Appell an Frauen, sich in der Kirche zu behaupten

Von: Anja Clemens-Smicek
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Das Marienkleid: ein tunikaartiges Gewand aus naturfarbenem Leinen, durch gewebte Längs- und Querstreifen quadratisch gemustert, vermutlich als Unterkleid genutzt. Es wird als einzige der vier Reliquien während der Heiligtumsfahrt entfaltet. Foto: Karl Kampermann
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Renate Müller: „Hinter jeder Reliquie steckt eine tiefere Botschaft.“ Foto: Diözesanrat

Aachen. Gehören Reliquien in die Mottenkiste? Sind sie ein abstraktes Etwas ohne Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen? Für Renate Müller sind Reliquien auch im 21. Jahrhundert längst nicht aus der Mode gekommen – sei es das Kleid Mariens oder eine im christlichen Verständnis eher untypische Reliquie.

 „Nehmen wir die Fußballvereine. Die haben auch so etwas wie Reliquien. Die werden verehrt, und die Vereine verdienen damit Geld“, sagt die Vorsitzende des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Aachen.

Im Allgemeinen stecke hinter jeder Reliquie eine tiefere Botschaft. „Das ist nicht nur eine Sache, da wird etwas deutlich gemacht. Davon leben wir Menschen“, glaubt Müller. Wie zum Beispiel die Familie, die nach dem Tod der Mutter plötzlich ein billiges blaues Glas wie eine Reliquie verehrt. „Aus dem Glas haben immer die kleinsten Kinder getrunken. Seit dem Sterbetag der Mutter geht das Glas von Kind zu Kind, und selbst die Urenkel trinken jetzt daraus“, gibt die Aachenerin eine Begebenheit aus ihrem Freundeskreis wieder. Das Glas symbolisiere Zusammenhalt und Familie. „Genauso ist es auch mit dem Kleid Mariens. Auch das ist ein Symbol.“

Die Kraft, die von Maria ausgeht

Aber warum soll gerade ein Kleid, das die Jungfrau Maria vor mehr als 2000 Jahren getragen haben soll, heute von Bedeutung sein? „Es hat sogar eine unglaubliche Aktualität“, meint Renate Müller und lenkt den Blick auf das Stück Stoff. „Das ist ein ganz einfaches Kleid“ – passend zu ihrer Stellung. In der Kirchengeschichte sei Maria geradezu verkitscht worden. „Ich bin in meiner Jugend mit sehr viel Skepsis daran gegangen. Der Marienkult war mir immer suspekt. Immer dieses Süßliche, Erniedrigende und die Demütigung.“ Maria sei benutzt worden, um Frauen klein zu machen.

Ein falsches Bild, wie die Katholikin findet. „Wenn wir uns mit dieser Maria beschäftigen, werden wir entdecken, welche Kraft von ihr ausgeht.“ Maria stehe nicht nur für Barmherzigkeit. „Es geht darum, so angenommen zu werden, wie wir sind. Maria steht auch für die Widerständigen in der Kirche“, betont die Diözesanratsvorsitzende. Also das Kleid Mariens als Appell, sich in der Kirche zu behaupten.

Als die Deutsche Bischofskonferenz 1981 das Wort „Zu Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“ veröffentlichte, hatten viele die Hoffnung, die Rollenverteilung könne sich ändern. Immerhin war klar, dass Kirche ohne die Fähigkeiten und Begabungen der Frauen nicht denkbar ist. Fortschritte, so sagt Müller, gab es durchaus. Im Bistum Aachen habe der Bischof nicht nur Männer, sondern auch Frauen beauftragt, Gemeindeleitungen mit wahrzunehmen. Oder auch Beerdigungsdienste. „Da nehmen Frauen Funktionen wahr, wie es in der Kirche nicht selbstverständlich ist“, sagt Müller. „Vor 20 Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, dass Frauen so wie heute Seelsorgeamtsleiterinnen sind.“ Zufrieden ist die Katholiken indes nicht. „Da muss noch eine Schüppe draufgelegt werden“, sagt sie.

Probleme sieht Müller auch in den Gemeinden. „ Es ist nicht die Regel, dass Frauen akzeptiert werden, etwa wenn sie Begräbnisdienst leisten.“ Sie würde sich wünschen, dass eine Welle von unten käme. „Bislang sind das aber die Frauenverbände und die gut organisierten Laien, die das Anliegen innerhalb der Kirche vortragen“, sagt Müller.

Priesterzentrierte Kirche

Die Skepsis gegen eine stärkere weibliche Präsenz erklärt sie sich mit der priesterzentrierten Kirche vor Ort. Doch das ist für Renate Müller kein Grund, sich mit dem Status quo abzufinden. „Frauen sollten auch in Weiheämter kommen.“ So unterstütze sie die Initiative des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Frauen zum Diakonat zuzulassen – „als eigenständiges Amt und nicht als Durchlauferhitzer fürs Priestertum“. Außerdem sollte Frauen das Priesteramt offen stehen. Aber Müller gibt zu: „Da müssen noch dicke Bretter gebohrt werden.“ Als richtiges Signal wertet die Amtsträgerin den Dialogprozess im ZdK, der es ermöglichen soll, Berufungen nicht vom Geschlecht, sondern von Qualifikation und Kompetenz abhängig zu machen – eine Teilhabe also auf allen Ebenen.

Müller glaubt, dass mit einer größeren Partizipation der Frauen auch die allgemeine Kirchenmüdigkeit überwunden werden kann. „Die Frauen meiner Generation wurden sehr stark vom Aufbruch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt. Viele von denen sagen heute, dass ihre Töchter und Enkelinnen nicht mehr so leidensfähig sind wie wir in den Jahren nach dem Konzil.“ Junge Frauen seien heute in der Regel gut ausgebildet. „Die machen dieses überkommene Marienbild nicht mehr mit.“

Und wie wichtig ist für eine aktive Katholikin das Pilgern? „Ich halte viel davon. Gerade in der Gesellschaft, in der wir heute leben, in der alles immer schneller und immer alles sofort sein muss, ist das eine wunderbare Auszeit. Pilgern ist ein wirklich wichtiges Kraftprogramm.“

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