Enthauptungstuch als Symbol für die Opfer der heutigen Zeit

Von: Anja Clemens-Smicek
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Das Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer: ein feines helles Tuch aus Leinendamast, das an allen vier Seiten umsäumt ist. Es zeigt große Flecken (Blutspuren) und weist auch größere Löcher auf. Foto: Karl Kampermann

Aachen. Es war an einer Stelle am Jordan, nicht weit von Jerusalem entfernt. Johannes hält dort – irgendwann zwischen 26 und 29 n.Chr. Bußpredigten, tauft die Menschen und kündigt das Kommen des Heilands an. Auch Jesus lässt sich von ihm taufen; und der Himmel soll sich in diesem Augenblick geöffnet haben.

Dennoch ist das Ende tragisch: Herodes Antipas wird diesen Johannes köpfen lassen. Soweit die Geschichte. Aber was verbindet Johannes den Täufer mit Cemal Altun? Oder mit Kola Bankole, Rachid Sbaai und Altankhou Dagwasoundel?

„Johannes der Täufer steht für die Opfer, für ungerechtfertigte Tötung, Hinrichtung und eine Form des Sterbenlassens“, sagt Heiko Kauffmann, Mitbegründer von Pro Asyl und Aachener Friedenspreisträger. Cemal, Kola und Rachid seien genau wie Johannes Opfer – der Obrigkeit, der Gesellschaft. Vor allem aber stellt Kauffmann eine verblüffende Parallele zwischen allen her. „Nach dem kirchlichen Gedenktag fand die Enthauptung des heiligen Johannes an einem 29. August statt“, erklärt der Menschenrechtsexperte. Das sei der Vorabend eines bundesweiten Mahntages zum Thema Abschiebung.

Es war der 30. August 1983, als sich der Asylbewerber Cemal Altun aus dem sechsten Stock des Berliner Verwaltungsgerichts in den Tod stürzte. Der Kurde war der erste politische Flüchtling in Deutschland, der sich selbst tötete, weil er die Auslieferung fürchtete. „Er war der Anlass, Asyl in den Kirchen einzurichten. Und sein Tod hat indirekt auch zur Gründung von Pro Asyl beigetragen“, sagt Kauffmann.

Ebenfalls an einem 30. August, aber im Jahr 1994, starb der Nigerianer Kola Bankole. Seine genauen Todesumstände sind bis heute ungeklärt. Er starb beim Versuch der Abschiebung an Bord einer Lufthansa-Maschine, nachdem ihm laut Pro Asyl ein Arzt kurz zuvor ein „Beruhigungsmittel“ gespritzt und ihn Beamte geknebelt hatten.

Und Heiko Kauffmann führt die unheimliche Serie fort: „Am 30. August 1999 starb Rachid Sbaai in einer Arrestzelle in der Justizvollzugsanstalt Büren an einer Rauchvergiftung.“ Aus Protest gegen die drohende Abschiebung habe er wohl seine Matratze angezündet. „Auf seine Schreie hat niemand reagiert.“

Am 30. August 2000 stürzte sich dann der Mongole Altankhou Dagwasoundel ebenfalls bei dem Versuch, der Abschiebungshaft zu entfliehen, in den Tod.

„Johannes der Täufer war ein Mahner und Warner seiner Zeit. Und auch wir müssen uns fragen, in welcher Welt wir eigentlich leben“, meint der Friedenspreisträger. Flüchtlinge würden unter Lebensgefahr die Reise übers Meer nach Europa antreten – immer in der Hoffnung auf ein besseres Leben. „Doch wenn sie es bis an unsere Grenzen schaffen, heißen wir sie nicht willkommen. Stattdessen schicken wir sie wieder zurück.“

Allein seit dem Jahr 2000 seien mehr als 20.000 Menschen auf ihrer Flucht gen Europa ums Leben gekommen – entweder seien sie im Meer ertrunken, bei oder durch die Abschiebung gestorben. „Das ist ein Trauerspiel und eine Bankrotterklärung für Europa.“ Heiko Kauffmann spricht von „extralegalem Sterben“, von einer „Hinrichtungsform des 21. Jahrhunderts“ und einer „bewussten Hinnahme“ von Tausenden von Opfern. Johannes der Täufer sei zu Zeiten Jesu ein Opfer gewesen, heute seien es die Flüchtlinge.

Nach Ansicht Kauffmanns führt das Enthauptungstuch die Missstände in unserer Gesellschaft dramatisch vor Augen. Die Idee für ein Europa im heutigen Verständnis sei nicht zuletzt die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg und dem desaströsen Versagen der Menschen. Die Menschenrechtskonvention sei eine Antwort auf die Barbarei des 20. Jahrhunderts gewesen. „Instrumente zu schaffen zum Schutz und zur Geltung des Rechts, sollte die Priorität jeder Politik sein.“ Zwar hätten alle europäischen Länder die Flüchtlingskonvention verabschiedet, dennoch betrieben die Staaten eine Festungspolitik.

In seine Kritik schließt Kauffmann bewusst auch das Versagen und „die Vertuschungen der staatlichen Organe“ nach den Morden der Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes mit ein. „Auch die Demokratie ist keine Garantie zur Verhinderung der Barbarei, wenn sie nicht täglich durch eine starke, bewusste, wachsame und widerständige Zivilgesellschaft verteidigt, neu erkämpft und verbessert wird“, betont der Friedenspreisträger. Deutschland, die zivilisierte Gesellschaft, müsse beweisen, wie menschenfreundlich sie wirklich ist.

Gerade das Enthauptungstuch von Johannes, das auf der Heiligtumsfahrt in Aachen präsentiert wird, zeigt nach Ansicht Kauffmanns eine Parallele zu den Opfern der Gesellschaft heute. „Die Allegorie des Tuchs liegt auf der Hand“, sagt er. „Denken wir nur an die Habseligkeiten der ertrunkenen Flüchtlinge, die an den Stränden der europäischen Außengrenzen gefunden werden: Kleidung, Schuhe, Spielzeug.“

Ein weiterer Vergleich, auch wenn der nach Kauffmanns Worten nur mit aller Vorsicht zu ziehen sei: „Das, was man heute von diesen Menschen findet, erinnert mich stark an das, was von den Opfern der Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg übrig geblieben ist.“

Gibt es für das Pro-Asyl-Mitglied auch eine Parallele zum Pilgern? „Natürlich lässt sich dieser Bogen spannen.“ Friedensgruppen, Nichtregierungsorganisationen und viele andere würden mit Demonstrationen den öffentlichen Raum suchen – und letztlich auch erobern. „Dazu gehören auch Mahnwachen. Sie sind nichts anderes als ein Aufschrei, dass sich etwas ändern muss in unserer Gesellschaft.“ Für Kauffmann ist diese Protestform das Gebet des 21. Jahrhunderts. „Ich gehe oft auf Demonstrationen. Denn es ist wichtig, für die Menschenrechte zu kämpfen.“ So ähnlich, wie vormals Johannes der Täufer kämpfte.

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