Afrika-Experte Hans Maier: Wallfahrt hat symbolischen Wert

Von: Marco Rose
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Lendentuch Jesu: ein grobes gräulich-dunkles Leinengewebe mit bräunlichen Blutspuren, das wahrscheinlich Teil eines größeren Gewandes war. Ob Jesus am Kreuz ein Lendentuch getragen hat, ist unter Theologen immer wieder diskutiert worden. Die biblische Leidensgeschichte erwähnt davon nichts. Foto: Karl Kampermann

Aachen. Es gibt Bilder, die verfolgen Hans Maier auch nach vielen Jahren noch. Wie vor seinen Augen ein Häftling in einem düsteren Gefängnis auf Madagaskar stirbt; wie ein an Malaria erkranktes Baby in Burundi mit dem Tod ringt; wie eine Mutter in Kinshasa sechs Kinder alleine aufziehen und ernähren muss.

Der ehemalige Leiter der Afrika-Abteilung des katholischen Hilfswerks Misereor hat einen Weg gefunden, mit diesem unfassbaren Leid, das er gesehen hat, umzugehen. Das Wissen, helfen zu können, gehört dazu. Solidarität, Spiritualität und Gemeinschaft zu erleben, ebenfalls. „Ich glaube an die Idee der Wallfahrt“, sagt Maier. „Und zwar unabhängig davon, ob eine Reliquie wie das Lendentuch nun tatsächlich von Jesus getragen wurde. Das ist nicht relevant.“ Wichtig sei vielmehr die Symbolik, das Gemeinschaftsgefühl. „Durch meine Zeit in Afrika habe ich einen engen Bezug zu solchen Symbolen entwickelt“, sagt der 76-Jährige.

Afrika! Das ist Hans Maiers große Leidenschaft, sein Leben. 1973 besucht der gebürtige Unterfranke erstmals den schwarzen Kontinent. Zwei Jahre arbeitet er als Sekretär bei Missionaren in Sambia, danach schließt er sein Ethnologie-Studium in Straßburg ab. Dass er anschließend zu Misereor nach Aachen kommt, ist für ihn nur folgerichtig. Denn er will zu den Leidenden gehen. „In einem Teil von Kirche aktiv zu sein, in dem ich mein eigenes Denken über Jesus wiederfinde, war für mich entscheidend. Sich um Menschen zu kümmern, die leiden, weil sie hungern, weil sie krank und ausgeschlossen sind. Das ist für mich die wahre samaritanische Kirche.“

In Papst Franziskus hat Maier einen neuen Motivator gefunden. „Es genügt nicht, dem unter die Räuber Gefallenen die Wunden zu verbinden; man muss verhindern, dass es Straßen gibt, auf denen die Menschen unter die Räuber fallen“, zitiert Maier aus einem apostolischen Brief des Papstes. Konkret bedeute dies für Misereor: Es genüge keinesfalls, nur zu helfen. Auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse müsse man so beeinflussen, dass die Leidenden überhaupt eine faire Chance hätten. „Die Menschen müssen ihre eigene Kraft entdecken.“ Dem Gefallenen zu helfen, sich selbst zu erheben. Darum geht es Maier, der gerne in biblischen Bildern spricht.

27 Jahre lang arbeitet der Ethnologe bei Misereor, er verantwortet mehr als 70 Hilfsprojekte, fliegt jährlich bis zu drei Mal nach Afrika; dann geht er 2003 in den Ruhestand. Doch der währt nicht allzu lange: Nach sieben Jahren, die er mit seiner Frau in Frankreich verbringt, folgt Maier im Jahr 2010 einem Hilferuf aus Aachen. Der Grund: die Erdbebenkatastrophe in Haiti. Der Afrika-Experte ist mit seiner immensen Projekterfahrung und seinen Sprachkenntnissen ein gefragter Mann.

Drei Jahre lang koordiniert er die Arbeit des katholischen Hilfswerks in der Katastrophenregion mit einem Budget von fast 13 Millionen Euro. Und Maier erlebt Glücksgefühle, die ihn auch im fortgeschrittenen Alter weiter beflügeln: „Wir sind zu den Leuten gegangen und haben ihnen gesagt: Wir werden Euch keine Häuser bauen, aber wir werden Euch helfen, dass Ihr Euch selbst Häuser bauen könnt – mit Euren eigenen Materialien, mit Eurer traditionellen Technik.“ Die Situation ist tatsächlich schwierig: Rund um das von Misereor betreute Dorf hat die UNO tausende Fertighäuser aus dem Boden gestampft, ohne dass die dort lebenden Menschen helfen können oder in irgendeiner Weise eingebunden werden.

Für Maier ist dies ein gutes Beispiel für die Arbeitsweise von Misereor: „Natürlich war es anfangs nicht leicht, die Menschen zu motivieren; schließlich sollten sie im Gegensatz zu ihren Nachbarn die Häuser selbst bauen. Inzwischen sind sie aber sehr stolz: Sie haben ihr Dorf nach eigenen Vorstellungen wieder aufbauen können und wichtige Fertigkeiten erlernt. So war dieses Projekt ein voller Erfolg.“ Die Fertighäuser der UNO hingegen seien von den Menschen letztlich nicht angenommen worden. Die meisten stünden inzwischen wieder leer.

Auch nach dem Abschluss des Haiti-Projekts bleibt Hans Maier Misereor verbunden. Derzeit hilft er in der Afrika-Abteilung aus, zudem leitet er seit Jahren Workshops und Seminare zur kirchlichen Sozialethik. Und wenn er dann doch einmal zu viel Freizeit haben sollte, will der Entwicklungshelfer seine Erfahrung aus mehr als 70 Projektreisen in einem Buch verarbeiten.

Zum Schluss zitiert Maier einmal mehr Papst Franziskus: „Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen.“ Der Papst sage das, was bei Misereor gelebt werde, meint Maier. „Meine eigene Spiritualität hat das enorm geprägt.“

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