreativität des Betrachters. Welchen Eindruck löst dieses Stück Stoff aus? Bei dem einen gar keinen, denn es sagt ihm nichts, weil ihm der Beweis fehlt, dass es echt ist; also vermutet er Betrug.

Wäre das schlimm?

Söding: Nein.

Man kann die Heiligtumsfahrt für Betrug halten und trotzdem ein guter Christ sein.

Söding: Ja – ganz klar. Aber war es wirklich „Betrug“? Man ist auch kein blöder Christ, wenn man in dem Stück Stoff eine Richtung erkennt, die zu Jesus führt.

Wird die katholische Kirche wegen solcher Reliquienverehrung eher belächelt oder eher beneidet?

Söding: Beides. Die Protestanten wollen damit nichts zu tun haben, weil sie sagen, sie bräuchten das nicht. Sie haben die Heilige Schrift, und die reicht ihnen. Respekt! Das ist die eine Seite. Auf der anderen sehe ich in der Kirche eine Heiligenfigur mit vielen Kerzen davor. Niemand wird gezwungen, dort eine Kerze anzuzünden. Aber viele tun es. Warum? Weil der Glaube etwas ist, das mit Leib und Seele zusammenhängt, weil wir auch spirituelle, emotionale, vielleicht sogar sentimentale Bedürfnisse haben.

Mit denen muss man dann aber auch sensibel umgehen.

Söding: Deshalb darf man eine Pilgerfahrt wie die Aachener auch nicht als Demonstration kirchlicher Macht missbrauchen – nach dem Motto: „Wir haben die Schätze, kommt zu uns; da habt Ihr die Kontakte!“ So ist es in der Vergangenheit oft gemacht worden. Die Heiligtumsfahrt ist stattdessen ein Angebot, Zeichen wahrzunehmen, eine Brücke zu betreten. Wenn man diesen Zeichencharakter der Reliquien versteht, braucht man sich dessen wirklich nicht zu schämen. Problematisch würde es, wenn das Medium für das Eigentliche gehalten wird.

Dann ist es aber doch ein Problem, wenn diese Heiligtümer von Gläubigen verehrt werden.

Söding: In der Geschichte der Frömmigkeit unterscheidet man zwischen Anbetung und Verehrung. Gott wird angebetet. Bilder können verehrt werden; das heißt im Grunde nur: Ich nehme sie als Bilder aufmerksam wahr. Das ist zwar katholischer Insider-Sprachgebrauch, aber ich würde diesen Begriff nicht infrage stellen.

Wäre es besser, es würde nicht so viel nach all diesen Deutungen und Bedeutungen gefragt, sondern wie früher einfach nur gebetet?

Söding: Nein – überhaupt nicht. Das ist doch gerade der Vorteil unserer Zeit, dass diese Fragen gestellt werden. Das Bestreiten, die Skepsis helfen der katholischen Kirche, dass sie selbst ihre Rituale besser versteht.

Je säkularer die Gesellschaft ist, desto schwieriger wird eine Heiligtumsfahrt?

Söding: Ja, aber sie hat auch gute Chancen. Es fehlt jeder Zwang: Alle können, niemand muss. Ich selbst würde teilnehmen und nicht auf Abstand gehen, obwohl mir als Bibelwissenschaftler das Lukas-Evangelium reicht. Aber ich finde es trotzdem nicht schlecht, die Windel zu sehen. Glauben ist eben nicht nur eine Sache der Vernunft.

Glauben und Vernunft werden häufig als Gegensatz empfunden – bei der Heiligtumsfahrt erst recht: viel Aufwand und Weihrauch für alte Stoffe.

Söding: Es ist eine Zeremonie, ein Ritus. Welche Institution kann es sich leisten, nur alle sieben Jahre so etwas zu zeigen und nicht häufiger? Was für ein langer Atem! Davor hätte jeder Soziologe großen Respekt. Das hat eine ganz eigene Würde. Das kann ich sogar erkennen, wenn ich nicht gläubig bin.

Magie darf es aber nicht werden. Wird es gefährlich, wenn sich ein Kranker etwas davon verspricht, eine Reliquie zu berühren?

Söding: Vielleicht springt der Funke über. Der entscheidende Satz bei Jesus heißt: „Dein Glaube hat Dich geheilt.“ Es ist eine Frage von persönlicher oder kultureller Frömmigkeit, ob ich eine Reliquie berühre oder nicht.

Wann wird aus Glaube Aberglauben?

Söding: Glaube ist die Bitte darum, dass Gott wirkt. Magie ist der Versuch, Gott zu instrumentalisieren.

Im Kölner Dom wird seit Dezember vorigen Jahres eine sogenannte Blutreliquie von Johannes Paul II. aufbewahrt. Das könnte man makaber finden.

Söding: Die katholische Frömmigkeit ist manchmal etwas peinlich. Das ist die Kehrseite ihrer Anziehungskraft. Ein Christentum nur in den Grenzen des guten Geschmacks gibt es nicht.

Wie viel Zauber verträgt der Glauben?

Söding: Da muss man aufpassen, denn Mirakelgläubigkeit feiert in den Religionen weltweit offensichtlich fröhliche Urständ. Das ist voller Vitalität, aber auch äußerst doppelbödig. Darum ist Religionskritik erforderlich und sehr heilsam. Man kann und soll Gott auch mit seinem Verstand lieben. Wenn die Religionskritik allerdings meint, sie könne mit Rationalität den Glau- ben selbst überflüssig machen, wird sie zur Ideologie. Mit noch so viel Vernunft kann ich nicht ausschließen, dass es Gott gibt.

Dass Gott Mensch geworden ist, kann ein gläubiger Christ nicht ablehnen. Aber daran kann ich glauben, ohne die Heiligtumsfahrt bedeutend zu finden.

Söding: So ist es.

Wie groß ist die Gefahr, dass die katholische Kirche, die es sowieso nicht leicht hat, mit der Heiligtumsfahrt Menschen zusätzlich irritiert oder sogar abstößt – womöglich gerade jene, die den Essentials der Botschaft Jesu sehr nahe stehen?

Söding: Die Vielsprachigkeit und Vielgestaltigkeit der Kirche birgt Chancen und ebenso das Risiko, dass man sich nicht mehr versteht. Wer für ein solches gläubiges Event verantwortlich ist, hat eine Bringschuld, es zu erklären. Man wird die einen vor den Kopf stoßen, andere erreichen. Es ist richtig, dass man es macht – mit Demut und ohne Triumphalismus.

Viel Kritik entzündet sich am Frauenbild der katholischen Kirche. Welches Bild von der Frau und der Mutter wird mit der Marienverehrung präsentiert?

Söding: Das ist ein heißes Thema. Die katholische Kirche sagt, sie sei nicht frauenfeindlich und verweist als Beleg auf Maria. Dieses Bild von Frau und Mutter ist schon sehr traditionell. Das Kleid und die Windel bringen aber auch die Sorge der Mutter für ihr Kind zum Ausdruck; das finde ich nicht schlecht.

Am häufigsten präsentiert die katholische Kirche das Bild der frommen, demütigen, andächtigen Frau.

Söding: Es gibt ebenso die lesende Maria. Sie lebt ein asketisches Ideal vor; das war in der Antike topmodern. Heute sind wir eher antiasketisch und hypererotisch. Trotzdem: Eine Mutter Gottes, die die Windeln wechselt, ist etwas Anderes als die Sixtinische Madonna aus Dresden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert